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Eine Mutter und ihr Kind wurden am Ammersee getötet.

Nach Taten in Eching und München

Anwalt erklärt: Darum wird ein Mensch zum Mörder

München - Drei Bluttaten innerhalb weniger Tage erschüttern Oberbayern. Doch wie wird ein Mensch überhaupt zum grausamen Straftäter? Ist er schuldig - oder ist es sein Schicksal? Dazu stellt ein Anwalt fünf Thesen auf.

Ein Stalker verfolgt seine Ex-Freundin und bringt sie schließlich um. In einer Pizzeria rammt ein Mann seiner Frau ein Messer in den Kopf. Ein Vater erwürgt seine Ex und seinen Sohn. Es sind Taten, die fassungslos machen. Aber sie sind geschehen – alle in den vergangenen zwei Wochen. In Obergiesing, Schwabing und Eching

Doch warum verhalten sich Menschen so grausam? Sind sie schuldig – oder ist es ihr Schicksal? Und kann jeder Mensch zum Straftäter werden? Darüber hat Anwalt Dr. Michael Scheele ein Buch geschrieben. Auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen wirft er die Frage auf, ob unsere Gene, unsere Biografie und unser Unterbewusstsein uns steuern. Dazu stellt Scheele fünf Thesen auf. 

Warum ein Mensch nicht böse geboren wird

Wie wird ein Mensch zum Mörder? Warum begeht er Straftaten? Scheele sieht dafür zwei Ursachen. „Das eine ist die genetische Veranlagung. Es gibt zum Beispiel ein Aggressionsgen, das vererbt sein kann.“ 98,4 Prozent der Insassen der Todeszellen in den USA haben diese Gen-Kombination. „Die andere Möglichkeit, böse zu werden, ist die Biografie.“ Selbst vorgeburtliche Erfahrungen der Mutter, beispielsweise bei einer Misshandlung oder dem Erlebnis eines schmerzhaften Verlustes könnten die Kompassnadel für moralisches Verhalten beeinträchtigen. Solche pränatalen Einflüsse erhöhen das Risiko von Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen. 

„Jeder Mensch kann zum Straftäter werden“, sagt Scheele. Zwar sei uns ein moralisches Empfinden angeboren. „Aber ob wir auch moralisch und gesetzestreu handeln, hängt auch davon ab, ob die moralische Kompassnadel im Laufe des Lebens durch Einflüsse verbogen wurde, derer man sich gar nicht bewusst ist, die das Unterbewusstsein aber geprägt haben.“ Wissenschaftler sind sich einig, dass 80 Prozent unserer Handlungen vom Unterbewusstsein gesteuert werden, unzugänglich für eine bewusste Kontrolle. Die Vorstellung, dass unsere Entscheidungsfreiheit grenzenlos ist, sei daher „grundlegend falsch.“

Ein Glückshormon treibt Verlierer in die Arme von Terroristen

Mord in Obergiesing: Mit diesem Plakat fahndet die Polizei nach dem mutmaßlichen Täter.

Elementare Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und Sex dirigieren uns durchs Leben. „Wir sind Sklaven eines im Gehirn verorteten Belohnungssystems, das unsere Handlungs- und Entscheidungsfreiheit einschränkt, manchmal auch völlig verhindert“, sagt Scheele. Dieses System wird von Dopamin gefüttert – dem Glückshormon, das ausgeschüttet wird. Zum Beispiel, wenn Geltung und Anerkennung – unsere größten Bedürfnisse – befriedigt werden. „Die Mittel, mit denen Menschen nach Anerkennung suchen, sind höchst unterschiedlich“, sagt Scheele. Manche wollen mit beruflichem Erfolg punkten, andere mit Statussymbolen oder Attraktivität. „Der nicht bewusst erlebte Drang nach Anerkennung treibt junge, orientierungslose Menschen in die Arme von Terroristen, die anderen in die Arme von Schönheitschirurgen“, sagt Scheele. Es handele sich – hirnorganisch gesehen – um denselben Mechanismus. Speziell der Beitritt zu Terror-Gruppen stille mit Orientierung, Wertschätzung und Zugehörigkeit gleich drei elementare Bedürfnisse. „Das erklärt auch, warum Jugendliche, die den Halt verloren haben, sich dorthin wenden.“

Es gibt kaum gerechte Strafurteile

Wird ein Verbrecher verurteilt, geht das Gericht auf dessen Schuld ein. Also auf das individuelle vorwerfbare Verhalten, auf die Entscheidung des Täters gegen geltendes Recht zu handeln. „Neurowissenschaftler und Verhaltensforscher konnten aber belegen, dass nicht immer bewusst, also durch eigene Gedanken gesteuert, veranlasst wird, was ein Täter getan hat“, sagt Scheele. Grenzenlose Entscheidungsfreiheit sei nur unsere Einbildung. Die Folge für die Strafjustiz: Es ist schwierig, oft unmöglich zu beurteilen, ob dem Täter eine Schuld im Sinne des individuell vorwerfbaren Verhaltens angelastet werden kann. „Wenn man die objektive Beurteilung der Schuld eines Angeklagten einfordert, müsste man ihm unter die Schädeldecke kriechen“, sagt Scheele. Das sei nicht möglich. Deshalb müsse infrage gestellt werden, ob jede einzelne Tat, die gegen das Gesetz verstößt, den Schuldvorwurf verdient – im Sinne eines moralischen, also strafrechtlich relevanten Schuldvorwurfs.

Unser Strafvollzug ist ein Sicherheitsrisiko für alle

„Der gesetzliche Auftrag, Täter zu resozialisieren, wird von Politikern nicht ernst genug genommen“, kritisiert Scheele – denn auch die Gesellschaft könnte davon profitieren. Aktuell gibt es in Bayern 11.059 Häftlinge, nur 532 von ihnen wird laut Justizministerium der offene Vollzug gewährt. Ein Fehler? „Im geschlossenen Vollzug wird nicht effizient resozialisiert, das belegen die seit Jahrzehnten konstant hohen Rückfallquoten“, sagt Scheele. Und fordert: „Offener Vollzug sollte die Regel sein. Das gewährleistet langfristig mehr Sicherheit für die Allgemeinheit.“ Wer tagsüber arbeitet und nur nachts hinter Gittern schläft, sei näher an der Gesellschaft. Finnland und Dänemark sind Vorbilder: Dort seien die Rückfallquoten bei diesen Gefangenen um 20 Prozent gesunken.

Die Wissenschaft könnte die Verbrechens-Vorbeugung revolutionieren

„Es gibt neurobiologische Verfahren, mit denen potenzielle Täter frühzeitig erkannt werden können, bevor sie straffällig werden“, sagt Scheele. Eine Studie in den USA habe ergeben, dass Risikofaktoren bei 15-jährigen Schülern gemessen werden können. „Tatsächlich wurde die überwiegende Mehrheit dieser Jugendlichen, bei denen auffällige psychophysische Reaktionen auf bestimmte Reize festgestellt wurden, später straffällig.“ Wie der Psychologe Hans-Joachim Markowitsch sagt, könnten Gefährlichkeitsprognosen mittels Kernspin in einigen Fällen helfen, über Haftentlassung oder Sicherheitsverwahrung zu entscheiden. Ebenso ließen sich Psychopathen besser enttarnen. Bisher ist die Umsetzung aber noch schwierig. Die Hirnforschung steht hier vor einer Herausforderung.

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