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Deutschlands beste Nachwuchs-Tätowiererin: Melissa Flattinger ist bei der Tattoo-Messe „Tattoomenta“ ausgezeichnet worden.  „Das erste Tattoo, das ich gestochen habe, war das Münchner Kindl“, sagt sie. „Ein Kunde wollte eine SS-Rune am Hals. Da mache ich nicht mit“

Interview mit Münchner Tattoo-Künstlerin

„Pusteblumen sind das neue Arschgeweih“

München - Gerade wurde die junge Münchnerin für ihre Kunst ausgezeichnet: Uns verrät die Tätowiererin Melissa Flattinger die aktuellen Trends und die schmerzhaftesten Körperstellen für Tattoos.

Melissa Flattinger (21) ist Deutschlands beste Nachwuchs-Tätowiererin. Vor zwei Wochen hat die Jury der Messe „Tattoomenta“ die Münchnerin ausgezeichnet. Wir haben mit ihr über aktuelle Tätowierungs-Trends gesprochen. Die 21-Jährige erklärt, warum man sich lieber nicht den Namen seines Partners stechen lassen sollte und was sie stattdessen empfiehlt. Ein Besuch im Pasinger Tattoo-Studio „Corpsepainter“.

Frau Flattinger, tätowieren Sie eigentlich jeden Wunsch?

Nein, es gibt Grenzen.

Wo verlaufen die bei Ihnen?

Ganz klar im Intimbereich. Ein Mann wollte mal ein altes Tattoo auf seinem Geschlechtsorgan ändern lassen. Das mache ich nicht.

Es gab mal eine Tätowierung, die kam so häufig vor, dass man ihr einen Spitznamen verlieh: das „Arschgeweih“ – ausladende Ornamente oberhalb des Steißes. Viele bereuen dieses Tattoo mittlerweile. Gibt es solche Trends noch? Was ist das „Arschgeweih“ von heute?

In den letzten zwei Jahren wollten ziemlich viele Leute eine Pusteblume, Vögel oder Unendlichkeitsschleifen in Kombination mit einer Feder. Vielleicht sind das die „Arschgeweihe“ von Morgen.

Sie erzählten gerade von Änderungswünschen bestehender Tätowierungen. Wie viel Prozent Ihrer Kunden kommen deshalb?

Bestimmt 80 Prozent. Ich freue mich, wenn jemand wirklich ein neues Tattoo haben möchte, auf unbemalter Haut.

Was sind das für Motive, die Ihre Kunden abändern wollen?

Oft sind es Namen oder Porträts der Ex-Partner. Daher raten wir grundsätzlich ab, sich so etwas stechen zu lassen.

Warum?

Sie kennen doch die Trennungs- und Scheidungsraten. Das Risiko, dass jemand so eine Tätowierung bereut, ist viel zu groß. Aber wenn er es unbedingt will, dann bekommt er es schon.

Was empfehlen Sie statt Partnernamen?

Paare haben oft besondere Symbole oder spezielle Erlebnisse. Da finden sich viele alternative Motive. Und es ist nicht so schlimm, wenn man sich trennt und ein Hase oder ein Igel auf der Haut übrig bleibt, statt des Gesichts des Ex-Partners.

Was wäre so ein Motiv zwischen Ihnen und Ihrem Freund?

Ein Kochlöffel.

Verstehe. Weil sie gerne gemeinsam kochen?

Nein.

Weshalb dann?

Das bleibt unser Geheimnis.

Schade, jetzt haben Sie mich neugierig gemacht.

Trotzdem.

Manche Leute lassen sich auch das ganze Gesicht tätowieren. Was halten Sie davon?

Da rate ich zur Vorsicht. Überlegen Sie mal, was ist das für ein Zeichen, wenn Sie im Gesicht oder auf den Händen tätowiert sind? Es suggeriert, dass sie bereits am ganzen Körper tätowiert sind, keinen Platz mehr hatten und deshalb auf Gesicht und vielleicht Hände ausgewichen sind.

Sie sind erst 21, wirken aber sehr erfahren. Wie hat Ihre Karriere begonnen?

Ich wusste schon mit 14, dass ich Tätowiererin werden will. Da hab ich schon zwei Mal die Woche meinem heutigen Chef Julian über die Schulter geschaut. Es war mein erstes Praktikum.

Woher wussten Sie so früh, welchen Beruf Sie ergreifen wollen?

Ich habe mich schon immer für Tattoos interessiert, viel gezeichnet und Motive erstellt. Mein Bruder brachte mich auf die Idee, es mal in einem Tattoo-Studio zu probieren.

Welche Tattoo-Stile gefallen Ihnen am besten?

Dotwork, Mandala, Ornamente.

Was ist das genau?

Dotwork bedeutet, Schattierungen mithilfe von Punkten darzustellen. Mandalas sind Ornamente mit orientalischen Wurzeln.

Was zeichnet einen Mandala aus?

Es besteht aus geometrischen und symmetrischen Formen.

Was war die erste Tätowierung, die Sie gestochen haben?

Das Münchner Kindl, auf dem Oberschenkel meines Bruders. Ganz klein, in schwarz.

Weil er überzeugter Münchner ist oder weil ihm Bier schmeckt?

Beides!

Wie alt waren Sie da?

15 oder 16.

Finden sich viele freiwillige Versuchsobjekte?

Ja, Tattoos sind ja normalerweise recht teuer. Und da freuen sich die Leute, wenn sie eines umsonst bekommen.

Wie viel kostet denn so ein Tattoo?

Kann man nicht sagen. Das ist so wie die Frage: Was kostet ein Auto?

Und wie groß ist die Bandbreite?

Auch wenn Sie nur einen kleinen Punkt tätowiert haben wollen, kostet das mindestens 50 Euro. Der Aufwand ist groß: Aufbauen, abbauen, säubern, sterilisieren... Nach oben gibt es kein Limit. Man kann sich ja den ganzen Körper tätowieren lassen, in mehreren Sitzungen. Das kostet tausende Euro.

Wie groß ist der Aufwand genau, eine Tattoo-Session zu starten?

Das können sich viele Leute gar nicht vorstellen. Erst einmal desinfiziere ich meinen Arbeitsplatz. Danach bedecke ich alles, was ich mit meinen Händen anfasse, mit einer Folie, bis es losgeht. Nun richte ich die Maschine, meine Farbe, die Farbbecher, das Griffstück, die Nadeln, Tücher zum Abwischen, die Folie und die Wundcreme her. Tattoos werden ja zum Schluss eingecremt und abgeschirmt. Und dann desinfiziere ich wieder alles und lege die Instrumente in den Ultraschallreiniger – und alles geht von vorne los. Das war jetzt der Schnelldurchgang.

Klingt aufwändig. Wie viele Personen tätowieren Sie im Schnitt täglich?

Etwa zwei. Das ist aber wirklich nur ein Durchschnittswert. Manchmal bin ich auch den ganzen Tag mit einem einzigen Tattoo beschäftigt.

Welches Motiv würden Sie niemals tätowieren?

Rechtsradikale Motive zum Beispiel. Ein Kunde wollte eine SS-Rune am Hals. Da mache ich nicht mit. Aber grundsätzlich bin ich schon offen, so lange es keine verbotenen oder bedenklichen Bilder sind. Das Motiv muss mir nicht zwingend gefallen, sondern demjenigen, der es haben will.

Sie haben auch den Wettbewerb bei der „Tattoomenta“ in Kassel mit einem Mandala gewonnen. Was ist da genau zu sehen.

Die Vorgabe der Jury war, ein Mischwesen zu schaffen. Ich habe eine Nacktkatze mit Geweih, Maserung, Schuppenhals und Ornamenten gewählt.

Was ist denn eine Nacktkatze?

Das sind tolle Tiere. Sie sehen aus wie außerirdische Babykoboltäffchen. Ich habe zwei zu Hause: Michl und Amalia. Amalia fühlt sich an wie ein warmer Pfirsich. Außerdem sind sie enorm schlau. Sie reagieren auf kleinere Befehle wie „Sitz!“

Aber dann käme doch ein Hund auch in Frage.

Nein, das ist nicht meins. Ich gehe bei Kälte ungern Gassi.

Zurück zu den Tattoos. Was ist Ihnen lieber: wenn jemand keine Ahnung hat, welches Bild er sich stechen lassen möchte oder wenn er Ihnen freie Hand gibt?

Die Mischung ist eigentlich am schönsten. Also wenn jemand ungefähr weiß, in welche Richtung es gehen soll und mich dann entfalten lässt.

Ein Beispiel?

Wenn Sie etwa einen Waschbär tätowiert haben wollen und dazu das Bild einer Rose mitgebracht haben, dessen Zeichenstil Sie mögen. So tue ich mich leicht.

Welche Motive haben Sie sich selbst stechen lassen?

Auf dem einen Arm ist es Ganesha – eine Gottheit im Hinduismus –, auf dem anderen Arm eine indische Kuh. Meine beiden Fußrücken sind auch tätowiert. Eine Blume und Ornamente.

Wo sind Tätowierungen am schmerzhaftesten?

Dort, wo man eigentlich gar keine Tattoos haben will. Handinnenfläche, Fußrücken, Gelenkgegenden und natürlich die Intimzone.

Schon mal jemanden kennengelernt, der auf den Schmerz beim Tätowieren steht und ihn kaum spürt?

Nein. Einige kokettieren damit. Aber ich glaube nicht daran. Ich denke, es tut jedem weh, mal mehr, mal weniger.

Nach so viel Tattoo-Erfahrung: Welche Motive beeindrucken Sie?

Konzepttattoos über den ganzen Körper, aber auch nur, wenn sie ruhig wirken und symmetrisch sind. Das ist große Kunst.

Ist es eigentlich noch rebellisch, sich tätowieren zu lassen?

Überhaupt nicht. Ärzte, Anwälte, Hilfsarbeiter, Arbeitslose... Heutzutage lassen sich Menschen aus allen Berufsgruppen tätowieren. Einer unserer Kunden zahlt sein Tattoo mit dem Erlös aus Flaschenpfand ab.

Das Gespräch führte Hüseyin Ince

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