Dieter Reiter versprach weiter gegen Mietwucher in München vorgehen zu wollen.

Zwei Jahre OB Reiter

Was gut läuft für Dieter Reiter - und was nicht

München - Zwei Jahre ist Dieter Reiter Oberbürgermeister. Mit der Flüchtlingskrise und der schwierigen Koalitionssituation ist Reiter schnell gewachsen. Doch es zeichnet sich auch ab, wo seine große Probleme liegen werden.

Gerhard Schröder ist als harter Hund in Erinnerung geblieben. So einen Alt-Kanzler rührt man nicht so leicht zu Tränen. Dieter Reiter hat es geschafft. Ausgerechnet Dieter Reiter. Jener Oberbürgermeister, als dessen große Schwäche immer Reden galten.

Es ist ein festlicher Rahmen im Alten Rathaussaal. Viel Prominenz ist an diesem Februarvormittag gekommen, um Alt-OB Hans-Jochen Vogel zum 90. Geburtstag zu gratulieren. Sandra Maischberger moderiert, Vize-Kanzler Sigmar Gabriel spricht. Schwierige Voraussetzungen für einen Münchner OB, der hier leicht ganz klein aussieht. Doch Reiter, dessen Leute ihm eigentlich ein Grußwort über die Geschichte des Saals vorbereitet haben, schwenkt um. Und trifft den Ton. Reiter hält eine münchnerische, menschliche, persönliche Rede. Er hat Vogels Buch „Amtskette“ mitgebracht, Reiter erzählt von seinem Vater, der ein einfacher Angestellter in der Stadtverwaltung gewesen sei und „unheimlich stolz“, das Buch von seinem OB Vogel signiert bekommen zu haben. Das Buch schenkte er kurz vor seinem Tode noch seinem Sohn Dieter. Der OB aus kleinen Verhältnissen, der SPD schon immer ganz nah. Sowas rührt Sozialdemokraten – und auch Altkanzler Schröder. Der habe ihm erzählt, dass ihm die Augen feucht geworden seien, berichtet Reiter später.

Jener Auftritt Reiters erzählt viel über die Stärken und Schwächen des Oberbürgermeisters, der in diesen Tagen sein zweijähriges Amts-Jubiläum feiert. Wenn Reiter, 57, einen Raum betritt, geht er stets zunächst auf jemanden zu, den er kennt. Klopft auf die Schulter, servus, wie gehts, ein Lächeln mitten ins Gesicht. Und Reiter, der Mann aus den Tiefen der Verwaltung, ist mittlerweile zu einem sehr passablen Redner geworden. Besonders gut funktioniert er dort, wo kein Widerspruch droht – zwischen Sozialdemokraten, unter Flüchtlingsaktivisten. Da greift Reiter auch mal zur Gitarre. Und: Er weiß, wo seine Stärken liegen. Im Auftritt des ehrlichen, ganz normalen Münchners. Da können – wie beim Vogel-Festakt – die anderen über die Krisen der Welt und die Deutsche Einheit sprechen: Reiter zieht sein Ding durch. Glaubwürdig, bodenständig, münchnerisch. Schwerer tut er sich in den gesellschaftlichen Debatten – oder, wenn er unter Druck gerät. Wie in der Diskussion um seine Sozialreferentin Brigitte Meier. Die war Anfang 2016 in die Kritik geraten, weil der Stadt durch Schlampereien möglicherweise viel Geld durch die Lappen gegangen ist. Reiter verschob die Wahl, um die Vorwürfe prüfen zu lassen. Wochen später lagen die Fakten immer noch nicht auf dem Tisch, Meier warf hin. Reiter hatte eine seltsame Figur gemacht, über Wochen wurde nicht klar, ob er die Vorwürfe für schwerwiegend hielt – oder für trivial. Im Stadtrat verlachte er die Opposition. Nicht nur der ehemalige Bürgermeister, sein Band-Kollege Hep Monatzeder (Grüne/Schlagzeug) nannte ihn in jenen Wochen „dünnhäutig“. Als Meier schließlich aufgegeben hatte, kam ein bleicher Dieter Reiter aus der SPD-Fraktion. „Ich sage nichts“, sagte er nur – und ging schnell weiter. Die Angst, etwas falsch zu machen, war offensichtlich groß. Heute sagt er, er habe intern sehr für Brigitte Meier gekämpft. Im Rathaus unter Druck zu stehen, das war Reiter in seiner Amtszeit bis dahin nicht gewohnt gewesen. Die kleinen Scharmützel mit dem Koalititionspartner CSU? Nervten ein bisserl. Stellvertreter Josef Schmid? Nach ersten Höhenflügen ausgebremst. Alle Termine, die ihm wichtig erscheinen, besetzt Reiter eben persönlich. Doch jetzt wirkte er erstmals angeschlagen.

In seiner SPD hat er eine Sonderrolle. Die Dankbarkeit ist groß, dass er in sehr schweren Zeiten den OB-Sessel erobert hat. Doch zuletzt knirschte es zwischen Rathaus-SPD und Partei deutlicher. Wie oft Reiter, der Freund von „Basta“-Entscheidungen, intern aneckt? Schwer zu sagen. Sein umstrittener Fraktionschef Alexander Reissl bekam bei seiner Wiederwahl jedenfalls einen deftigen Denkzettel: nur 14 von 25 Stimmen. Hätte ein OB nicht vorab auf den Tisch hauen, die Opponenten einfangen müssen? Ein paar Tage vor seinem Amtsjubiläum sitzt ein aufgeräumter, ein freundlicher, konzentrierter Oberbürgermeister in seinem Büro hoch über dem Marienplatz. Es riecht nach Kaffee, Reiter hat sein Sakko abgelegt, nimmt sich Zeit. Den Gegenwind für Reissl redet er klein. „Menschen in Führungspositionen sind selten unumstritten“, sagt er ruhig. Mit dem neuen Fraktionsvorstand – in der zweiten Reihe wurde der Generationswechsel eingeläutet – sei er „sehr zufrieden“. Reiter selbst sieht sich als einen, der Politik erst lernt. Er erzählt gerne vom Herbst 2014, als der OB die überfüllte Bayernkaserne eigenmächtig dicht machte, obwohl er für das Flüchtlingsheim gar nicht zuständig war. „Der Beamte in mir hat gesagt: Das kann ich nicht tun. Aber der Politiker – und der Mensch – hat gesagt: Das muss ich tun.“ Ein Jahr früher, sagt Reiter, hätte er sich „wahrscheinlich eine rechtliche Einschätzung geholt, es juristisch prüfen lassen“. Das Flüchtlingsthema, es begleitet seine ganze Amtszeit: Hungerstreik am Sendlinger Tor, Flüchtlings-Gipfel im Rathaus, zehntausende Neuankömmlinge am Hauptbahnhof, Debatten um Heim-Standorte. Im Wahlkampf hatte Reiter Gratis-Bratwurst verteilen lassen, die Münchner erzählten ihm von vollen U-Bahnen und stinkenden Schultoiletten. Im Amt warteten die Probleme der Welt. Sie sind längst nicht erledigt. Reiter weiß, dass ihn die Flüchtlinge weiter begleiten werden. Doch strategisch kann es für ihn zum Problem werden. Viele Grüne, Kultur-Leute, Journalisten waren begeistert von seinem Engagement. Doch München besteht nicht nur aus diesen Eliten – das weiß gerade Dieter Reiter. Und die Gratwanderung, gleichzeitig auch Sorgen und Ängste vor Zuwanderung ernst zu nehmen, sie kann kaum gelingen. Zu anderen Debatten hörte man von Reiter wenig. Stolpersteine, Islamzentrum, ein städtischer Preis für eine israelkritische Frauengruppe: Eine dezidierte Meinung Reiters wurde nicht bekannt. Diese Zurückhaltung könnte eine Stärke sein, einen Konflikt kann man so leichter moderieren. Doch häufen sich die Keine-Meinung-Debatten, wirkt ein OB schwach.

Statt zu diskutieren, geht Reiter lieber praktische Fragen an. Er fordert vieles, was der gesunde Menschenverstand sagt – oder der einfache Münchner. Reiter will vor allem schnelle Lösungen für Probleme, die er ärgerlich findet. Und: ein München, das bezahlbar bleibt, seinen alten Charme erhält. U-Bahnen, die nicht mehr überfüllt sind. Dazu ist Reiter ein Mann wie ein Baum, redet münchnerisch, ist ein Quereinsteiger, keiner, der seit Jahrzehnten die politische Karriere plant. Das gefällt vielen Menschen. Man kann es aber auch sehen wie einer der CSU-Vorderen: „Reiter kümmert sich um das Große nicht. Er ist nur in der Tagespolitik zu Hause.“ Überhaupt habe er keinen großen Plan für die Stadt.

Hier wird die CSU ihn wohl zunehmend attackieren. Deren Gegenwind in der Debatte um die Sozialereferentin habe er „bis heute nicht verstanden“, sagt der OB. „Es war der Tiefpunkt in zwei Jahren Zusammenarbeit.“ Und es könnte noch tiefer gehen: Die vereinbarten Themen sind langsam abgearbeitet, in ein, zwei Jahren wird die CSU in den Wahlkampf-Modus schalten. Ohnehin ist Schwarz-Rot eine Koalition des Misstrauens. Das hat für Reiter auch Vorteile: Dichter Filz wird hier nicht entstehen. Schmid und Reiter sehen sich als Gegner, jeder Schritt wird genau beäugt. Mit Blick auf die nächste Wahl hat CSU-Mann Schmid ähnliche Probleme wie Reiter. Schmids Themen sind die Kreativ-Industrie, Elektroautos, Besuche auf dem Christopher Street Day. Wichtige Themen. Aber unwahrscheinlich, dass sie viele CSUler begeistern. Und sicher, dass man so keine Wechselstimmung erzeugt und einen OB aus dem Amt jagt.

Reiter weiß aber, dass auch er mehr als das Flüchtlingsthema braucht. Besonders glaubwürdig kämpft er für bezahlbaren Wohnraum, will Vorschriften abbauen, den Neubau ankurbeln, Werkswohnungen schaffen. Als prägend für seine ersten OB-Jahre nennt Reiter etwas anderes: den Leitsatz „Ich will machen“. Bisher hat er es gut gemacht, man kann einen langen Text über Dieter Reiter schreiben ohne ihn mit Christian Ude zu vergleichen. Doch bis zur Wahl 2020, so viel ist sicher, hat Dieter Reiter noch viel zu tun.

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