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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Kommentar

Der Amoklauf und Münchens Panik: Gegen die Angst

München - Ebenso gefährlich wie der Terror ist das, was die Angst mit uns macht, wie sie uns verändert, meint Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Die Amok-Nacht von München hat das Zeug zu einer epischen Erzählung. Aber es ist, wie wir heute wissen, nicht die mit Bangen erwartete Erzählung von Terror, Islam, gescheiterter Integration oder rechter Gewalt, die München am Freitag in den Fokus der Weltöffentlichkeit katapultierte und die Polizei zur Ausrufung einer „akuten Terrorwarnlage“ veranlasste. Als die Stadt am Samstag nach kurzem, unruhigem Schlaf erwachte, erfuhr sie zu ihrer Überraschung eine ganz andere Geschichte. Sie handelt von der Einsamkeit eines Außenseiters. Von Depressionen, Mobbing an unseren Schulen, vielleicht auch von Lehrern, die nicht genügend hinschauen. Sie handelt von dem, was Gewaltspiele mit unseren Kindern machen. Und sie erzählt von der Hysterisierung einer Gesellschaft, die, zermürbt von ständiger Terrorgefahr, ihr Sicherheitsgefühl verliert und panisch auf jede Falschmeldung reagiert, die – versehentlich oder absichtlich – in den sozialen Netzwerken verbreitet wird.

Wenn die Tränen über den grausamen Tod der neun Opfer, acht von ihnen junge Leute zwischen 14 und 20, getrocknet sind, wird über vieles zu reden sein. Der reflexhaft geforderte Einsatz der Bundeswehr im Inneren und die weitere Verschärfung des Waffenrechts sollten dabei aber nicht an erster Stelle stehen. Der Amokläufer hat seine Tat mit einer illegal beschafften Waffe begangen. Derlei wird auf gesetzlichem Wege nie ganz zu verhindern sein. Und die Polizei hat bewiesen, dass sie mit Ausnahmesituationen wie dieser fertig wird.

„Spaßvögel“ und ihre Falschmeldungen

Es sind andere Debatten, denen sich die Gesellschaft nun zuerst stellen muss. Dazu gehört auch die Frage, wo die Freiheit im Netz endet. Offenbar haben nicht wenige „Spaßvögel“ versucht, mit bewussten Falschmeldungen weitere Unruhe zu stiften. In der emotional aufgeheizten Lage am Freitagabend haben sie damit eine gefährliche Panik geschürt. So groß war die sich verselbständigende Dynamik, dass die Polizei Terroralarm auslöste, Menschen aus Fenstern sprangen und sich teils erheblich verletzten – viele Kilometer vom eigentlichen Tatort entfernt. Auf derartige, aus Desinformation resultierende Gefahrenlagen, die übrigens auch staatlich gesteuert herbeigeführt werden können, müssen sich die Sicherheitsbehörden einstellen. Zu Recht versucht die Polizei, die Verursacher zu finden und der Justiz zu überantworten.

Ebenso gefährlich wie der Terror ist das, was die Angst mit uns macht, wie sie uns verändert, Macht über unser Leben gewinnt. Wir alle wissen nicht erst seit Würzburg, München und zuletzt der Bluttat in Reutlingen: Fanatische Mordlust und die Furcht davor bleiben, vermutlich auf Jahre, unsere Wegbegleiter. Wir werden darauf zu reagieren haben, müssen uns in Acht nehmen vor denen, die uns mit Bomben, Lkws, Äxten, Schusswaffen, Macheten und anderen Mordwerkzeugen angreifen. Aber wir dürfen uns, auch wenn das leichter gesagt ist, von ihnen nicht unsere Art zu leben zerstören lassen.

Und auch daran sollte uns der Amoklauf von München erinnern: Viele von uns haben sich, das ist angesichts der jüngsten Vorkommnisse verständlich, sehr an die Vorstellung von Migranten als Täter gewöhnt. In den meisten Fällen aber sind sie, wie wir alle, Opfer. Wie die neun ahnungslosen Menschen, die am Olympia-Einkaufszentrum umgebracht wurden.

Verfolgen Sie die Ereignisse nach dem Amoklauf in unserem Live-Ticker.

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