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Bluttat am hellichten Nachmittag: Polizeibeamte sichern am Dienstagnachmittag den Tatort in Obergiesing.

Architektin zeigte Stalker mehrfach an

Mord in Giesing: Hätte die Tat verhindert werden können?

München - Sein Tatmotiv war verschmähte Liebe: Der Täter in Giesing hat seine Ex-Freundin mit einem Messer getötet. Das Verbrechen konnte nicht verhindert werden, obwohl die Frau ihn mehrfach angezeigt hatte.

Am Donnerstag, 10 Uhr, hätte Roland Burzik, 45 Jahre alt, einen Termin gehabt. Beim Amtsgericht München, Sitzungssaal A 127, Verhandlung wegen Nachstellung. Doch der Prozess findet nicht statt. Roland Burzik, der Stalker, hat am Dienstag eine Frau erstochen – seine Ex-Freundin Tsin-ieh L. Die Architektin starb vor dem Mehrfamilienhaus in Giesing, in dem sie wohnte. Ihre Nachbarn bat sie vor einigen Monaten darum, stets die Tür abzusperren. Weil sie Angst hatte vor Roland Burzik.

Zwischen den grauen Wohnblöcken an der Bayrischzeller Straße ist es still am Tag nach der tödlichen Attacke. Die Gegend um die U-Bahn-Station Untersbergstraße ist nicht die beste Lage Münchens, es gibt aber auch schlechtere. Alte Bäume, Bänke, hier wohnen Normalverdiener, Arbeiter, Familien. Beim Nachbarschaftstreff können Senioren Mittagessen, der Speiseplan hängt im Schaukasten. Heute verschwinden die Menschen schnell in den Häusern, sie wollen nichts sagen zu der Bluttat. „Schrecklich“, sagt eine Passantin, sie schüttelt den Kopf. „Wie kann einer so durchdrehen?“

Das furchtbarste Ende, das Stalking nehmen kann

Vor der Hausnummer 5 stehen keine Kerzen, keine Blumen. Auf dem Pflaster erinnern nur dunkle Flecken, getrocknetes Blut, dass hier Tsin-ieh L., deren Namen man wie das englische „Jeannie“ ausspricht, vergeblich um ihr Leben gekämpft hat. Es ist das furchtbarste Ende, das Stalking nehmen kann.

Tsin-ieh L. trifft am Dienstagnachmittag im Hausflur auf Roland Burzik, den Mann, mit dem sie bis vor sechs Jahren zusammen war. Nicht lange – nur etwa ein Jahr, dann kam auch schon die Trennung. Doch die hat Burzik bis heute nicht verkraftet. Die Ermittler gehen davon aus, dass verschmähte Liebe das Motiv des 45-Jährigen ist.

Burzik stellte seiner Ex nach, 2012 ging das los. Vier Mal zeigte sie ihn an, 2014 wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch zivilrechtlich ging sie gegen ihn vor, er bekam Auflagen, ein Kontaktverbot, er durfte ihr nicht näher als 100 Meter kommen. Eine Weile hielt er sich daran, dann stellte er ihr wieder nach, passte sie nach Feierabend auf dem Heimweg ab. Als sie sich bei einer Bekannten versteckte, fand er deren Adresse heraus und bedrängte Tsin-ieh L. wieder. Für einen Haftbefehl reichte das nie, Burzik war ansonsten nicht vorbestraft. Markus Kraus, Chef der Münchner Mordkommission, sagt am Mittwoch: „Das muss man leider sagen: Wenn nichts passiert, ist es schwierig, etwas zu unternehmen.“

Am Dienstagnachmittag passierte etwas

Der Täter.

Am Dienstagnachmittag passiert etwas. Roland Burzik lauert Tsin-ieh L. auf, er hat ein Messer, die Klinge ist 25 Zentimeter lang. Er sticht auf die schmale Frau ein. Eine Nachbarin sieht noch, wie der Mann das Haus verlässt. Um kurz nach 15.30 Uhr gehen bei der Polizei mehrere Notrufe ein. Jemand bringt Tsin-ieh L. vor die Tür, damit der Arzt sie besser behandeln kann. Da ist sie kaum noch ansprechbar. Als der Notarzt eintrifft, kann er nichts mehr für Tsin-ieh L. tun – sie ist tot. Die Polizei kommt, doch Burzik ist schon weg, das blutige Messer liegt im Flur. Hunde verfolgen seine Spur bis zur U-Bahn-Station, dann verlieren sie die Fährte. Seither ist Burzik auf der Flucht, gestern Nachmittag veröffentlichte die Polizei ein Bild von ihm.

Sein Opfer war 45 Jahre alt, Tsin-ieh L. hatte asiatische Wurzeln und arbeitete als Architektin bei der Städtischen Wohnungsgesellschaft GWG. Ihre Kollegen und die Geschäftsleitung „sind erschüttert und entsetzt über das, was ihr zugestoßen ist“. Tsin-ieh L. sei eine „hoch geschätzte und sehr engagierte Kollegin“ gewesen. Lebenslustig und nett. In einer Broschüre steht, sie habe Mehrfamilienhäuser in Feldmoching und auf der Schwanthalerhöhe mitgeplant. Roland Burzik wohnt seit 2013 in München, ursprünglich kommt er aus Norddeutschland. Vielleicht lernten sich die beiden über ihren Beruf kennen, das ermittelt die Polizei noch.

Fest steht: Tsin-ieh L. hatte Angst vor ihrem Ex-Freund. Er hing vor ihrem Haus herum, er schrieb ihr E-Mails, rief sie an, auch im Büro. Tsin-ieh L. suchte Hilfe, wurde vom Opferschutzkommissariat in München beraten. Im vorigen Herbst führten die Beamten die letzte sogenannte Gefährderansprache durch, das ist ein Gespräch mit einem möglichen Täter. Aber das, so sagt Chefermittler Markus Kraus, „ist letztlich ohne Erfolg geblieben“.

"Was passiert ist, dafür ist nicht das Opfer verantwortlich"

Laut Polizei hatte sich nicht abgezeichnet, dass Roland Burzik gewaltätig werden könnte. Zumindest in den Gesprächen der Frau mit der Opferberatung sei das nicht Thema gewesen. Markus Kraus betont aber auch: „Was passiert ist, dafür ist nicht das Opfer verantwortlich.“ Im Gegenteil. Tsin-ieh L. hat sich gewehrt, sie ist zur Polizei gegangen. Sie hat alles richtig gemacht. Hätte die Tat verhindert werden können?

Wahrscheinlich nicht. „Man hat als Betroffener nur begrenzten Einfluss auf den Stalker“, sagt Professor Harald Dreßing. Er leitet die Forensische Psychiatrie beim Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und hat als Gutachter schon viele Stalking-Prozesse begleitet. Er sagt: „Es gibt kein Verhalten, das das Verhalten des Stalkers sicher verändert.“ Wichtig sei es, rechtliche Schritte frühzeitig zu unternehmen. Trotzdem zieht sich Stalking wie auch bei der Münchner Architektin in der Regel über eine lange Zeit: „Ein Drittel der Fälle dauert länger als ein Jahr“, sagt der Experte. Und Stalking betrifft viele Menschen: „Bei unserer Untersuchung war es so, dass elf Prozent der Studienteilnehmer einmal im Leben von Stalking betroffen waren. Das ist sehr häufig“, sagt Dreßing. Die Kriminalstatistik weist für 2016 in Deutschland rund 19 700 Stalking-Fälle aus – 60 Prozent aller Fälle entstehen nach der Trennung einer Intimpartnerschaft. Die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch. Weil die Opfer aus Scham nichts unternehmen, und auch, weil sehr wenige Stalker tatsächlich verurteilt werden. Trotzdem doktert die Politik seit Jahren an schärferen Gesetzen herum.

Stalking – der Begriff kommt aus der Jägersprache und bedeutet „Anpirschen“ – ist in Deutschland erst seit dem Jahr 2007 strafbar. Und das Gesetz hat Schwächen. Denn Paragraf 238 verlangt bisher, dass der Täter die Lebensgestaltung des Opfers „schwerwiegend beeinträchtigt“ hat. Aber wie misst man das? Bisher musste das Opfer zum Beispiel umziehen oder den Arbeitsplatz wechseln, um endlich Ruhe zu haben.

Tsin-ieh L. hat „bis 2012, 2013“ in Wolfratshausen gelebt, sagt die Polizei. Die Frau arbeitete auch dort als Architektin. Dann zog sie nach München. Ob der Umzug mit Roland Burzik zusammenhing, ist noch unklar.

Stalking kann nach bisherigen Gesetzen nicht bestraft werden

Nach den bisherigen Gesetzen kann Stalking nicht bestraft werden, wenn das Opfer sein Leben wie bisher weiterführt. Erst vor einem Monat hat Bundesjustizminister Heiko Maas, SPD, nun ein neues Gesetz auf den Weg gebracht. Es sieht vor, dass Stalking auch dann strafbar ist, wenn das Opfer dem Druck des Täters nicht nachgibt. „Das ist längst überfällig“, sagt Bayerns Justizminister Winfried Bausback, CSU. Er sagt auch, dass es diesen neuen Paragrafen schon längst geben könnte: Bereits im Mai 2014 habe Bayern konkrete Gesetzesvorschläge gemacht, die von Maas „jetzt 1:1 übernommen“ worden seien. Bis die Neuregelungen in Kraft treten, wird es dauern – das Gesetz muss noch durch den Bundesrat. Tätern drohen dann bis zu drei Jahre Haft.

Roland Burzik war bereits verurteilt, eine zweite Strafe drohte ihm ab Donnerstag am Amtsgericht. Vielleicht war der Prozess der Auslöser für die Attacke. Professor Dreßing spricht von einem „besonderen Gefährdungsfenster“: Das öffne sich immer dann, wenn der Stalker erfährt, dass er angezeigt wurde, ein Urteil ansteht, Strafe droht. Dann müssten sich die Opfer „ganz besonders schützen“.

Es gibt noch weitere seltsame Dinge, die Tsin-ieh L. in diesem Jahr erleben musste. Ihre Radlreifen wurden zerstochen, ihr Schloss mit Sekundenkleber zugepappt. Die Architektin verteilte Zettel an ihre Nachbarn, bat um Hinweise, wenn sich ein verdächtiger Mann am Haus herumtreibe. Und sie erstattete Anzeige gegen Unbekannt, obwohl sie vermutlich einen Verdacht hatte. Doch Beweise gegen Burzik gab es nicht.

Als die Ermittler seine Wohnung durchsuchten, fanden sie keine Hinweise darauf, dass Roland Burzik die Tat geplant hatte. Vielmehr deutete vieles auf einen überhasteten Aufbruch hin. Und die Beamten fanden Unterlagen. Damit hatte sich der Stalker auf seinen Prozess vorbereitet.

Stefan Sessler

Stefan Sessler

E-Mail:stefan.sessler@merkur.de

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