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Reportage über die Protestcamp-Räumung 

Nacht am Sendlinger Tor zeigt, wozu Protestierende bereit sind

München - Die Stadt hat am Freitag die Räumung des Flüchtlingslagers am Sendlinger-Tor-Platz angeordnet. Zunächst verläuft die Aktion problemlos, dann klettern 18 Flüchtlinge und Aktivisten auf zwei Bäume. Erst gegen 5 Uhr morgens ist der Einsatz für die Polizei beendet. Eine Reportage.

Es ist 4.30 Uhr morgens. München schläft noch. Fast. Rund um das Sendlinger Tor sind viele Nachtschwärmer unterwegs. Es ist ein Nadelöhr zwischen dem angesagten Glockenbachviertel und den Bars und Clubs entlang der Sonnenstraße. „Feierbanane“ heißt die Straßenmeile im Polizeijargon. Am Sendlinger Tor ist in dieser Nacht noch aus einem anderen Grund Hochbetrieb. Gefeiert wird hier nicht. Die Kreuzung in Richtung Oberanger ist abgesperrt. Überall flackert Blaulicht in den schwarzen Nachthimmel: 600 Polizisten sind im Einsatz, Rettungswagen und Feuerwehr stehen parat.

Ein Abend, der relativ problemlos begann, hat gegen Mitternacht doch eine ungeahnte Eskalationsstufe erreicht. 18 Flüchtlinge und Aktivisten, die seit Wochen am Sendlinger-Tor-Platz in einem provisorisch errichteten Lager demonstriert haben, sind nach der vom Kreisverwaltungsreferat (KVR) am Freitag angeordneten Räumung schnurstracks auf zwei etwa 20 Meter hohe Bäume geklettert. Auf dem einen Ahorn harren vier Personen im Geäst aus, auf dem zweiten 14.

Die insgesamt etwa 80 protestierenden Flüchtlinge – in der Mehrzahl Afrikaner - waren seit Montag im Hungerstreik, an diesem Wochenende wollten sie auch nichts mehr trinken. 18 Menschen mussten bis Freitagmittag bereits notärztlich versorgt werden. Dies, die kalte Witterung und der angekündigte trockene Hungerstreik veranlasste die Behörden am Freitag zur Reaktion: Von 18 Uhr an ließ das KVR das Lager von der Polizei räumen. Es habe Gefahr für Leib und Leben der Demo-Teilnehmer bestanden, begründet KVR-Chef Thomas Böhle (SPD) den Schritt. 62 Geflüchtete befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch am Sendlinger-Tor-Platz. Die meisten von ihnen packen friedlich ihre Sachen zusammen und ziehen ab, doch 18 klettern auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Sendlinger-Tor-Platzes auf Bäume.

Zuvor waren die Flüchtlinge bei einem Protestmarsch durch Bayern unter anderem vor das Bundesamt für Migration in Nürnberg gezogen. Am Montag hatten sie ihr Protestcamp am Sendlinger Tor wieder bezogen und aßen seitdem nichts mehr. Sie fordern ein Bleiberecht für alle und ein Ende der Abschiebungen in vermeintlich sichere Herkunftsländer. Zudem kritisieren sie, sie hätten in den Flüchtlingsunterkünften nichts zu tun.

Dass mehrere Flüchtlinge zum äußersten bereit sind, zeigt sich in der Nacht von Freitag auf Samstag. In Decken eingewickelt und teilweise mit Seilen an Stamm oder dicke Äste gebunden, harren 18 Personen auf zwei Bäumen aus – nahe dem Eingang zur U-Bahn-Station, wo in wenigen Wochen die Stände für den Christkindlmarkt aufgebaut werden. Die Polizei hat Spezialkräfte der Verhandlungstruppe hinzugezogen. Psychologisch geschulte Leute, die versuchen, mit den Aktivisten ins Gespräch zu kommen und sie zum Heruntersteigen zu bewegen. Doch keine Chance. Die Organisation „Refugee struggle for freedom“ kritisiert den Einsatz und spricht von einem Polizeikessel.

Unterdessen haben sich Sympathisanten der Demo-Teilnehmer um einen der Bäume geschart und bilden einen Kreis. Immer wieder skandieren die Aktivisten Sprechchöre wie „Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall“ - und das Echo der jungen Unterstützer folgt sogleich. Zwischen Mitternacht und 1 Uhr fordert die Polizei die Flüchtlinge per Lautsprecher-Durchsagen mehrmals auf, herunterzusteigen. Doch prompt folgt die Antwort: „Wir bleiben hier.“ Einsatzkräfte der Feuerwehr beginnen damit, rund um die beiden Bäume Weichbodenmatten und Strohballen auszulegen – aus Sicherheitsgründen, falls einer das Gleichgewicht verlieren würde. Die Szenen erinnern an den November vor zwei Jahren, als die Polizei ein ähnliches Protestcamp aufgelöst hatte und die Flüchtlinge nach einer Nacht auf den Bäumen am Morgen entkräftet heruntergeklettert waren.

Bis zum Morgengrauen warten die Einsatzkräfte dieses Mal nicht. Gleichwohl beteuert Chef-Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins gegen 1.30 Uhr: „Wir überstürzen nichts und bewerten die Situation in aller Ruhe.“ Man ahnt aber schon, dass sich die Polizei darauf vorbereitet, die Demonstranten mit speziell ausgebildeten Kletterern der Höhenrettungstruppe von den Bäumen zu holen. Mitarbeiter des Sondereinsatzkommandos (SEK) marschieren auf.

Der ganze Einsatz wird permanent von hunderten Schaulustigen verfolgt. Meist sind es junge Nachtschwärmer, die entweder zur U-Bahn gehen oder in die nächste Bar ziehen wollen. Viele fragen sich, was hier eigentlich vorgehe. Manche verstehen den Großeinsatz der Polizei nicht und sagen: „Lasst sie doch einfach auf den Bäumen sitzen.“ Manche sind radikaler: „Lasst sie doch herunterspringen.“ Wenige Menschen zeigen Verständnis für das Anliegen der Demonstranten. Ein Schaulustiger, reichlich angetrunken, ruft: „Gebt mir 500 Euro, und ich hol sie runter. Ich schwör's euch.“ Dann kommt eine weitere Gruppe junger Männer. Jeder trägt eine Bierflasche in der Hand. Einer sagt: „Hey, ein typisch deutsches Gen – lauter Gaffer.“ Dann gaffen sie selbst.

Der Einsatz des SEK läuft inzwischen an. Zunächst werden die etwa 20 Sympathisanten, die sich um die Bäume versammelt haben, von der Polizei entfernt. Gegen 2.30 Uhr werden mit Hilfe von zwei Feuerwehrkränen jeweils zwei speziell ausgebildete Höhenkletterer des SEK an die Baumkronen in etwa 23 Metern Höhe gehievt. Sie seilen sich ab, um zu den Demonstranten zu gelangen, die im Geäst verweilen. Zwei Flüchtlinge steigen freiwillig herab, sieben weitere beugen sich gewaltlos dem Einsatzkommando. Bei neun Personen muss die Polizei mehr oder weniger zwanghaft vorgehen. Erst gegen 4.30 Uhr ist der letzte Flüchtling zurück auf festem Boden. Thomas Baumann, stellvertretender Pressechef der Münchner Polizei, atmet auf: „Ein sehr intensiver und anstrengender Tag geht zu Ende.“ Die Frage taucht auf, ob man die Flüchtlinge nicht einfach auf den Bäumen hätte sitzen lassen können? Nein, sagt Baumann. Das wäre weder logisch noch konsequent gewesen, nachdem die Polizei ja auch das Lager habe räumen lassen. Die Demonstranten seien nach dem Hungerstreik arg geschwächt gewesen. Da habe man nicht riskieren können, sie auf den Bäumen ausharren zu lassen.

Am Ende nimmt die Polizei mehrere Flüchtlinge vorübergehend in Gewahrsam, die sich gewaltsam gewehrt hatten. Die meisten werden nach Feststellung der Identität aber wieder freigelassen und verschwinden irgendwann in der dunklen Nacht. Wohin, weiß niemand so genau. In die von der Stadt angebotene Obhut in Kälteschutzunterkünften wollen sie offensichtlich nicht. Chef-Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins sagt: „Ich wage mal die These, das war nicht die Motivlage ihres Protests.“

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