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Der scheidende Chef im Juni 2016 auf der Dachterrasse des KVR.

KVR-Chef hört auf

Zum Abschied von Wilfried Blume-Beyerle: Der sanfte Sheriff

München - 1998 übernahm Wilfried Blume-Beyerle das Kreisverwaltungsreferat. Rot-Grün wünschte sich, dass er alles anders machen sollte als sein Vorgänger Hans-Peter Uhl. Jetzt geht Blume-Beyerle in Pension. Die Bilanz eines Mannes, der die Atmosphäre in der Stadt verändert hat. Und zum Abschied plötzlich auch emotional wird.

Die Erwartungen waren riesig, die Enttäuschung war es auch. Für Rote und Grüne im Rathaus hatte die Wahl des parteilosen Wilfried Blume-Beyerle an die Spitze des Kreisverwaltungsreferats als Versprechen gegolten, dass sich das Klima dieser Stadt radikal ändern möge. Vorgänger Hans-Peter Uhl, CSU, galt als Vertreter von Razzien gegen Homosexuelle, hatte eben noch den minderjährigen Intensivstraftäter Mehmet in das Land von dessen Vorfahren, die Türkei, abschieben lassen. Jetzt, mit Blume-Beyerle, sollte alles anders werden. Offen, bunt, tolerant. Doch das Erste, was der neue oberste Ordnungshüter tat, war, einem HIV-infizierten Kanadier die Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern. Die Reaktionen fielen entsprechend aus: Als „Möchtegern-Gauweiler“ werde er hingestellt, beschwerte sich der neue Referent nach 100 Tagen im Amt. Als „Uhl-Klon“. Die ganze Situation sei „unheimlich bedrängend“. Blume-Beyerle hatte zwar intern begonnen, neue Akzente zu setzen. Dass der Mann, der sagt, dass in seinen Adern „Beamten-Blut fließt“, sich darüber hinaus aber stets an Recht und Gesetz halten würde, hatte manchen Grünen offenbar überrascht.

Die Grünen waren zunächst enttäuscht

Blume-Beyerle hier mit seinem Vorgänger Hans-Peter Uhl, mit dem er persönlich nie ein Problem gehabt habe, wie er sagt.

Wilfried Blume-Beyerle hat die Debatte überstanden. Und viele, viele folgende auch. Diese Woche geht er mit 67 Jahren in Pension. Die Aufgeregtheit der ersten Monate ist im Rückblick schwer zu verstehen. Blume-Beyerle ist kein Mann, der polarisiert. Im Gegenteil: Die zumeist leicht gesenkten Augenlider, die sonore, bairisch gefärbte Stimme, die gelassene Gestik – all das beruhigt sogar das unversöhnlichste Gegenüber. Blume-Beyerle poltert nicht, er lächelt höchstens mal sanft spöttisch.

So hat er es geschafft, alle zufriedenzustellen. Die Oberbürgermeister und ihre SPD, die Grünen, die Zeitungen. Sogar die CSU, als deren Gegenpol er einst angetreten war, hat ihn mehrmals wiedergewählt. Morgen, zu seiner Verabschiedung im Alten Rathaus, hat sich Innenminister Joachim Herrmann angekündigt. Selbst der oberste Vertreter harter bayerischer Ordnungspolitik gibt sich die Ehre. All das ist umso erstaunlicher, als Blume-Beyerle über die Jahre das Versprechen eingelöst hat, das Rote und Grüne ihm einst abnahmen. Ja, diese Stadt ist liberaler geworden. Das hat viel mit dem Umgang mit Minderheiten zu tun – von Anfang an ein großes Thema Blume-Beyerles, der Ausländer, Homosexuelle, Drogenabhängige anders behandelte als seine Vorgänger.

Im Juni 2016, kurz vor seinem letzten Arbeitstag, sitzt Wilfried Blume-Beyerle in seinem großen Arbeitszimmer im Dachgeschoss des Kreisverwaltungsreferats. Von hier aus kann man auf die Gleise des alten Südbahnhofs bis zum Heizkraftwerk blicken, auf der anderen Seite sieht man die Dächer des Schlachthofviertels. Es ist einer dieser Orte, an denen sich München tatsächlich wie eine Großstadt anfühlt. „Das Ausländerrecht“, sagt Blume-Beyerle bei einem Glas Wasser, „bietet ja viele Ermessensspielräume. Man kann oft für den Aufenthalt entscheiden – oder für die Abschiebung.“ Er will gar nicht schlecht über seinen Vorgänger reden, betont sogar, wie gut das persönliche Verhältnis zu Uhl gewesen sei. Im Gespräch wird trotzdem klar, dass er für eine 180-Grad-Wende hält, was er seinen Mitarbeitern gleich zu Beginn mitgab: „Im Zweifel für den Ausländer.“

Seine Leitlinie: Kompromisse suchen

Doch nicht nur um die Einzelfallentscheidungen ging es ihm, sondern auch darum, ins Gespräch zu kommen mit Flüchtlingsaktivisten, den Anwälten von Asylbewerbern. Wenn man so will, praktizierte der nüchterne Jurist Blume-Beyerle eine frühe Willkommenskultur, als es dieses Wort noch gar nicht gab.

Blume-Beyerle nachts in der Gastronomie.

Kompromisse zu suchen mit den Betroffenen – das ist eine Leitlinie Blume-Beyerles gewesen. Dabei scheute er, wo es ihm geboten schien, auch den Konflikt nicht. Zum Beispiel mit dem Gesetzgeber, dem er 2008 öffentlichkeitswirksam erklärte, das neue strikte Rauchverbot nicht durchsetzen zu können. Ob das sein Aufstand war, der am meisten Aufsehen erregte? Da muss der nie um eine Antwort verlegene KVR-Chef kurz nachdenken. „Das kann schon sein“, sagt er dann. Um kurz danach doch andere Debatten zu ergänzen, die strengeren Waffenkontrollen etwa, die er gefordert hat.

Blume-Beyerle, der Jurist, den alle ernst nehmen: Für diese Rolle mag ihm auch geholfen haben, dass er nie ein Parteibuch hatte. In den Achtzigern, er war Büroleiter von Georg Kronawitter, hat der damalige Oberbürgermeister ihm das quasi angeordnet. Sollte er mit dem Gedanken spielen, einer Partei beizutreten, hat der ihm gesagt, solle er damit bitte warten, bis er nicht mehr hier arbeite. Blume-Beyerle hielt sich daran – und fuhr bis heute gut damit, wie er selbst sagt. Dass die CSU ihn mehrfach mitgewählt hat, macht ihn richtig stolz. Bürgermeister Josef Schmid, CSU, erklärt zum Abschied, er schätze ihn als „erfahrenen und gewieften Verwaltungsfachmann und sehr angenehmen Kollegen“.

Seine beiden SPD-Oberbürgermeister schwärmen sowieso in den höchsten Tönen. „Ein Mensch ohne Wichtigtuerei“, sagt Christian Ude. „Einer, der sich nie hinter seinen Amtsbefugnissen versteckt hat.“ Ude erinnert auch an die ein wenig in Vergessenheit geratene harte Gangart der beiden, etwa für Videoüberwachung. „Unser Motto war immer: Liberal sind wir schon, aber doof sind wir nicht.“ Zur Not habe man Entscheidungen ohne SPD und Grüne auf Verwaltungsebene gefällt.

Blume-Beyerle bei einer Katastrophenübung.

Wohin man auch hört in diesen Tagen, alle schwärmen von Blume-Beyerle. Dabei hatte der Mann durchaus seine Niederlagen einzustecken. Die „Körperwelten“-Ausstellung mit menschlichen Überresten wollte er verbieten. Er steht bis heute dazu, aber die Gerichte bremsten ihn. „Es entspricht nicht der Menschenwürde“, sagt er immer noch. „Leichen im Garten aufzustellen oder als Schmuckstück im Wohnzimmer“ – da wird Blume-Beyerle für seine Verhältnisse beinahe wütend. Er kann es nicht fassen, dass er diesen Kampf verloren hat.

Verloren hat er vor Gericht ohnehin öfter, die Auflagen für Pegida-Demonstrationen etwa hielten nicht stand. OB Reiter hatte Druck gemacht, hart vorzugehen. Es war eine der schwierigsten Rollen für den Juristen Blume-Beyerle, der keinen Sinn darin sieht, vor Gericht zu ziehen, wenn man doch verliert. Das Thema Pegida hat ihm in den letzten Amtsmonaten noch harsche Kritik eingebracht. Siegfried Benker etwa, zu Blume-Beyerles Amtsantritt Grünen-Fraktionschef im Rathaus, blickt heute zwar sehr positiv auf die Amtszeit des KVR-Chefs. Er sagt aber auch: „Schade, dass er sich im Umgang mit Pegida so stark nach Schwarz-Rot ausgerichtet hat.“

Für seine Verhältnisse sehr, sehr emotional

Blume-Beyerles größtes Ärgernis war wohl das Chaos in den Bürgerbüros. Die IT-Probleme in der Verwaltung, der starke Zuzug nach München, ein Stadtrat, der ihm zu spät Stellen genehmigte: So sind seiner Meinung nach die Riesen-Schlangen vor den Büros zustandegekommen. Blume-Beyerle, der sich von Anfang an als Dienstleister für die Bürger gesehen hat, kann sich sehr darüber ärgern. 2017 könnte Besserung in Sicht sein, aber in seiner Amtszeit ist ihm das nicht mehr gelungen. Warum ihm das Bürgerbüro-Chaos nie persönlich geschadet hat? „Ich habe mich auch oft gefragt, warum ich ungeschoren davon komme“, sagt Blume-Beyerle und lächelt sanft. Es sei aber eben gelungen, klarzumachen, dass nicht das KVR schuld sei.

Eine andere perspektive als die Polizei hat Wilfried Blume-Beyerle oft eingenommen.

Bleiben werden von seiner Dienstzeit ohnehin andere Dinge, wie eben der Umgang mit Minderheiten. „Es mögen tausende Einzelentscheidungen sein“, sagt Alt-OB Ude. „Aber im Ganzen verändern sie die Atmosphäre in einer Stadt.“ OB Dieter Reiter betont ohnehin immer, wie wichtig es für ihn gewesen sei, dass Blume-Beyerle noch zwei Jahre über die Pensionsgrenze hinweg weitermachte. Für die Nachfolge sei entscheidend, sagt Reiter, „dass wir eine Wiederholung der Ära Gauweiler-Uhl verhindern“. Das heißt: Ein KVR-Chef sollte einer sein wie Blume-Beyerle. In zwei Wochen übernimmt Thomas Böhle, SPD, bisher Personalreferent. Anders als viele Grüne übrigens findet Blume-Beyerle nicht, dass ein KVR-Chef parteilos sein muss. Auch ein CSUler, betont er, könnte doch liberal und offen sein.

Blume-Beyerle selbst will, wie es seine Art ist, in diesen Tagen sein Wirken nicht zu hoch hängen. Doch stolz wirkt er schon. Und, für seine Verhältnisse, sehr sehr emotional. Er hoffe, hat er im Stadtrat gesagt, dass viele zu seinem Abschied kommen und ihm „über diese Schwelle helfen“.

Das KVR war für den Beamtensohn immer das „Traumreferat“. „Das hier war ein Sesam-Öffne-Dich“, sagt er. „Einfach in den Schlachthof marschieren, nachts um vier in der Disko hinter die Bühne, wo kann man das schon?“ OB Reiter klingt ernsthaft beeindruckt, wenn er sagt, Blume-Beyerle habe seinen Job „wahnsinnig gerne und mit viel Leidenschaft und Energie“ gemacht. Blume-Beyerle antwortet auf die Frage, was er in den kommenden Wochen vorhabe, dass „der Garten, der Keller, die Garage“ auf ihn warten. Das ist vermutlich wie immer absolut ernst gemeint. So richtig vorstellen kann man sich Wilfried Blume-Beyerle in dieser Rolle aber natürlich noch nicht.

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