„Sichtbarkeit ist wichtig.“ Rosa-Liste-Stadtrat Thomas Niederbühl im großen Sitzungssaal des Rathauses. Er ist seit 20 Jahren Stadtrat. foto: marcus schlaf

Schwul-lesbische Wählerinitiative

Seit 20 Jahren ist das Rathaus rosa

20 Jahre ist es her, dass Thomas Niederbühl erstmals ins Rathaus einzog – als Stadtrat der schwul-lesbischen „Rosa Liste“. Die 20 Jahre sind eine Erfolgsgeschichte für Münchens Homosexuelle. Manche Probleme aus den 90er-Jahren sind heute nicht mehr vorstellbar, Niederbühl hat inzwischen neue Sorgen.

20 Jahre sind eine lange Zeit. Wenn es um das Leben schwuler Männer in München geht, ist es eine Ewigkeit. Die 90er-Jahre waren eine andere Welt. Und Thomas Niederbühl weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. „Es gab ja immer noch den KVR-Chef Uhl“, sagt Rosa-Liste-Stadtrat Niederbühl. Und beginnt zu erzählen: von ständigen Kontrollen in schwulen Saunen, ob dort Sex stattfindet. Davon, dass man in Kneipen keine Kondome auslegen durfte, schließlich sei das Aufforderung zur Inzucht. Von Polizisten, die rumänischen Strichern nach einer Kontrolle das Wort „Homo“ in den Pass stempelten.

Vor 20 Jahren zog Thomas Niederbühl als Stadtrat für die schwul-lesbische Wählerinitiative „Rosa Liste“ ins Rathaus ein. Dass vieles, was er aus dem schwulen München der 90er-Jahre erzählt, heute nur noch schwer vorstellbar ist, das hat viel mit seinem Einsatz im Rathaus zu tun.

Heute sitzt ein selbstbewusster, ein zufriedener, ein fröhlicher Thomas Niederbühl in der Münchner Frühlingssonne. Der Mann ist tiefenentspannt, daran ändert auch ein riesiger Pott Kaffee auf der Terrasse des Rischart am Viktualienmarkt nichts – und auch nicht die vielen Zigaretten, die der 55-Jährige raucht. Damals, 1996, war der Einzug der Rosa Liste in den Stadtrat eine Sensation. Niederbühl hatte schon ein paar Jahre den Christopher Street Day mitorganisiert („eine Radl-Demo, damit es nach mehr Teilnehmern aussieht“), war 1990 in den Bezirksausschuss Schlachthofviertel eingezogen. Jetzt kam die Rosa Liste mit 1,8 Prozent der Stimmen ins Rathaus. Rot-Grün fehlte damals eine Stimme zur Mehrheit – Niederbühl wurde sofort zum Mehrheitsbeschaffer. Rot-Grün-Rosa hielt bis 2014 – er konnte viele Projekte umsetzen.

SPD-Oberbürgermeister Christian Ude führte immer selbstverständlicher den Christopher Street Day an, Rot-Grün-Rosa schuf Beratungs- und Hilfsangebote für die Szene, finanzierte Aufklärungsprojekte. Viele, viele kleine Schritte – die im Großen zu einem anderen Klima in der Stadt beitrugen. Einst wurde Thomas Niederbühl häufiger von Norddeutschen gefragt, ob man denn in München überhaupt leben könne, so als Schwuler. Heute erzählt er stolz, dass viele eher neidisch nach München blicken. Sogar die CSU, der alte Gegner, ist hier ziemlich lieb geworden. Es ist erst ein paar Jahre her, dass die Christsozialen in jeder Haushaltsdebatte forderten, Gelder für Szene-Projekte zu streichen. „Dass ich mit der CSU mal einen gemeinsamen Antrag für ein Lesbenzentrum stellen würde“, sagt Niederbühl und muss selbst ziemlich lange über die neue Münchner Realität lachen, „nein, das hätte ich mir vor 20 Jahren wirklich nicht vorstellen können.“ Niederbühl weiß vor allem zu schätzen, wie offen CSU-Bürgermeister Josef Schmid ist. Die CSU insgesamt hält er aber immer noch für eine Gleichstellungsbremse. 2014, nach der letzten Kommunalwahl, hätte er dafür sogar seine Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen geopfert. Einem CSU-Bürgermeister zur Rathaus-Macht zu helfen, das machte er öffentlich klar, komme für ihn nicht in Frage.

Denn bei allem, was besser und leichter geworden ist: Niederbühl warnt vor der Sichtweise, alles sei erreicht für die Szene. Er warnt vor einem Klima, das in mancher Hinsicht wieder rauer wird. Niederbühl sagt, es gehe auch darum, homosexuelle Flüchtlinge zu unterstützen. Auf der anderen Seite gebe es die Sorge vor schwulenfeindlichen Übergriffen durch Migranten, die aus Gesellschaften kommen, in denen Schwulsein als kriminell gilt. Zum anderen sagt er, die Szene müsse sich weiter öffnen. Zum Beispiel für Transsexuelle, die selbst bei der Rosa Liste eigentlich erst 2014 richtig selbstverständlich geworden wären.

Und dann ist da ja noch das Thema, auf das man schnell zu sprechen kommt, wenn es mit schwulen Männern um die Entwicklung ihres Münchens geht: das Glockenbachviertel. Immer weniger schwule Kneipen gibt es hier, immer mehr alte Schwule können sich die Mieten nicht mehr leisten. Und: Immer mehr Party-Volk, das einst eher im Kunstpark Ost feierte, ist nun am Wochenende auf der Müllerstraße unterwegs. Er selbst, sagt Niederbühl, lasse die Hand seines Ehemannes los, wenn ein Junggesellenabschied entgegenkomme. Aus Angst, verächtlich beäugt zu werden. „Das Viertel ist als identitätsstiftende Heimat sehr wichtig“, sagt Niederbühl. Es müsse auch in München einen Raum geben, „wo man auch mal tuntig sein kann und schrill“.

So also wie München am Christopher Street Day (CSD) ist, dem sichtbar-schwul-lesbischsten Tag des Münchner Jahres. Niederbühl wird dann wieder mit seinem Mann und Oberbürgermeister Dieter Reiter den großen Umzug durch die Innenstadt anführen. Dass der CSD zu unpolitisch geworden sei, das findet Mitorganisator Thomas Niederbühl überhaupt nicht. Die Debatte habe es schon in den Achtzigern gegeben, sagt er. Politik und Party funktioniere aber zusammen. „Sichtbarkeit ist wichtig.“ Beim CSD übrigens sprechen nicht nur bis zu 100 000 Demonstranten und Zuschauer dafür, dass München toleranter geworden ist. Sondern, dass auch hier manches nicht mehr denkbar ist. In den 90ern, erzählt Niederbühl, hat ein Polizist die ausgestreckte Hand nicht geschüttelt. Offenbar, weil er das bei einem schwulen Mann nicht tun wollte. Niederbühl klingt immer noch erschreckt, wenn er das erzählt. Aber auch stolz darauf, dass so etwas heute in München ein großer Skandal wäre. 2020 will er noch einmal antreten. Dann, hofft man bei der Rosa Liste, könnte endlich auch eine Frau einen zweiten Sitz ergattern. Wird Niederbühl auch nochmal gewählt, könnte er schließlich 30 Jahre Stadtrat gewesen sein. München toleranter zu machen, es ist Niederbühls Lebenswerk.

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