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Dialektaler Menschenfischer – so bezeichnete Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache den diesjährigen Preisträger der „Bairischen Sprachwurzel“. Den Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler.

"SAKRAMENTE MUASST SPÜRN"

Dialektpreis für Münchner Kult-Pfarrer: Die bairische Seligkeit

München - Er predigt im Dialekt. Und auch im Fernsehen redet er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dafür ist der Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler mit dem Dialektpreis „Bairische Sprachwurzel“ ausgezeichnet worden.

Er predigt im Dialekt. Und auch im Fernsehen redet er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dafür ist der Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler mit dem Dialektpreis „Bairische Sprachwurzel“ ausgezeichnet worden. Vor lauter Freude hielt er die längste Dankesrede aller Zeiten – natürlich auf Bairisch.

Herr Schießler, Sie stehen jetzt in einer Reihe mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Auch ihm wurde die Bairische Sprachwurzel verliehen.

In der Reihe stehe ich so auch, er ist geweihter Priester, ich bin geweihter Priester. Aber ich habe mich wahnsinnig gefreut. Ich habe mir schon so viele dumme Kommentare anhören müssen: Der Schießler banalisiert das Wort Gottes, hieß es. Aber ich rede ja nicht Bairisch, damit es besser klingt, sondern weil es Gefühlszustände gibt, die ich nur so ausdrücken kann.

Was kann man denn nur auf Bairisch erklären?

Einen „vareggtn Hund“ zum Beispiel. Das ist keine Beleidigung, sondern das größte Lob, das man kriegen kann. Das ist einer, der mit seinem Leben was anfangen kann, der Lösungen hat, der nicht aufsteckt. So einer möchte ich sein.

War es eine bewusste Entscheidung, die Predigten im Dialekt zu halten?

Nein, nein. Das ist ein natürlicher Prozess. Es geht darum, dass man bairisch lebt, fühlt, denkt. Das kann halt nicht jeder. Ich kann auch nicht plattdeutsch reden, fühlen und denken. Aber mit der Sprache kann man einen Zustand der Seligkeit ausdrücken. Und das spüren die Leute.

Gibt es Momente, in denen Sie lieber ins Hochdeutsche wechseln?

Ja natürlich, zum Beispiel wenn ich erklären muss, was ein Dogma ist. Aber auch, wenn ich auf Bairisch formulierte Fürbitten bekomme. Ich finde, da passt das nicht. Vorgetragene Texte in der Liturgie auf Bairisch sind Blödsinn. Es muss schon Authentizität da sein.

Ihr Chef Kardinal Reinhard Marx kommt aus Westfalen. Versteht der Sie überhaupt?

Ich treffe ihn nie, er trifft mich nicht. Es gibt so wenig Kontakt im normalen Leben zwischen Bischof und Priester. Ich halte mich da an meine Erziehung, die hieß: Geh nicht zu Deinem Fürsten, wenn Du nicht gerufen wirst. Ich bin nicht wegen ihm Priester geworden. Wenn er etwas will, kann er sich melden. Und wenn ich was brauch’, werd ich mich auch melden, darauf kann er sich verlassen. Aber diesen Preis wird er nie bekommen, da kann er sich noch so anstrengen (lacht).

Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache hat Sie einen „dialektalen Menschenfischer“ genannt. Ist es denn im Dialekt einfacher, die Menschen zu erreichen?

Für mich schon, weil es ja meine Sprache ist. Ich denke, Sprache entscheidet über alles. Mein Heimatpfarrer hat vor meiner Weihe gesagt: Schau, das ist Dein Vorteil, Du kannst Bairisch, ich kann es nicht. Ich werde die Menschen hier nie so erreichen wie Du. Das war für mich damals wie eine Offenbarung. Wir

müssen den Leuten nach dem Mund reden, damit wir sie gewinnen können.

Eine Messe ausschließlich auf Latein, wie sie manche wollen, ist davon genau das Gegenteil.

Das könnte ich nicht. Wir durften es nicht lernen. Und das ist auch das Paradoxe nach dreißig Priesterjahren. Dass heute Dinge, die vor 30 Jahren ausdrücklich reaktionär und verboten waren, scheinbar wieder erwünscht sind. Ich treibe mich nicht so viel herum in offiziellen Kirchenkreisen, aber für mich ist das erschreckend. Was ist denn in diesen 30 Jahren passiert?

Früher hatten Dialektsprecher mit Vorurteilen zu kämpfen. Haben Sie das auch erlebt?

Ich hatte das wahnsinnige Glück, dass mir nie einer gesagt hat, wer Dialekt redet, ist dumm. Den möchte ich erleben, der meint, mich eingrenzen zu müssen. Ich kann sofort umschalten auf Schriftdeutsch. Was glauben Sie, wie ich Hochdeutsch reden kann, wenn ich narrisch bin.

Wie erleben Sie es heute in München? Wie viel Dialekt ist noch da?

Wenig. Ich kann keine bairischen Hirtenspiele mehr machen, weil ich keine Kinder und Jugendlichen habe, die noch Bairisch sprechen. Eigentlich habe nur noch einen, der es spricht, weil er mit seinen Eltern früher in den Ferien immer in Niederbayern war. Aber für mich ist das kein Problem. Ich werde meinen Stil nicht ändern. Ich verstehe die Leute und sie mich meistens auch, denke ich.

Welchen bairischen Ausdruck mögen Sie besonders gerne?

Bluat von da Gams – als Ausdruck des Erstaunens. Und ein wunderschöner Begriff, den ich mir von Bruno Jonas abgeschaut hab: Ein Maustotquatscher. Oder jemanden einegwandln. Wie sagt Paulus im Brief an die Kolosser: Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld. Das ist einegwandln. Da soll noch einer sagen, dass das Bairische keine Verkündigungssprache ist.

Interview: Dominik Göttler

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