Amelie Kahl (mit Sonnenbrille) im Kreise ihrer kreativen Freunde von der Bürogemeinschaft "The Stu".

Jenseits der Oberflächlichkeit

Junge Kreative arbeiten mit Flüchtlingen im Westend

München - Junge Kreative arbeiten im Westend als „The Stu“ mit Flüchtlingen zusammen. Wir stellen das Projekt von Amelie Kahl und ihren Freunden vor.

Mode war der Lebensmittelpunkt von Amelie Kahl. Mit ihren Freundinnen Antonia Wille und Milena Heißerer füllt sie das angesagte Blogazin „amazed“ mit hübschen Bildern und Texten rund um das Thema Lifestyle, Fashion und Trends. Einmal die Woche arbeitet sie als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft an der Theresienstraße. Aber das reicht der 24-Jährigen nicht mehr. „Die Oberflächlichkeit der Modewelt langweilt mich“, sagt Kahl. Sie will sich davon distanzieren. Sich den wichtigen Themen unserer Zeit widmen – und das kann sie mit ihren Freunden von „The Stu“.

„The Stu“ ist eine besondere Bürogemeinschaft. Eine Gruppierung von Kreativen aus unterschiedlichen Bereichen, die an der Hansastraße einen Co-Working Space benutzen – sich also Arbeitsräume teilen. Vergangenen Winter sind die ersten Flüchtlinge in die Leichtbauhalle nur einige hundert Meter entfernt gezogen. Das brachte „The Stu“ auf eine Idee: Warum nicht den Arbeitsplatz mit kreativen Bewohnern der Unterkunft teilen? „Nachdem wir Kontakt über die Sozialarbeiterin aufgenommen hatten, haben wir begonnen uns einmal wöchentlich mit einer Gruppe Kreativer aus der Flüchtlingsunterkunft zu verabreden“, sagt Kahl.

Aus den Treffen ist eine Ausstellung entstanden, die von heute an bis Sonntag im Farbenladen in der Hansastraße 31 gezeigt werden soll. Es sind die kreativ umgesetzten Inhalte der Smartphones der zwölf Flüchtlinge aus Syrien, Nigeria, Iran und Eritrea, mit denen sich die dreizehn Mitglieder von „The Stu“ angefreundet haben. Arbeiten, die vor, während und nach der Flucht die individuellen Eindrücke und Gedanken der Flüchtlinge zeigen sollen. Ihr zurückgelassenes Leben aus ihren Heimatländern, die Erlebnisse auf der Flucht und von ihrem neuen Leben in Deutschland.

Ausstellung soll erst der Anfang sein

Ausgestellt wird auch die WhatsApp-Unterhaltung von Samir aus dem Iran. Sie ist während der Flucht entstanden. Mit einem Schlauchboot ist Samir auf dem Mittelmeer. Es ist dunkel. Das kleine Boot wippt auf den Wellen. Wo das rettende Festland ist? Dazu fehlt die Orientierung. Die Nacht hüllt das Boot in Dunkelheit ein. Immer wieder schickt der junge Mann seinem Freund den Standpunkt von ihrem Schlauchboot auf hoher See via WhatsApp. Und sein Freund leitet ihn. Hunderte Kilometer entfernt empfängt er die Standpunkte von Samir. Er gibt seinem Freund Anweisungen, wo die Küste ist. Das Boot müsse sich links halten. Wieder schickt Tarek den Standort. Nun doch wieder mehr rechts. Mit der Hilfe von Samirs Freund und WhatsApp erreicht das Boot das Festland. Die Erinnerung an die Angst und Ungewissheit festgehalten in einem Chatverlauf.

Die Ausstellung im Farbenladen soll aber erst der Anfang sein. Sie soll in anderen Städten gezeigt werden. Workshops sollen folgen. Die Kreativen aus den verschiedenen Ländern haben sich auch über dieses Projekt hinaus angefreundet. Sie versuchen ihren neuen Freunden zu helfen – mit Übersetzungen oder Materialbeschaffung. Einem geflohenen Journalisten wurde der Laptop gestohlen. Ein Aufruf auf Kahls privater Facebook-Seite hat innerhalb von wenigen Minuten einen Ersatz ermöglicht. „Für mich war es ja nur ein kleiner Post“, sagt die 24-Jährige. „So viel Dankbarkeit habe ich noch nie erlebt. Das war schön.“

Auf ihrem ersten Blog „Wind Cries Amy“ posierte Kahl vor sieben Jahren im Sommerkleid im Garten ihrer Eltern. „Es ging darum, wie ich am hübschesten aussehe. Besonders meinungsschwanger waren meine Beiträge nicht“, sagt Kahl. Als Modepüppchen hat sich die junge Frau zwar nie gesehen. Aber es werde Zeit mit ihrem Blog politischer zu werden, ihre Meinung zu schreiben, Gesellschaftskritik auszuüben, findet sie. Auch ihre Blogger-Kolleginnen erleben diese Veränderung. „Mode ist immer noch ein großes Thema für uns“, sagt Kahl. „Aber wir wollen uns weiterentwickeln.“

Stefanie Witterauf

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