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„Ein Wegzug würde dem Tierwohl nützen“: Metzgermeister und Tierschützer Herbert Gerhard Schön vor dem Münchner Schlachthof.

Metzgermeister & Tierschützer im Interview

Standort in der Isarvorstadt: „Der Schlachthof ist nicht mehr zeitgemäß“

München - Ist der Schlachthof an seinem traditionellen Standort mitten in der Isarvorstadt noch am rechten Fleck? Metzgermeister und Tierschützer Gerhard Schön erklärt, warum er einen Auszug aus der Stadt für die beste Lösung hält.

Ein Plädoyer für die Verlagerung des Schlachthofs aus der Stadt hat der Münchner Herbert Gerhard Schön in einem offenen Brief an die Stadtspitze geschickt. Der 54-Jährige, der sich damit in die Diskussion um eine mögliche Verlagerung des Schlachthofs nach Aschheim einbringt (wir berichteten), kennt die Materie: Er ist Metzgermeister, hat sich aber auch intensiv mit Stadtplanung beschäftigt und arbeitet als Referent für das Bildungswerk des Bund Naturschutz. Im Interview erklärt Schön, warum ein Schlachthof seiner Ansicht nach nicht in die Innenstadt gehört.

Sie werfen in einem offenen Brief an die Stadtspitze die Frage auf, ob es zeitgemäß sei, mitten in München einen Schlachthof zu betreiben. Ist es zeitgemäß?

Nein. 1876/78, als dieser Schlachthof entstand, war das Stadtrandlage und die Situation der Münchner Metzgereien war atemberaubend. Davor hat jeder Metzger für sich geschlachtet, mitunter im Hinterhof oder an der Straße. An der Metzgerzeile am Viktualienmarkt floss der Metzgerbach. In den haben die Metzger ihre Schlachtabfälle entsorgt. Den Gestank im Sommer muss man sich vorstellen.

Der Schlachthof war also eine Verbesserung.

Ja. Die Stadt wollte modern sein, man hat sich umgeschaut, wie beispielsweise in Paris ein moderner Schlachthof funktioniert. Stadtbaumeister Arnold von Zenetti hat ihn dann auch so geplant.

Inzwischen liegt der Schlachthof mitten in der Stadt. Was bedeutet das?

Man muss sich mal die Kennzeichen der Lkw anschauen. Das ist nicht mehr unbedingt ein regionaler Schlachthof, wenn aus Baden-Württemberg und Hessen Tiere kommen. Die Tiere haben schon einen weiten Weg hinter sich und werden in ihren letzten Stunden auch noch durch den Stadtverkehr geschaukelt. Das ist nicht tierschutzgerecht.

Erklären Sie das.

Die Tiere stehen eng aneinander, werden im Stop-and-go-Verkehr ständig aufgeruckelt. Dann müssen sie dagegenhalten, das ist eine starke körperliche Belastung. Tiere, die dabei hinfallen, sind oft so bedrängt, dass sie gar nicht mehr aufstehen können. Da gibt es beachtliche Verletzungsraten. Die Anlieferung bei den Schweinen ist ja immerhin umgebaut worden. Die Tiere kommen aus dem Hänger höhengleich in den Vorraum, müssen keine Rampe runter.

Warum ist das wichtig?

Schweine, die in einer modernen Haltung groß geworden sind, können gar nicht mehr bergauf und bergab laufen. Die standen ihr ganzes Leben nur auf Spaltenböden. Das ist bei Rindern genauso. Ein Mastbulle, der sein ganzes Leben lang nur im Laufstall stand, soll sich plötzlich richtig bewegen. Der trägt riesige Muskelmengen mit sich herum, die er überhaupt nicht benutzen kann. Die Tiere stolpern jämmerlich vom Wagen herunter.

Wie haben Sie das in Ihrer Lehrzeit erlebt?

Das waren überwiegend Tiere von der Weide. Da gab es diese Probleme nicht. Wir haben die Tiere nur einzeln mit dem Hänger geholt. Geschlachtet hat mein Lehrmeister, damals der einzige Münchner Biometzger, meistens bei Berufskollegen auf dem Land, oder im Erdinger Schlachthof. Die Distanzen waren extrem kurz. Nur ab und zu mussten wir notgedrungen nach München. Da haben wir die Tiere am Ende des Schlachttages als allerletzte gebracht. Die Kopfschlächter haben ein Handgeld dazubekommen, dass sie es ohne Stress gemacht haben.

Wie sah es drinnen aus?

Mit dem, was heute aus den Schlachthöfen der großen Schlachtkonzerne berichtet wird, waren die Arbeitsbedingungen damals nicht zu vergleichen. Heute herrscht extremer Akkord-Druck. Die Gewerkschaften haben ja schon berichtet, wie da Leiharbeiter aus Bulgarien und Rumänien ausgebeutet werden.

Auch in München?

Diese Situation haben wir hier in München nicht. Das betrifft eher die ganz großen Anlagen.

Der kommunale Münchner Schlachthof ist in zwei Schritten 2002 und 2004 privatisiert worden.

Weil es eine scheinbar billige Lösung war, die wirtschaftlichen Lasten der Modernisierung in private Hand zu geben. Deswegen ja die erstaunlich lange Pachtzeit, die erst um 2030 endet.

Was hat sich geändert?

Kontrolle findet nur noch durch die Amtstierärzte statt ...

... mit deren Bericht sich das Kreisverwaltungsreferat zufrieden zeigt.

Für mich ist dieser Bericht eher unbefriedigend. Es finden natürlich immer noch Fehlbetäubungen statt, weil die Arbeitsgeschwindigkeit zu hoch ist und das Tier nicht so stehen bleiben will, wie es sollte. Gerade bei den Rindern sitzt dann der Bolzenschuss nicht korrekt, es muss nachgeschossen werden. Aber wenn ein halbtotes Tier mit einer Tonne Gewicht herumzappelt, ist es gar nicht so einfach, nochmal den Kopf zu erwischen.

Was müsste aus Ihrer Sicht geändert werden?

Es gibt aus Amerika eine sehr wirtschaftlich denkende Bewegung einer tiergerechten Schlachtung. Tiergerechte Anlagen sind nämlich durchaus lohnend, weil das Fleisch von Tieren, die gestresst geschlachtet werden, in der Qualität nicht so gut ist. Da kann man viel tun, wenn ein Schlachthof nach den neuesten Erkenntnissen gebaut wird. Das ist aber in der baulichen Situation des Münchner Schlachthofs nachträglich nicht machbar.

Wo hakt’s: Betreiber, Anlagen, Vorschriften?

Nun ja, die Betreiber: Ich weiß nicht, wie viel Pacht die zahlen. Die haben kein Interesse daran, irgendwas zu investieren. Die nutzen die Anlagen halt so, wie sie sind. Und solange die Amtstierärzte da zusehen, wird sich nichts ändern.

Was sollten die Veterinäre Ihrer Ansicht nach tun?

Sie sollten in der Beschau häufiger sagen: Dieses Tier ist verletzt, das wird nicht geschlachtet, sondern geht zurück zum Bauern. Da hat ein Tier eine Verletzung am Bein, bei einem anderen ist die Seite von den Hörnern anderer Tiere aufgeschlitzt, Schweine sind von Artgenossen im Stress im Transporter gebissen worden: Alles nicht schlachtfähig.

Die Konsequenz wäre?

Die Schlachtbetriebe würden diesen wirtschaftlichen Druck an Händler und Transporteure weitergeben, die an die Bauern. Irgendwer müsste letztlich dafür bezahlen. Dann würden die Bauern sagen, wir verkaufen keine Tiere mehr nach München, wenn wir das Risiko haben, dass wir von 50 gelieferten Sauen fünf zurücknehmen müssen. Was sollen die denn auch mit einer verletzten Sau machen? Der Stall ist schon wieder mit einer neuen Fuhre Mastferkel belegt.

Letztlich würden also die Schlachtkosten steigen?

Ja, wobei man sehen muss, dass die Schlachtkosten nur einen überschaubaren Anteil am Fleischpreis haben. So wie der Mehlpreis bei der Semmel. Man versucht halt, gewinnmaximierend zu arbeiten, und das geht eben, auch in München, auf Kosten der Tiere.

In Aschheim soll nun ein neuer Schlachthof entstehen. Warum sollten die Probleme dort kleiner sein?

Die Zufahrt ist wesentlich einfacher zu organisieren als in der Innenstadt. Und was den Betrieb angeht, das liegt am Investor. Er entscheidet, ob das, was an Wissen über tiergerechte Schlachtanlagen vorhanden ist, auch so umgesetzt wird. Und es liegt am Betreiber, die Möglichkeiten dann zu nutzen. Die Größe in Aschheim wird sicher nicht so sein wie in den Großschlachtereien in Westfalen oder Niedersachsen. Man wird also in  Aschheim nie so billig schlachten können wie in diesen Ausbeuterbetrieben. Man kann halt hier nicht nebendran ein Barackenlager bauen, wo man die Bulgaren einsperrt und ihnen den halben Lohn für die Miete abknöpft. Deswegen könnte es für einen Betreiber an diesem Standort interessant sein zu sagen: Ich mache mir keinen Stress mit Tierschützern, die jeden Monat vor dem Tor protestieren, sondern ich mache einen sehr transparenten Betrieb, zeige, wie das funktioniert. Und wenn Probleme auftauchen, behebe ich sie.

Das heißt, teure Standorte sind für den Investor ein Anreiz für Qualität?

Ja, weil das ja auch für die Münchner Metzger ein Argument ist, ein solches Qualitäts-Fleisch zu verkaufen.

Schadet es der Identität des Viertels, wenn der Schlachthof verschwindet?

Hat es dem Westend geschadet, dass die Gummifabrik Metz an der Gollierstraße weg ist? Schadet es dem Dreimühlenviertel, dass Rodenstock nicht mehr da ist, oder von der Handschuhfabrik Roeckl nur noch der Roecklplatz übrig? Ich glaube nicht. Das hat’s immer gegeben, dass Industriebetriebe wegziehen. Das Quartier wird es weiter geben. Natürlich könnte man sagen: Der Schlachthof gehört dazu, das ist Folklore, und deswegen ist es völlig in Ordnung, dass stinkende Lkw durch die Stadt fahren und hier Tiere ausgeladen werden. Wenn das die politische Meinung wäre, wäre das blöd. Dann braucht man sich nämlich mit einem Thema wie „artgerechtes München“ nicht mehr zu beschäftigen. Ein Wegzug des Schlachthofs würde dem Tierwohl nützen. Noch mehr würde es helfen, wenn wir alle Veganer wären, aber das ist nun mal nicht so.

Essen Sie selbst Fleisch?

Ja, aber ganz selten. Stehe ich vier Tage in der Woche im Laden, werden halt mal schnell ein paar Wurstradl gegessen, die übrig bleiben. Aber am Wochenende gibt’s bei uns beispielsweise gar kein Fleisch.

Ist es nicht sinnvoll, wenn Münchner den Schlachthof vor Augen haben, der sie daran erinnert, woher das Schnitzel kommt?

Nein. Man muss nur beobachten, was passiert, wenn wieder mal ein Skandal publik wird: Es gibt nur kleine Dellen im Fleischkonsum. Die Leute vergessen schnell. Der Münchner Schlachthof ist ein Umweltproblem für die Menschen, die dort wohnen und arbeiten, aber anderswo in der Stadt ist das den Leuten egal.

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