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Die Richterbank war acht Jahre lang sein Arbeitsplatz. Jetzt geht Matthias Braumandl zur Staatsanwaltschaft.

Nun jagt er die schweren Jungs

Vom Amtsrichter zum Ankläger: Darum wechselt er die Seiten

München - Acht Jahre sprach Amtsrichter Matthias Braumandl Urteile über Verbrecher. Nun wechselt er die Seiten. Ab Juni arbeitet er als Staatsanwalt.

Seine Worte wird so mancher Angeklagter nie vergessen. „Mit Verlaub, Herr Professor, Sie sind ein Grapscher“, sagte Richter Matthias Braumandl (38) Ende Mai zu Siegfried M. Der frühere Rektor der Musikhochschule hatte eine Kollegin sexuell genötigt und musste deshalb vors Amtsgericht. Dort verurteilte Braumandl ihn zu einer Bewährungsstrafe. Und erläuterte sein Urteil gründlich: mit Hirn, Herz und Humor.

Es waren Sätze wie diese, die Braumandl bekannt gemacht haben. Denn sie trafen einen Nerv. „Wenn ich Ihre Aussage höre, könnte ich im Strahl kotzen“, schimpfte er einen Kinderschänder. „Alles, was dieses Gericht an Strafe aussprechen kann, hat es getan“, sagte er zu einem Mann, der ein Mädel ins Hotel gelockt und geschwängert hatte. Er bekam vier Jahre Haft – Höchststrafe am Amtsgericht.

Siegfried M. war Braumandls vorerst letzter Fall. Nach acht Jahren wechselte er Anfang Juni zur Staatsanwaltschaft München II. Dort wird er Kinderschänder jagen, Mörder und Totschläger. Die schweren Jungs, die bis zu lebenslang hinter Gitter müssen. „Ich möchte als Staatsanwalt daran mitwirken, dass solche schwerwiegenden Verbrechen mit entsprechenden Strafen belegt werden“, sagt Braumandl. Sein Aufgabengebiet liegt künftig im Jugendschutz, Sexualstrafrecht und Kapitalverbrechen.

Wenn Braumandl über seinen neuen Posten spricht, sieht man ihn lächeln und die Augen blitzen. Es ist ein Job, der ihn reizt. Böse Menschen für ihre Taten vor Gericht zu bringen, die Gesellschaft vor ihnen zu schützen: Daran mitzuwirken, das spornt Braumandl an. Staatsanwalt: Das ist ein Job, der ihm neue Möglichkeiten verschafft. Weil man das Verbrechen aufdecken kann. Und nicht nur über die Strafe entscheidet.

Am Amtsgericht hat Braumandl witzige und kuriose Geschichten erlebt. Aber auch viele grausame, teilweise unvorstellbare. „Ich führte als Ermittlungsrichter auch die Vernehmungen von missbrauchten Kindern. Einige haben extreme Dinge erlebt und wurden schwer sexuell missbraucht. Sie schildern das in einer Normalität, wie andere Kinder von der Schule oder vom Zähneputzen berichten würden. Auch ich als Richter konnte mich nicht immer von Emotionen lösen“, sagt Braumandl.

Gefühle wie Wut oder Mitleid haben ihn begleitet. In der Urteilsbegründung konnte er sie ausdrücken. „Das“, sagt Braumandl, „ist der Moment, wo ich alles sagen kann, was ich denke. Ich finde es wichtig, mich nicht hinter juristischen Fachausdrücken zu verbergen, sondern versuche, klar verständlich zu formulieren.“ Respekt aber „bringe ich jedem Angeklagten entgegen“, sagt er. Das gilt auch für die Zukunft. Für Kinderschänder, die selbst im Gefängnis angefeindet werden – oder Mörder, die ganze Familien zerstört haben. Am Landgericht erhalten sie viel härtere Strafen.

Auf seine Zeit am Amtsgericht schaut Braumandl gerne zurück. „Es war super, ich war gerne Amtsrichter“, sagt er. „Als Münchner mochte ich den Lokalkolorit.“ Etwa die Gespräche, ob ein Angeklagter Alkohol getrunken habe - natürlich auf bairisch. Die amüsante Antwort vor einiger Zeit: Freilich trink ich an Schnaps. I bin ja koa Antn, Wasser dring i nia. „Das mag ich. Das sind nette Sachen“, sagt Braumandl, der an der Grenze aufwuchs. Zwischen Perlach und Neuperlach.

Als Amtsrichter hätte er es „noch viele Jahre ausgehalten“ in München. Aber dann kam das Angebot von der Staatsanwaltschaft. Und dort kümmert Braumandl sich jetzt um die schweren Jungs aus dem Umland.

Braumandl hat ein Herz für die Löwen

Sechzig-Fan Braumandl am Grünwalder Stadion.

Unter der Woche jagt er Verbrecher, am Wochenende brüllt er mit den Löwen! Seit seiner Jugend ist Matthias Braumandl Fan von 1860 München. „Im Herbst, wenn ich noch voller Euphorie bin, sehe ich jedes Spiel“, sagt er. Aber Sechzig lieben: Das heißt auch leiden. „Umso mehr sie nach unten sacken, desto weniger Lust habe ich, weil ich mich immer ärgern muss“, sagt er und grinst. „Nach der Winterpause bin ich meistens neu motiviert und gehe öfter ins Stadion. Und so, wie es die letzten Jahre gelaufen ist, bin ich dann beleidigt und gehe erst wieder hin, wenn’s um die Wurscht geht.“

So wie im Juni 2015, beim Relegationsspiel gegen Kiel. „Die letzte Viertelstunde war ohrenbetäubend“, sagt Braumandl. „Die beste Stimmung, die die Allianz Arena je gesehen hat.“ Mit Fan-Shirt und Trainingsjacke steht der Staatsanwalt im Block. Dabei war er früher Bayern-Fan – bis er mit 14 Jahren das Sechzig-Spiel gegen Neunkirchen sah. Es ging um den Aufstieg in die Zweite Bundesliga, also wieder Relegation! „Als Kind gab es Sechzig ja sozusagen nicht. Ich bin mit meinem Banknachbarn hin. Nur zum Gucken, es war etwas Exotisches.“ Aber dann war das Stadion ausverkauft. „Es hat aus Kübeln geregnet“, erinnert sich Braumandl. Sechzig gewann, stieg auf. „Alle liefen aufs Spielfeld. Ich habe erwachsene Männer heulen sehen. Vor Glück. Diese Emotionen! Das hatte ich bei Bayern nie gesehen. Das hat uns angefixt“, sagt er. Und ist seither eng mit dem Verein verbunden. In der Liebe. Aber auch im Leid.

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