Nach dem Putschversuch

Münchner Rückendeckung für Erdogan

München - Das Entsetzen ist groß unter Münchens Türken: Viele hundert sind am Wochenende auf die Straße gegangen, um gegen den Militärputsch zu demonstrieren. Auch Erdogan-Gegner schließen sich an. Grünen-Politiker kritisieren die Proteste – weil man sich nicht von türkischen Faschisten distanziert habe.

Draußen fliegt der nächtliche Stiglmaierplatz vorbei, der Königsplatz, die Ludwigstraße. Doch der Taxifahrer ist Sonntagfrüh um zwei Uhr mit seinen Gedanken ganz woanders: in der Türkei, der Heimat seiner Vorfahren. Ungefragt sprudelt es aus dem Mann heraus: Erdogan, Erdogan, Erdogan. Der Präsident habe den angeblichen Militärputsch selbst angezettelt, schimpft der Taxifahrer, er werde ihn ausnutzen, um die Demokratie weiter abzubauen, die Justiz auszuhebeln. Es sei: einfach alles nur eine Katastrophe.

24 Stunden zuvor, in der Nacht auf Samstag, hat sich gezeigt, dass viele Münchner Türken das anders sehen. Sie solidarisieren sich mit ihrem Präsidenten. Über soziale Netzwerke und das Fernsehen haben sie verfolgt, wie das Militär in der Heimat ihrer Vorfahren zu putschen versuchte. In der Nacht wird immer klarer, dass der Versuch gescheitert ist. Wie in der Türkei sind da auch in München viele Demonstranten schon auf der Straße. Vor dem Generalkonsulat an der Menzinger Straße versammeln sich ab 23.30 Uhr bis in die frühen Morgenstunden 400 Menschen. Beobachter berichten von Familien, Jungen, Alten. Die Stimmung sei „sehr emotional“ gewesen, heißt es. Laut Polizei bleibt alles friedlich.

Nükhet Kivran, die Vorsitzende des Ausländerbeirats, lobt die Demonstranten ausdrücklich. „Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass so viele Menschen auf die Straße gehen, um sich gegen den Militärputsch zu stellen“, sagt sie. Sie betont, es handele sich um ein demokratisches Signal. „Es ist das erste Mal, dass so viele Türken gegen einen Militärputsch demonstriert haben.“ Auch in München hätten viele Erdogan-Kritiker mitdemonstriert, ist Kivran überzeugt.

Diese These vertritt auch SPD-Stadtrat Cumali Naz, einst ebenfalls Ausländerbeirats-Chef. „Ich glaube fest, dass die türkischstämmigen Münchner sich fast geschlossen gegen den Putschversuch stellen“, sagt er. Die Putschisten seien doch nur eine kleine Gruppe innerhalb des Militärs gewesen. „Alle demokratischen Kräfte müssen gegen jede militärische Intervention sein“, sagt Naz. „Das tut unserem Land nicht gut.“ Dabei klingt Naz selbst auch durchaus Erdogan-kritisch – zum Beispiel, was Konsequenzen aus dem Putschversuch in der Türkei betrifft. Naz fordert Strafen für diejenigen, die für den Aufstand verantwortlich sind. Er sagt aber: „Wir hoffen, dass nicht Menschen Opfer werden, die mit den Putschisten gar nichts zu tun haben.“

Während viele türkischstämmige Münchner sich am Sonntag zufrieden mit den Protesten zeigen, kritisieren junge Grünen-Politiker die nächtliche Kundgebung in Nymphenburg scharf. Auf Fotos ist zu sehen, wie ein Demonstrant die Fahne der rechtsextremen türkischen „Grauen Wölfe“ zeigt. Marcel Rohrlack, der Vorsitzende der Grünen Jugend, hat sich in der Nacht selbst vor Ort ein Bild gemacht. Türkische Faschisten hätten den sogenannten „Wolfsgruß“ gezeigt, sagt er. Grünen-Stadtrat Dominik Krause berichtet, er habe Fahnen und Jacken mit den Symbolen der Grauen Wölfe gesehen. „Offensichtlich hat all das niemanden gestört“, sagt Rohrlack. „Auch die Redner nicht.“

SPD-Stadtrat Naz erklärt dazu, auch in der Türkei selbst hätte sich die MHP, die Partei der Grauen Wölfe, mit Erdogan und dem Protest gegen den Militärputsch solidarisiert. Imam Benjamin Idriz, der selbst nicht vor Ort war, erklärte in einer Diskussion auf „Facebook“, nun sei eben die „Stunde der Demokratie, nicht der Ideologie“. Grünen-Stadtrat Dominik Krause forderte am Sonntag eine klarere Distanzierung von rechtsextremen Gruppen. Man stehe gemeinsam in Menschenketten gegen deutsche Rechtsextreme, sagte Krause. Er wünsche sich genauso klare Positionen, auch wenn es gegen faschistische Türken gehe.

Viele Münchner Türken ziehen unterdessen weiter auf die Straße. Am Samstagabend demonstrieren laut Polizei erneut 600 Menschen in Nymphenburg. Am Altstadtring kann man hupende Autos mit türkischen Fahnen sehen. Es sieht aus wie die Feier nach einem gewonnenen Fußball-Spiel. Doch die Zeiten, sie sind viel, viel ernster.

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