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Anna Rung ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche.

Nach Amoklauf in München

Psychotherapeutin: "Sechs Prozent der Jugendlichen leiden an einer Depression"

München - Expertin Anna Rung spricht im Merkur-Interview über die Entstehung psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen – und die Probleme für die Therapeuten.

Wie wird seelisch kranken Jugendlichen geholfen? Und was ist in der Pubertät in den Köpfen und Seelen los? Anna Rung, staatlich geprüfte Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, arbeitet an der Deutschen Akademie für Psychoanalyse in München.

Frau Rung, welche Erkrankungen bei Jugendlichen haben zugenommen?

Spürbar zugenommen haben Erkrankungen aus dem Schulbereich, etwa ADHS oder Legasthenie. Auch emotionale Störungen spielen eine große Rolle. Begleitend sind häufig Ängste, Gefühle des Ausgeschlossenseins, Andersseins, Versagens, auch aufgrund eines hohen Leistungsdrucks, ein verminderter Selbstwert und ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl ausschlaggebend für eine Diagnose. Etwa sechs Prozent der Jugendlichen leiden an einer Depression. Symptome sind sozialer Rückzug und damit Isolation, eine negative Sicht auf die Umwelt, die Zukunft und die eigene Person, übermäßige Gefühle der Sinnlosigkeit und der Schuld, auch vegetative Symptome wie Schlafstörungen, Bauch- und Kopfschmerzen, Suizidgedanken. Auffällig ist, dass die Eltern sich schneller als früher professionelle Beratung und Unterstützung holen – oft auf Anraten der Schule, des Kindergartens oder des Ausbildungsbetriebs.

Was sind häufige Ursachen für diese Diagnosen?

Die Entstehung einer psychischen Erkrankung ist sehr komplex. Es wäre falsch zu sagen, eine Depression entwickle sich nur aufgrund von Mobbing. Es spielen genetische, neurobiologische, zwischenmenschliche, familiäre und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Jugendliche mit sozial schwachem oder Migrationshintergrund können eher davon betroffen sein, psychisch zu erkranken – wenn ihnen Ressourcen und die gesellschaftliche Anbindung fehlen.

Ist Mobbing in der Schule schlimmer als früher, weil es sich durch soziale Netzwerke verstärkt?

Vom subjektiven Empfinden: ja. Weil das Mobbing nicht auf den schulischen Alltag beschränkt bleibt, sondern die Jugendlichen auch in ihrer Freizeit massiv durch soziale Medien wie WhatsApp, etwa das Verschicken peinlicher Fotos, ausgeschlossen werden. Darauf haben Lehrer keinen Einfluss, die Eltern wissen oft nichts davon. Der Jugendliche wendet sich oft nicht an Vertrauenslehrer oder Bezugspersonen – weil es seiner Entwicklungsaufgabe, selbständig zu werden, entgegensteht. Sich Hilfe zu holen, kann dann fast genauso beschämend sein wie gemobbt zu werden. So bleiben sie isoliert und machtlos gegenüber dem Vorgehen der Gleichaltrigen.

Was passiert eigentlich in der Pubertät, das Verzweiflung und Wut so stark werden lassen kann?

Die Pubertät und das frühe Erwachsenenalter ist eine sehr belastende und verwirrende Zeit. Neben der körperlichen Veränderung spielt die Autonomie-Entwicklung und Ablösung vom Elternhaus eine wichtige Rolle. Die Identitäts-Entwicklung und die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen werden angestrebt. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind oft irritiert, welchem Land sie zugehören, und haben es noch schwerer in ihrer Identitätsfindung: Wer bin ich? Was will ich tun? Wo gehöre ich dazu? Wenn sie ausgeschlossen oder ausgelacht werden, sich minderwertig und hilflos fühlen, kann das dazu führen, dass der Jugendliche sich keiner Peer-Group (eine Gruppe mit gemeinsamen Interessen) anschließen kann, mit der er seine Erfahrungen teilen kann. Dies kann zu Isolation, Verzweiflung, Schuld- und Versagensgefühlen, Scham und einer Generalisierung der destruktiven Aggression führen: wenn sich die Aggression nicht auf bestimmte Personen richtet, sondern gegen „die ganze ungerechte Welt“.

Halten Sie das Netz von Hilfsangeboten in München für engmaschig genug?

Es gibt sehr viele Angebote in München. Allerdings beruhen alle auf Freiwilligkeit. Das bedeutet, die Familie muss sich aktiv an das Jugendamt oder einen Psychotherapeuten wenden. Ausgenommen sind natürlich richterliche Auflagen. Ein weiteres Problem sehe ich im negativen Image des Jugendamts. Viele Familien fantasieren sofort, dass ihnen das Kind weggenommen wird, wenn man sich ans Amt wendet, und sehen nicht die Unterstützung durch Jugendhilfemaßnahmen. Dies hängt wieder mit Ängsten, Schamempfinden und Schuldgefühlen zusammen. Ein weiteres Problem sehe ich in der Stigmatisierung psychisch Kranker und der Tabuisierung. Es bräuchte mehr präventive Aufklärungsarbeit an Schulen, über Mobbing und psychische Erkrankungen. Bei der Psychotherapie ist es leider so, dass es eine Wartezeit von etwa drei Monaten gibt, wenn man einen Therapeuten sucht.

Wie kommt ein Jugendlicher in Therapie?

Ein Jugendlicher kann ab dem 16. Lebensjahr auch ohne Einverständnis der Eltern einen Therapeuten aufsuchen. Meist geht es aber von der Schule oder den Eltern aus. Doch auch wenn Eltern oder Lehrer die Therapie für nötig halten, muss ein Jugendlicher ebenfalls zustimmen. Ein Arzt kann die Dringlichkeit betonen, ihn aber nicht zwingen. Es ist oft eine monatelange Vorarbeit in den Praxen notwendig, damit der Jugendliche mitmacht.

Wie sehr kann ein Therapeut merken, was im Kopf eines verschlossenen Jugendlichen vor sich geht?

Ein Therapeut ist darauf angewiesen, welche Inhalte der Patient einbringt. Er kann das, worum es gehen soll, ansprechen. Aber auch hier gilt das Freiwilligkeitsprinzip. Oft sind Themen anfangs zu schmerzhaft und schambesetzt. Werden Anzeichen von selbst- oder fremdgefährdenden Gedanken oder Verhalten offen, ist ein Therapeut verpflichtet, den Patienten zur Abklärung in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Anzeichen wie sozialer Rückzug sollten beachtet werden. Dann sollte eine engere Anbindung erfolgen, womöglich auch an einen Psychiater und zuletzt eine stationäre Psychotherapie in der Klinik. Dies wäre dann aber kein Notfall – und ist mit längeren Wartezeiten verbunden.

Gespräch: Christine Ulrich

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