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51.000 Flüchtlinge kamen im Zeitraum von 31. August bis 11. September 2015 am Münchner Hauptbahnhof an, allein 20.000 an dem Wochenende vor genau einem Jahr. Oberbürgermeister Dieter Reiter war in diesen Tagen ein gefragter Mann, auch seitens der Medien. 

Interview ein Jahr nach der Flüchtlingsankunft

"Obergrenze" will OB Dieter Reiter nicht hören

München - Ein Jahr Flüchtlinge in München. Oberbürgermeister Dieter Reiter erinnert sich im Gespräch mit unserer Zeitung an Bilder, die um die Welt gingen.

Hinter dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters hängt das Bild von der Großdemo gegen Pegida am Sendlinger Tor im Januar 2015. Gegenüber das Bild vom Dankeschön-Konzert für die Flüchtlingshelfer am Königsplatz. Dieter Reiter (SPD) hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Merkels Satz „Wir schaffen das“ teilt. Vor einem Jahr, als am ersten September-Wochenende etwa 20 000 Flüchtlinge in München ankamen, war Reiter mit seinem Krisenstab im Dauereinsatz. 

Herr Reiter, vor einem Jahr gab es nach der Grenzöffnung in Ungarn eine Vorahnung, dass tausende Flüchtlinge nach München kommen könnten. Wie haben Sie davon erfahren?

Es kamen ja schon in den Tagen davor am Hauptbahnhof hunderte Flüchtlinge pro Tag an. An diesem Wochenende selbst habe ich keine offizielle Mitteilung bekommen, dass die Grenzen geöffnet werden sollen. Ich hab das aus den Medien erfahren. Niemand hat mich angerufen und gesagt: Achtung, die Bundeskanzlerin hat jetzt etwas mitzuteilen. Ich finde das aber auch nicht besonders verwunderlich oder überraschend.

Wir schon. Das deutet ja darauf hin, dass der Informationsfluss von Merkel zur Landesregierung spärlich gewesen sein muss. Wer war Ihr Ansprechpartner aus der hohen Politik?

"Wir mussten uns ständig neuen Gegebenheiten stellen"

Gottseidank hat sich schon in den Tagen zuvor ein professioneller Stab am Hauptbahnhof gegründet, bestehend aus dem Regierungspräsidenten Hillenbrand, allen Diensten, dem Sozialreferat und meiner Wenigkeit. Hauptansprechpartner war für mich der für die Unterbringung zuständige Regierungspräsident. Wir saßen Tage und Nächte zusammen und haben alle notwendigen Schritte besprochen. Wir mussten uns ständig neuen Gegebenheiten stellen. Wir dachten ja zunächst, Notunterkünfte, Essen, Transportmöglichkeiten für ein paar tausend Menschen bereitzustellen, bringt uns an den Rand unserer Kapazitäten. Dann haben wir aber an einem Tag auch 10.000 Ankommende gestemmt. Man wächst mit seinen Aufgaben.

Zwischenzeitlich riss Ihnen der Geduldsfaden mangels Solidarität anderer Bundesländer bei der Verteilung der Flüchtlinge ...

Ich habe mich damals laut und deutlich über die mangelnde Solidarität anderer Bundesländer beklagt. Das hat mir dann sehr schnell Anrufe aus dem Kanzleramt eingebracht.

Also erst, nachdem Sie sich öffentlich beklagt haben, folgte ein Echo?

Ja, ich verstehe aber auch, dass Kanzleramtsminister Altmaier mich nicht sofort angerufen hat. München hat bei den Bildern, die um die Welt gingen, nicht unbedingt den Eindruck erweckt, als würden wir um Hilfe schreien. Dass es anfangs mit der Verteilung nicht so geklappt hat, war verständlich: Dafür braucht man Züge und Ziele. Aber als nach einer Woche immer noch nichts weiterging, hab ich mich schon beschwert.

Die Stadt musste das alles selbst organisieren?

Die Regierung von Oberbayern, die Stadt und das Sozialministerium. Es ging darum, Züge zur Weiterverteilung zu organisieren. Ich hab auch mit Bahnchef Grube telefoniert. Wir brauchten dringend eine verbindliche Entscheidung von höchster Stelle.

Haben Sie auch mit der Kanzlerin gesprochen?

Nicht persönlich. Das hat Minister Altmaier übernommen. Ich hab auch mit Vizekanzler Gabriel öfter gesprochen. Er hatte sich bei mir gemeldet, auch schon in der ersten Woche, und gefragt, ob er etwas tun kann. Von ihm hatte ich auch den Kontakt zu Herrn Grube bekommen.

Irgendwann funktionierte die Kommunikation.

"Vieles musste improvisiert werden"

Ja, vor allem, je näher die Eröffnung der Wiesn rückte. Aber manchmal war es schon schwierig. Wir saßen oft bis Mitternacht am Hauptbahnhof – und wussten nicht: Kommt jetzt noch ein Zug? Wie bringen wir die Menschen dann unter? Für mich war es schwer verständlich, dass einem angesichts der Nachrichtenlage niemand sagen konnte, ob und wann ein Zug aus der Nachbarrepublik ankommt – und mit wie vielen Flüchtlingen. Vieles musste improvisiert werden.

Am Hauptbahnhof wurde der Begriff der Willkommenskultur geprägt. Waren Sie überrascht, welche Wellen dieses Ereignis weltweit schlägt?

Willkommenskultur ist kein neuer Begriff. Die Münchner haben mit viel Herz gezeigt, was er bedeutet. Als immer mehr Anfragen auch von internationalen Sendern kamen, wurde mir schon deutlich bewusst, dass es eine solche Situation in der Nachkriegsgeschichte hier mitten in Europa wohl noch nicht gegeben hat. Viele Beobachter waren sicher positiv überrascht, wie München reagiert hat und wie es gelungen ist, die Situation in den Griff zu bekommen.

Das Wochenende vom 5./6. September 2015 dürfte einen Platz in Geschichtsbüchern bekommen ...

Kann durchaus sein. Dieses Wochenende wäre, bei aller Anerkennung für Behörden und Organisationen, ohne den Einsatz der Münchner Bürger nicht zu bewältigen gewesen. Die Ereignisse fanden ja sogar Widerhall auf der Titelseite der New York Times.

Gab es Momente, als Sie dachten: „Wir schaffen das nicht“?

"Freunde, so kann es nicht weitergehen"

Ich bin ein Mensch, der Herausforderungen annimmt. Es hätte mir relativ wenig gebracht, nach drei Tagen zu sagen: Wir schaffen das nicht. Die Frage war für mich kein Thema. Wir haben uns zusammen mit der Regierung immer nach der Decke gestreckt und Unterbringungsmöglichkeiten gefunden. Auch, als plötzlich Tausende binnen kürzester Zeit ankamen. Erst als ich gemerkt habe, uns gehen die Unterkünfte aus und die Verteilung funktioniert nicht, habe ich auch klar artikuliert: Freunde, so kann es nicht weitergehen. Wir können nicht alle Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, direkt nach München fahren. Das hat auch damit zu tun, dass ich die Ankommenden menschenwürdig untergebracht wissen wollte. Es reicht ja nicht, die Flüchtlinge in Hallen zu pferchen und zu sagen: Gut, jetzt haben wir sie erst mal untergebracht.

Der große Zustrom hat zweifelsohne die politische Landschaft verändert – auch in München?

"Die Akzeptanz ist immer noch hoch"

Ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft signifikant verändert hat. Schauen Sie sich doch die Dimension der Pegida-Bewegung in München nach einem Jahr an, wie wenig deren Parolen verfangen. Uns war auch wichtig, die Unterkünfte über das Stadtgebiet zu verteilen, was dazu geführt hat, dass die Akzeptanz in unserer Stadt immer noch hoch ist. Das Thema ist zwar nicht aus der Wahrnehmung verschwunden, aber nicht mehr täglich im Blickpunkt.

Ist es vielleicht ein Problem, dass das Thema nicht mehr im Blickfeld ist? Stichwort Integration.

Im Gegenteil. Wir sind dabei, die Menschen durch Ausbildung, Schule, durch Jobs in die Stadtgesellschaft zu integrieren. Klar ist das Thema Integration nun das Wichtigste. Aber dafür habe ich auch einen Integrationsplan angestoßen – mit Arbeitsamt, Jobcenter, Verwaltung, Unternehmen. Das ist uns auch in den 70er-Jahren gelungen, als viele Gastarbeiter zu uns kamen.

Gelassenheit und Weltoffenheit – sind das Münchner Charakterzüge?

Sicher beides, so leicht regt den Münchner nichts auf.

Ihr Parteichef Gabriel hat von einer Integrations-Obergrenze gesprochen. Ist das dem Wahlkampf geschuldet?

(lacht) ... Ich kann ja nicht wissen, was im Kopf meines Parteivorsitzenden vorgeht. Ich ahne aber, dass es etwas mit bevorstehenden Wahlterminen zu tun hat. Ich erinnere auch an die Burka-Debatte – für mich eine Scheindiskussion, die gerade jetzt in Wahlkampfzeiten eine Rolle spielt.

Finden Sie es gut, dass Gabriel das Thema spielt?

Ich finde den Begriff wirklich nicht passend. Was er sagt, ist aber eine Binsenweisheit. Es ist doch klar, dass die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft nicht unbegrenzt ist, das gilt natürlich auch für München. Aber das hat er in einen Begriff gekleidet, den ich ungern höre und den ich selbst nicht verwenden würde.

Zurück zum Hauptbahnhof im September 2015: Was hat Sie damals am meisten beeindruckt?

"Hilfsbereitschaft der Münchner war sensationell"

Die spontane Hilfsbereitschaft der Münchner, das war sensationell. Immer wenn wir in den sozialen Netzwerken einen Aufruf starteten, mussten wir eine Dreiviertelstunde später sagen: Genug, genug! Sonst hätten wir nicht mehr gewusst, wo wir die Dinge alle lagern können. Als wir Isomatten brauchten, hatten wir rasch meterhoch Isomatten am Ankunftszentrum. Oder Babynahrung und Toilettenartikel. Diese unglaubliche Hilfsbereitschaft hält bis heute an. Ich hab immer noch Listen von Bürgern, die sagen: Wenn ihr mich braucht, ich bin da – und das sind hunderte.

Gibt es einen besonderen Moment, an den Sie sich erinnern?

Ja, an eine Familie aus Afghanistan, die ihr Kind am Hauptbahnhof gesucht hat, das auf der Flucht schon in Ungarn verloren gegangen war. Die Familie war am Boden zerstört. Wir haben herumtelefoniert, das Sozialreferat hat alle Unterkünfte abgeklappert. Fast unglaublich, aber wahr: Einige Stunden später hatten wir das Mädchen. Ein afghanischer Jugendlicher hatte die Kleine an die Hand genommen und einfach während der gesamten Flucht auf sie aufgepasst. Oder die berührende Szene, als ein kleiner Junge mich am Hosenbein zupft und fragt: „Hello, how are you?“

Hätten Sie im Nachhinein irgendetwas anders gemacht?

Nein. Es ging alles vom Improvisieren fließend in eine koordinierte und professionelle Zusammenarbeit über. Vielleicht hätte ich früher laut sagen sollen, dass die Verteilung auf den Rest der Republik besser klappen muss. Ansonsten ist alles vorbildlich gelaufen. Man kann nur vor allen Beteiligten den Hut ziehen.

Klaus Vick

Klaus Vick

E-Mail:klaus.vick@merkur.de

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