+
Eine Stadt in anderen Umständen: Die Entbindungsstationen der Münchner Krankenhäusern sind wegen des Babybooms überlastet.

Keine Unterkunft für die Niederkunft

Babyboom in München: Entbindungsstationen überlastet 

München - In München zeigen sich die Schattenseiten des Babybooms: Entbindungsstationen sind überlastet, einen Krankenhausplatz zu bekommen, ist verzwickt. Immer wieder weisen Münchner Kliniken werdende Mütter ab. Mitunter werden Schwangere sogar auf das Umland verteilt – bis nach Landshut.

Mitunter werden Schwangere sogar auf das Umland verteilt – bis nach Landshut.

Es ist ein Uhr morgens, als bei Christine Adlbert die Wehen einsetzen. Pünktlich, genau zum geplanten Termin. Zwei Monate zuvor hat die 35-Jährige sich bereits in der Frauenklinik an der Maistraße für die Entbindung angemeldet. Sogar ihren Geburtsvorbereitungskurs hatte sie dort. Als sie nachts mit ihrem Ehemann in der Frauenklinik eintrifft, erlebt sie jedoch eine böse Überraschung: „Sie hatten keinen Platz für mich frei, deshalb musste ich in eine andere Klinik gebracht werden“, berichtet Adlbert. Eine erste Untersuchung hatte ergeben, dass ihr Muttermund vier Zentimeter weit geöffnet war. „Damit es dringlich genug gewesen wäre, um mich dazubehalten, hätten es aber mindestens fünf Zentimeter sein müssen.“ Was Adlbert leicht verunsicherte: Normalerweise öffne sich der Muttermund alle Stunde um etwa einen Zentimeter, bei ihr waren es innerhalb einer halben Stunde bereits vier Zentimeter. „Das Team von der Frauenklinik hat gleich herumtelefoniert und in den anderen Kliniken nachgefragt, wo Platz ist“, erzählt sie.

Die 35-Jährige hatte Glück. Im Klinikum Großhadern nahm man sie auf. „Am meisten hat mich eigentlich der Papierkram gestört“, sagt Christine Adlbert. „Bei der Anmeldung in der Frauenklinik haben wir extra diese ganzen Formulare ausgefüllt, welche Allergien ich habe, und so.“ Denn wenn erst einmal die Wehen da seien, habe man zu so etwas keine Kraft mehr. „Als wir in Großhadern ankamen, musste mein Mann alles nochmal neu ausfüllen.“ Ansonsten nimmt die 35-Jährige die Situation rückblickend mit Humor. „Eigentlich war es auch ein ganz netter Zeitvertreib. Sonst liegt man ja nur da und weht vor sich hin.“

Heuer geht es in München vielen werdenden Müttern so ähnlich wie Christine Adlbert. Ein Baby-Boom bringt die Entbindungsstationen an die Grenze ihrer Kapazität.

Auf Entbindungsstationen kann es schnell zu Engpässen kommen 

„Aus der 1,3-Kind-Familie von früher ist mittlerweile eine 1,5-Kind-Familie geworden“, sagt Karl-Theodor Schneider, Leiter der Abteilung für Geburtshilfe und Perinatalmedizin am Klinikum rechts der Isar. In seiner Klinik habe es im vergangenen Jahr 1800 Entbindungen gegeben – 100 mehr als noch 2014. Aus eigener Erfahrung weiß Schneider, dass es auf den Entbindungsstationen schnell zu Engpässen kommen kann.

„Fünf bis acht Prozent der Fälle müssen wir aus Kapazitätsgründen wegschicken und auf andere Kliniken umverteilen“, sagt er. „Zu 90 Prozent gelingt uns das innerhalb von München.“ Und die restlichen zehn Prozent? Die müssen im schlimmsten Fall auch mal mit Landshut, Starnberg oder Rosenheim vorlieb nehmen. „Das gilt aber wirklich nur, wenn es sich nicht um Notfälle handelt“, so Schneider. „Notfälle dürfen wir prinzipiell nicht abweisen.“

Eine Teilursache für die Bettenknappheit sieht er in den gestiegenen Ansprüchen der Elternpaare. „Immer mehr Familien aus dem Münchner Einzugsgebiet wollen bei der Geburt maximale Sicherheit.“ Deshalb gingen sie nicht mehr, wie früher, zu den Einrichtungen in der städtischen Peripherie, sondern kämen gezielt nach München. „Weil es bei uns Perinatalzentren der Level Eins und Zwei gibt.“

Dabei sind diese eigentlich für die kniffligeren Fälle gedacht: Level-Eins-Zentren sind auf Hochrisiko-Geburten ausgerichtet, zum Beispiel Mehrlingsschwangerschaften mit mehr als drei Kindern. Auch verfügen sie über eine Neugeborenen-Intensivstation mit mindestens sechs Plätzen. Level-Zwei-Zentren sind vor allem für einfache Risikogeburten vorgesehen, beispielsweise, wenn Zwillinge auf die Welt kommen sollen. Hier gibt es mindestens vier Intensivpflegeplätze für Neugeborene. Laut Schneider steige die Zahl der Elternpaare, die ihre Kinder auf solchen Stationen entbinden wollen, ohne dass es bei ihrer Schwangerschaft ein besonderes Risiko gibt. „Das ist ein Trend, der uns überschwappt.“

Es reicht nicht allein, wenn das ein freies Bett ist  

Eine andere Ursache für das Belegungsproblem sei der Mangel an Gebäuderessourcen und Fachpersonal. „Es reicht nicht allein, wenn da ein freies Bett steht“, so Schneider. „Wir brauchen auch ausreichend Personal, um uns um die Patienten kümmern zu können.“ Im Klartext bedeute das: Mehr Kinderintensivschwestern, mehr Hebammen. Gerade, was letztere betrifft, ist das allerdings nicht so einfach.

Julia Timmons weiß davon ein Lied zu singen. Bis 2012 arbeitete sie als Hebamme am Klinikum rechts der Isar. Dann pausierte sie, bekam selbst zwei Kinder. Mittlerweile ist sie wieder Hebamme, jetzt freiberuflich. „Ich habe das Gefühl, dass der Beruf nach außen hin immer unattraktiver wird“, sagt sie. Das liege auch daran, wie in den Medien darüber berichtet werde. Ein Missstand, der eigentlich die freiberuflichen Hebammen betreffe, werde immer wieder hervorgekehrt: „Wir müssen so viel Haftpflichtversicherung zahlen, dass es sich kaum noch lohnt“, so Timmons. „Dazu kommen die hohen Mieten in München. Da kann man als Hebamme kaum überleben.“

Vor diesem letzten Problem stehen auch die Festangestellten. „Deshalb haben wir angefangen, sie besser zu entlohnen“, verrät Karl-Theodor Schneider. „Außerdem haben wir enorme Anstrengungen unternommen, um sonstige Personallücken mit Kräften aus dem Ausland zu füllen.“ Diese müssten selbstverständlich qualifiziert sein und die deutsche Sprache beherrschen.

An Arbeit fehlt es dank Baby-Boom nicht. „In letzter Zeit rufen mich wahnsinnig viele Frauen an“, sagt Julia Timmons. „Einigen muss ich deshalb absagen. Das war früher nicht so.“ Auch am Klinikum rechts der Isar stellt man sich auf zunehmenden Ansturm ein. „Die Stadt hat uns kürzlich einen Neubau bewilligt“, so Schneider. „Er befindet sich derzeit in der Planungsphase.“

Marian Meidel

Auch interessant

<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l</center>

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Nach Horror-Sturz auf Rolltreppe: Studentin verklagt Stadtwerke

München - Conny stürzte im Frühjahr die Rolltreppe am U-Bahnhof Westpark hinunter und verletzte sich schwer. Nun will sie dafür von den Stadtwerken entschädigt werden.
Nach Horror-Sturz auf Rolltreppe: Studentin verklagt Stadtwerke

Eine Kleinanzeige für einen bescheidenen Weihnachtswunsch

Eine Kleinanzeige, oft sind das nur zwei knappe Zeilen. Doch hinter ihnen verbirgt sich so manch eine Geschichte. Zum Beispiel die von Margot Montag und ihrem einzigen …
Eine Kleinanzeige für einen bescheidenen Weihnachtswunsch

Reiter: „Wir müssen bauen – trotz Bürgerprotesten“

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) muss nach dem Interview gleich weiter nach Riem, zur Grundsteinlegung der zwei neuen Messehallen. München boomt, man merkt’s. Der …
Reiter: „Wir müssen bauen – trotz Bürgerprotesten“

Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

München - 260.000 Münchner sind arm oder von Armut bedroht - und das in einer Großstadt, die alles andere als günstig ist. Nun hat die Stadt eine Broschüre mit …
Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

Kommentare