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Dr. Hans Jäger organisiert die „Münchner Aids- und Hepatitis-Tage“. Seit 30 Jahren forscht er zu HIV und Aids. 

Tagung am Wochenende

Experte: „Keine Krankheitswelle durch Flüchtlinge“

München - Am Wochenende findet in Unterschleißheim die medizinische Tagung "Münchner Aids- und Hepatitis-Tage" statt. Dr. Hans Jäger, der Organisator der Tagung, spricht über bürokratische Hürden und unberechtigte Sorgen.

Am Freitag starten die „Münchner Aids- und Hepatitis-Tage“. Das diesjährige Brennpunktthema: Flüchtlinge – und die Behandlung von Infektionskrankheiten, darunter auch HIV. Ein Interview mit Dr. Hans Jäger aus München, dem Organisator der Tagung, über bürokratische Hürden und unberechtigte Sorgen.

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Bayern – nehmen jetzt Infektionskrankheiten bei uns zu?

Dr. Hans Jäger: Nein – und das ist auch eine wichtige Botschaft der Aids-Tage: Eine infektiologische Gefährdung ist durch Flüchtlinge nicht gegeben. Ein Großteil der Zuwanderer kommt nämlich aus Syrien oder anderen arabischen Ländern. Dort ist der Anteil an HIV-infizierten Menschen genauso niedrig wie hier. Er liegt gerade mal bei 0,1 Prozent! Da kommt also keine große neue Welle an HIV-Erkrankten.

Welche Krankheiten erwarten uns dann?

Jäger: Am häufigsten sind banale Erkrankungen, etwa Bronchitis und Lungenentzündung. Das Immunsystem der Menschen ist allein schon durch die Umstände ihrer Flucht geschwächt: Viele kommen ja im Winter nur in Sandalen. Ein anderer, ganz wichtiger Faktor, sind Kinderkrankheiten wie Mumps, Masern, Röteln – oder eben auch die gefährlichere Hepatitis-B-Erkrankung: Wir wissen, dass in den Herkunftsländern gegen die Erreger meist nicht geimpft wird und müssen das bei der Diagnose immer berücksichtigen.

Gibt es Krankheiten, bei denen die Diagnose besonders schwer ist?

Jäger: Beim sogenannten Läuse-Rückfall-Fieber. Das ist eine Krankheit, die bei uns seit dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten ist. Sie wird durch Kleiderläuse übertragen – Flüchtlinge sind oft monatelang unterwegs und haben kaum Möglichkeiten, ihre Kleidung zu wechseln. So kann sich diese Krankheit verbreiten. Das Schlimme daran: Bis zu 40 Prozent aller Erkrankten sterben, wenn das nicht rechtzeitig erkannt wird! Die Symptome sind oft unspezifisch: hohes Fieber, Kopfschmerzen, Hautausschlag. Gerade bei der Behandlung von Flüchtlingen aus Afrika sollte man daher an die Möglichkeit dieses Fiebers denken. Aber keine Sorge: Die Ansteckungsgefahr bei uns, etwa für Asylhelfer, ist sehr niedrig.

Manche fordern, dass Flüchtlinge direkt nach der Einreise zu einer Blutuntersuchung verpflichtet werden. Was sagen Sie dazu?

Jäger: Das ist sicher falsch. Ich finde es richtig, wenn den Asylsuchenden nach drei Tagen ein freiwilliges Testangebot gemacht wird: Sie können sich untersuchen lassen, wenn sie wollen. Wichtig ist aber, dass die Ergebnisse keinen Einfluss aufs Asylverfahren haben. Wir Ärzte versuchen sogar darauf hinzuwirken, dass HIV-positive Patienten im Fall des Falles nicht abgeschoben werden.

Ist man in Deutschland ausreichend auf die medizinische Behandlung von erkrankten Flüchtlingen vorbereitet?

Jäger: In Bezug auf unsere medizinische Kompetenz würde ich es mit der Kanzlerin halten: „Wir schaffen das!“ Die Probleme, die wir Ärzte sehen, sind eher bürokratischer Natur. Ich nenne Ihnen mal ein aktuelles Beispiel: Da kommt eine junge Frau aus Ostafrika zu mir, die schwanger ist – und seit kurzem weiß, dass sie mit HIV infiziert ist. Sie braucht nun dringend Medikamente, aber natürlich fehlen bei ihr so gut wie alle Papiere ...

Dann muss doch das zuständige Gesundheitsamt die Behandlungskosten übernehmen?

Jäger: Aber dieses Gesundheitsamt ist telefonisch kaum erreichbar. Im konkreten Fall befindet es sich in einer Kreisstadt, wo man wegen des massiven Flüchtlingsandrangs überfordert ist. Es ist ohnehin oft ein Problem, das zuständige Gesundheitsamt zur Übernahme der Behandlungskosten ausfindig zu machen. In meiner Praxis ist eine Mitarbeiterin manchmal dann einen ganzen Morgen nur mit der Behördensuche beschäftigt – für einen einzigen Aylsuchenden. Zugegeben: Das alles ist mit Blick auf die humanitären Krisengebiete im Libanon und in Jordanien nur Jammern auf hohem Niveau. Trotzdem: In diesen bürokratischen Dingen haben wir hier Probleme!

Werden Asylsuchende wegen des Behörden-Wirrwarrs nicht ausreichend medizinisch behandelt?

Jäger:Dieses Problem sehe ich nicht. Trotzdem glaube ich, dass wir den Behörden bei dem massiven Ansturm nichts Übermenschliches zumuten dürfen. Bei so vielen unerledigten Fällen ist ein reibungsloses Funktionieren schwierig.

Wie könnte man das besser organisieren?

Jäger: Gerade hier in München ist das gut gelöst: Viele Flüchtlinge sind in der Bayern-Kaserne untergebracht, dort haben sich freiwillige Ärzte der Organisation „RefuDocs“ quasi niedergelassen. Nahezu jede Fachrichtung ist vertreten. Durch spezielle Abmachungen mit staatlichen Behörden kann das dort alles unbürokratisch ablaufen.

Christian Dengg

Die „Münchner Aids- und Hepatitis-Tage“

Die „Münchner Aids- und Hepatitis-Tage beginnen am Freitag und dauern bis Sonntag, 13. März. Zu der medizinischen Tagung werden rund 1200 Teilnehmer in Unterschleißheim erwartet. Neben der Behandlung von Infektionskrankheiten bei Flüchtlingen wird über Schutzmöglichkeiten vor HIV sowie den aktuellen Stand der Aids-Forschung diskutiert.

Im Gegensatz zu HIV lässt sich eine Hepatitis-Erkrankung heilen. Die Medikamente sind aber sehr teuer, sodass die Experten auch über neue Therapiemöglichkeiten sprechen.

ced

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