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Stephan Reich ist einer der sieben Kläger. Damit hat er die hohe Mauer mit erstritten. Jetzt sagt er: „Es geht uns nicht um die Unterkunft, sondern um die Spielwiese.“ Die Kläger befürchten, dass die 160 Asylbewerber dort so viel Lärm machen, dass Anwohner im 25 Meter entfernten Garten gestört werden. Reich hofft auf ein Ende der Debatte – und dass die Mauer stehen bleibt.

Das sagen die Nachbarn 

Mauer in München-Neuperlach: „Jetzt haben wir hier Berlin“

München - Eine Mauer macht weltweit Schlagzeilen. Sieben Münchner hatten das vier Meter hohe Bauwerk vor Gericht erstritten – als Lärmschutz vor der neuen Flüchtlingsunterkunft. Die Neuperlacher fürchten nun um ihren Ruf.

Eigentlich müsste Stephan Reich, 59, zufrieden sein. An diesem Montag kann der Richter von seinem Garten in einem Neuperlacher Wohnviertel auf das blicken, was er und sechs weitere Kläger erstritten haben: eine vier Meter hohe Mauer. Die soll ihn und andere Anwohner vor dem Lärm der Asylbewerberunterkunft gegenüber schützen. So weit, so gut.

Nun tummeln sich dort aber Spaziergänger, Schaulustige, Reporter und Kamerateams. Seit unsere Zeitung in der Samstagsausgabe über das Bauwerk berichtet hat, schreiben Medien in aller Welt über die „neue deutsche Mauer“ – und dass die Münchner sich von Flüchtlingen abschotten.

Das Ende eines langen Rechtsstreits

„Absolut misslungen“ , sagt Beate Schneider.

Kläger Stephan Reich sagt: „Das habe ich gar nicht für möglich gehalten.“ Zweieinhalb Jahre hat der Rechtsstreit rund um die Mauer zwischen den Anwohnern und der Stadt München gedauert. Eigentlich hätten die Flüchtlinge schon Anfang 2016 in die Wohncontainer einziehen sollen. Die Lösung brachte ein Runder Tisch im Sommer und anschließend ein entsprechender Kompromiss vor dem Verwaltungsgericht. Jetzt steht die Steinmauer zwischen dem Wohngebiet und dem Gelände, auf dem die neue Unterkunft für 160 Flüchtlinge fast fertig ist – Ende November sollen die unbegleiteten Minderjährigen einziehen. „Für uns war es vorbei“, sagt Reich. „Jetzt kommt alles wieder hoch.“ Was war passiert?

Ursprünglich ging es bei der Mauer um Lärmschutz

Guido Bucholtz, stellvertretender Vorsitzender im Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach, hatte die Mauer gefilmt und sich über ihre Höhe empört – das Video des parteilosen Kommunalpolitikers trat die Berichte los. Stephan Reich betont jetzt, dass er gegen Asylbewerber an sich nichts habe. Es ging ihm und den anderen Klägern eigentlich um Lärmschutz – und zwar vor der Spielwiese, die zu dem Flüchtlingsheim dazugehört. Von Reichs Garten ist die nur 25 Meter entfernt. „Bei einer Sportanlage hätten wir uns auch gewehrt“, sagt er. Die Proteste gegen die Unterkunft bewirkten, dass diese mit 160 Wohnplätzen deutlich kleiner wurde als geplant. 2014 wurde beschlossen, dass die Unterkunft gebaut wird.

Nicht alle Nachbarn sehen die Notwendigkeit

Anwohner Darko Hrgovic.

Jetzt ist die Mauer auch in Neuperlach Gesprächsthema Nummer 1. „Sie ist einfach schrecklich“, sagt Darko Hrgovic, 60. Der Betriebswirt lebt in der Nähe der Unterkunft – die Klagen kann er nur schwer nachvollziehen: „Ich habe auch Autolärm vor der Tür. Damit muss ich leben.“ Beate Schneider, 47, findet die Mauer „absolut misslungen. Jetzt haben wir hier Berlin. Fehlen nur noch die Schießanlagen.“ Ein Neuperlacher schimpft: „Dieses Monsterwerk ist überdimensional. Damit hat sich Neuperlach disqualifiziert.“ Schallschutz sei wichtig. „Aber es hätte auch andere Maßnahmen gegeben, die günstiger und optisch schöner sind.“

Genau deshalb hatten sich die Kläger eigentlich einen Erdwall gewünscht. Nur erlaubte den die Stadt München nicht – wegen Hochwasserschutz. Tatsächlich verläuft einige hundert Meter von den Häusern entfernt der Hachinger Bach, er ist keine zwei Meter breit. Hochwasser in Neuperlach? „Ich hab es noch nie erlebt und werde es auch nicht erleben“, sagt Ursula Rank, die 67-Jährige lebt seit 1972 hier. „Das ist idiotisch.“ Der Hachinger Bach sei viel zu klein, sagt sie, der Grundwasserspiegel viel zu niedrig, sagen andere. Durch die Mauer entwickle sich das Viertel zu einem Ghetto, vor allem für die Flüchtlinge. „Das ist ja für die wie ein Gefängnis“, sagt die Rentnerin.

Die Flüchtlingshelferin hat Verständnis

Flüchtlingshelferin  Gabi Born.

Es gibt aber auch Menschen, die finden die Mauer gar nicht so schlimm. Gabi Born ist Flüchtlingshelferin in Neuperlach, sie glaubt: „Die Asylbewerber werden Verständnis haben. Die Mauer geht ja nicht rund herum.“ Sie ist ebenfalls Anwohnerin, hat aber nicht geklagt – Verständnis hat die 62-Jährige für die Kläger trotzdem: „Es ist ganz klar, dass man Ruhe will.“ Und gleichzeitig müssten die jungen Asylbewerber Spielmöglichkeiten haben. „Die Flüchtlinge werden merken, dass wir hinter ihnen stehen. Und die Anwohner werden auch merken, dass alles gut wird“, sagt Gabi Born. So aber werfe die Mauer ein schlechtes Licht auf Neuperlach.

Bezirksausschuss verteidigt die Mauer

Verteidigt die Mauer: Thomas K auer (CSU)

Damit hat nun auch der zuständige Bezirksausschussvorsitzende Thomas Kauer (CSU) zu kämpfen. Auch er steht am Montag vor der Mauer und verteidigt sie. Die Alternativen? „Nutzung einschränken, Baugenehmigung weg, Nachbarschaftskonflikte“, zählt er auf. Soll heißen: Ohne Mauer hätte das Flüchtlingsheim womöglich gar nicht gebaut werden dürfen. Kauer betont: „Es ist kein Gefängnis.“ Das Gelände werde umzäunt, wie bei anderen Anlagen auch. „Ich möchte entschieden dem Eindruck widersprechen, es sei eine Mauer gegen Flüchtlinge.“ Auch Astrid Schweizer, die für die SPD im Bezirksausschuss sitzt, rechtfertigt den Kompromis – „auch wenn ich damit die größten Bauchschmerzen habe“. Der Vertreter der Grünen, Christian Smolka, hingegen sagt: „Skandalös ist der Zustand, dass es sieben Anwohnern gelungen ist, ein schiefes Licht auf die Mehrheit der Bevölkerung und deren Willen zur Integration in Neuperlach zu werfen.“ Die Außenwirkung der Mauer sei katastrophal.

Mauer hat nichts mit Willkommenskultur zu tun

Im vorigen Herbst hatte München noch einen ganz anderen Ruf: Als täglich tausende Flüchtlinge in Zügen am Hauptbahnhof ankamen, wurden sie herzlich empfangen. Die Bilder gingen um die ganze Welt, sogar die „New York Times“ berichtete auf ihrer Titelseite über die Herzlichkeit der Münchner. Vielleicht stürzt sich die internationale Presse deshalb besonders eifrig auf die Mauer.

Das Thema treibt auch das Münchner Rathaus um. Die dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) sagt: „Man kann Willkommenskultur doch nicht an 20 Metern Mauer festmachen.“ Die Grünen-Fraktionschefin Gülseren Demirel widerspricht: „Das hat nichts mit Willkommenskultur zu tun.“ Die Dimension der Neuperlacher Mauer kann sie nicht nachvollziehen. Demirel fordert, dass das Bauwerk wieder abgerissen wird. „Hier geht es nicht um Autobahn-Lärm. Hier geht es um Abgrenzung. Die Flüchtlinge sollen unsichtbar gemacht werden.“ Das könne die Stadt nicht zulassen.

Einfach nur Vollzug des Baurechts

Der CSU-Fraktionsvorsitzende Hans Podiuk verweist auf das Gerichtsurteil. „Die Mauer mag nach Abgrenzung ausschauen“, sagt er. Das sei jedoch nicht der Fall, sondern vielmehr ein „Vollzug des Baurechts“. Konsequenz aus dem Wirbel um die Mauer müsse sein, dass die Stadt bei Bauvorhaben wie der Flüchtlingsunterkunft in Neuperlach künftig genauer hinschaut und die Wünsche der Anwohner berücksichtigt. Der Lärmschutz habe nun einmal Grenzen, die eingehalten werden müssen.

Kläger Stephan Reich hofft, dass sich die Aufregung bald legt, dass die Kamerateams und Schaulustigen vor seinem Gartenzaun bald wieder verschwinden. Er sagt: „Die Mauer ist im Rohbauzustand, sie wird noch bepflanzt und begrünt. Die Optik wird sich noch ändern.“ Als Richter weiß er, wie wichtig Kompromisse sind – einen weiteren will er aber auf keinen Fall eingehen: „Vereinbarungen sind einzuhalten. Ein Abtragen der Mauer wäre ein Schildbürgerstreich.“

Carmen Ick-Dietl, Ute Wessels, Sebastian Raviol

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