+
Lobby für Wohnungslose: Lud wig Mittermeier vom KMFV und Petra Reiter am Montag bei einer Pressekonferenz.  

„Man sieht die Traurigkeit in den Augen der Kinder“

Neues Netzwerk kämpft gegen Wohnungslosigkeit

München - Ein Netzwerk sozialer Träger will wohnungslosen Menschen eine neue Chance geben. OB-Gattin Petra Reiter ist Schirmherrin.

Die Zahl der Wohnungslosen in München hat sich seit Ende 2011 mehr als verdoppelt. Derzeit haben rund 6800 Menschen in der Stadt kein festes Obdach, darunter 1700 Kinder. Um auf das drängende Problem aufmerksam zu machen, haben sich soziale Träger zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Eine prominente Schirmherrin hat die Initiative auch schon: OB-Gattin Petra Reiter.

Der Absturz kann jeden treffen. „Ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, der Verlust der Arbeit oder die Trennung vom Partner, das geht meist schneller, als man denkt“, sagt Petra Reiter, Ehefrau des Münchner Oberbürgermeisters. Tatsache ist: In den vergangenen Jahren ist die Zahl akut Wohnungsloser stark gestiegen. Gab es Ende 2011 noch 3200 Betroffene, so haben aktuell schon fast 6800 Menschen kein festes Dach über dem Kopf. Nach Schätzungen der Stadtverwaltung leben 550 von ihnen auf der Straße.

Petra Reiter hat sich in den vergangenen Monaten selbst ein Bild machen können, hat mit Wohnungs- und Obdachlosen bei der Münchner Straßenambulanz des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV) und in der Teestube „komm“ des Evangelischen Hilfswerks München (EHW) gesprochen. „Diese Menschen sind so dankbar für jede kleine Hilfe“, sagt sie. Ziel müsse sein, den Ausweg aus der Abwärtsspirale zu schaffen. Deshalb engagiert sich Petra Reiter nun als Schirmherrin für das neu gegründete „Münchner Netzwerk Wohnungslosenhilfe“.

In diesem Netzwerk haben sich soziale Träger zusammengeschlossen, die in München Angebote für Wohnungslose zur Verfügung stellen. Mit dabei sind der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der KMFV, das EHW, der Internationale Bund (IB) sowie der Verein Wohnhilfe.

In erster Linie gehe es den Akteuren darum, gemeinsam Öffentlichkeit zu schaffen, erklärt Ludwig Mittermeier, Vorstand des KMFV. Manchen Initiativen gelinge es, „den Anschein zu erwecken, dass für den Personenkreis viel zu wenig oder gar nichts getan wird“. Dass dies nicht so ist, wird nun plakativ auf der gemeinsamen Internetseite www.wohnungslosenhilfe-muenchen.net dargestellt.

Insgesamt 970 Hauptamtliche und 650 Ehrenamtliche arbeiten in München dafür, dass Wohnungslose wieder eine Perspektive bekommen. Unter den 4000 Plätzen, die die Landeshauptstadt bietet, gibt es 2000 Wohn- und Therapieplätze, 1000 Plätze im sogenannten Kälteschutz, der in den kalten Monaten der Jahres Menschen ein Dach über dem Kopf bietet – und etwa 900 Plätze in Beherbergungsbetrieben, Notquartieren und Clearinghäusern. München habe ein sehr breit aufgestelltes System, sagt Gordon Bürk vom EHW. „Hier wird bessere Arbeit geleistet als irgendwo anders in der Republik.“

Arbeitslosigkeit und Krankheit seien die Hauptursachen dafür, dass Menschen ihre Wohnung verlieren, sagt Mittermeier. „Dass sie immer länger im Wohnungslosensystem bleiben, ist aber zu 100 Prozent dem Wahnsinn auf dem Münchner Wohnungsmarkt zuzuschreiben.“ Wohnraum sei knapp – und jedes Jahr zögen 30 000 Bürger neu nach München, aus Deutschland und dem EU-Ausland, sagt Thomas König vom IB. „Der Druck wird immer größer.“

Dazu sei die Flüchtlingskrise gekommen. Auch anerkannte Flüchtlinge sind auf Wohnungssuche. „Die Flüchtlingswelle ist aber nicht die Ursache für die rasant steigende Zahl der Wohnungslosen“, betont König. Schon in den Jahren zuvor habe sich der Trend deutlich abgezeichnet.

München hat allein im vergangenen Jahr 35 Millionen Euro für die Unterbringung bei akuter Wohnungslosigkeit ausgegeben. Die Fachleute beobachten, dass unter anderem der „anhaltende Zustrom großer Familienhaushalte – in der Regel Einkommensschwache, die vom Wohnungsmarkt verdrängt werden – und der Zuzug aus den neuen EU-Beitrittsländern für die Steigerung sorgen“.

Erschütternd findet Petra Reiter besonders das Schicksal der Kinder. 1700 unter 18-Jährige sind derzeit als wohnungslos erfasst. „Ich habe gerade erst im Löwenbräukeller bei einer Aktion mit vielen dieser Kinder gesprochen. Man sieht die Traurigkeit in ihren Augen“, berichtet Reiter. Kinder, sagt auch Elke Prumbach vom SkF, litten besonders unter der Situation. „Der beengte Wohnraum, kein ruhiger Ort zum Hausaufgaben machen, nicht zu wissen, wann es besser wird, das alles belastet Kinder sehr.“

Petra Reiter wird künftig öfter zu sehen sein, wenn es darum geht, dass im wohlhabenden München Menschen ohne Wohnung da stehen. „Obdachlose müssen die Chance haben, ihren Weg weg von der Straße zu finden“, sagt Reiter. Und jeder könne dazu beitragen – durch Geld- und Sachspenden oder als ehrenamtlicher Helfer. Reiter: „Jede Hilfe ist gut.“

Auch interessant

<center>Bayerische Hausberge</center>

Bayerische Hausberge

Bayerische Hausberge
<center>Süße Weihnachtsbäckerei</center>

Süße Weihnachtsbäckerei

Süße Weihnachtsbäckerei
<center>Fächer "Liebestaumel"</center>

Fächer "Liebestaumel"

Fächer "Liebestaumel"
<center>Gackerl im Gläschen</center>

Gackerl im Gläschen

Gackerl im Gläschen

Meistgelesene Artikel

Einfahrverbot für Diesel-Fahrzeuge: Dobrindt contra Reiter

München - Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) schaltet sich in die Debatte um die Luftreinhaltung in München ein. Er widerspricht den Aussagen von Münchens …
Einfahrverbot für Diesel-Fahrzeuge: Dobrindt contra Reiter

Der große tz-Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood

München - Das Tollwood ist auch ein Festival für die Geschmacksnerven. Doch welcher Essensstandl hat was zu bieten? Unser tz-Reporter hat für Sie den Test gemacht.
Der große tz-Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood

Bio & fair: Jetzt gibt es eine Münchner Stadtschokolade 

München - Fairen „München-Kaffee“ gibt es schon. Jetzt will München als offizielle „Fairtrade-Town“ auch mit einem anderen Nahrungsmittel punkten: bio-fairer Schokolade.
Bio & fair: Jetzt gibt es eine Münchner Stadtschokolade 

Käfer-Witwe versteigert Nachlass: Schluss mit Party

München - Große Auktion in der Schellingstraße: Gerd Käfers Witwe Uschi Ackermann hat seinen Nachlass versteigert. Wir waren dabei und haben einige neue Besitzer …
Käfer-Witwe versteigert Nachlass: Schluss mit Party

Kommentare