+
Im September 2015 präsentierten (von links) Stephan Schwarz (Geschäftsführer SWM) und Uwe Schindler (Geschäftsführer Bohrfirma Anger's Söhne) einen Bohrkopf für das Geothermie-Projekt in Freiham.

Heizkraftwerk Nord

ÖDP fordert von Stadtwerken Kohle-Ausstieg bis 2022

München - Die ÖDP fordert die Stadtwerke auf, die Kohleverbrennung im Heizkraftwerk Nord spätestens im Jahr 2022 zu beenden. Bis dahin sei es technisch möglich, den Fernwärme-Bedarf Münchens über Geothermie zu decken. Dies bestätigt Erwin Knapek, Präsident des Bundesverbandes Geothermie.

Den Werbeleuten der Stadtwerke München (SWM) muss man ein Kompliment machen. Kaum ein anderes Münchner Unternehmen hat ein ähnlich grünes Image wie der Energieversorger. Mit millionenschweren Werbekampagnen hat sich der Konzern über Jahre den Ruf des Öko-Avantgardisten erworben. Tatsächlich investierten die SWM in den vergangenen Jahren Milliarden in den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Im Portfolio sind aber immer noch einige PR-Katastrophen, die man nicht an die große Glocke hängt. Dazu zählt das Heizkraftwerk Nord in Freimann, wo die SWM jedes Jahr 800 000 Tonnen Kohle verfeuern, sowie der Atommeiler Isar II, an dem die SWM zu 25 Prozent beteiligt sind. Die beiden Schmuddelkinder findet man nicht in den Hochglanz-Werbebroschüren. Sie bringen dem Versorger Gewinne ein – aber auch jede Menge Probleme. Für den Rückbau des Atomkraftwerks müssen die Stadtwerke wohl bis zu eine Milliarde Euro bezahlen. Und die Abschaltung des Heizkraftwerks Nord will die ÖDP mit einem Bürgerbegehren erzwingen. Rund 20 000 Unterschriften hat das Bündnis gesammelt, nötig sind über 30 000.

Stadtrat lehnte frühen Ausstieg ab

Die ÖDP fordert den Ausstieg aus der Kohle bis spätestens 2022, emittiert der Block doch mehr CO2 als der gesamte motorisierte Individualverkehr in München. Diesen frühen Ausstieg lehnte der Stadtrat voriges Jahr allerdings ab. Das HKW darf nun bis zum Jahr 2035 betrieben werden. Ein Ausstieg in wenigen Jahren hätte die SWM nach Berechnungen des Ökoinstituts bis zu 600 Millionen Euro gekostet. Es sind aber nicht nur finanzielle Gründe, die für den Weiterbetrieb der CO2-Schleuder sprechen. Das HKW versorgt 150 000 Haushalte mit Fernwärme. Bis zum Jahr 2040 wollen die Stadtwerke den Wärme-Bedarf komplett über CO2-freie Geothermie decken. Dabei wird heißes Wasser aus bis zu 4000 Metern Tiefe nach oben gepumpt. Die ÖDP sieht in der Geothermie ebenfalls die Zukunft der Münchner Wärmeversorgung, allerdings fordert sie mehr Ehrgeiz beim Zeitplan. „Wir brauchen eine Fernwärme-Vision 2022 statt 2040“, sagt Klaus von Birgelen, Stellvertreter des ÖDP-Kreisvorstands München und einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens „Raus aus der Steinkohle“.

Im vergangenen Jahr hatten sich 195 Länder, darunter Deutschland, darauf geeinigt, die durch Treibhausgase verursachte Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Angestrebt werden sogar nur 1,5 Grad. Das Abkommen von Paris wird Deutschland laut Greenpeace aber nur einhalten, wenn bis 2025 alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. „Deshalb können wir das HKW Nord nicht bis 2035 laufen lassen“, sagt von Birgelen.

Rauchgasfilter beeinflussen CO2-Ausstoß nicht

Der Münchner Stadtrat hatte sich in einem Grundatzbeschluss im Jahr 2008 dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen in der Stadt bis spätestens 2030 zu halbieren. Bezugsgröße ist das Jahr 1990. Laut ÖDP ist dieses Ziel durch das vom Stadtrat verabschiedete Integrierte Handlungsprogramm Klimaschutz aber nicht mehr zu erreichen. „Wir geben jedes Jahr 32,5 Millionen Euro für das Handlungsprogramm Klimaschutz aus, pro Jahr sparen wir damit aber nur 0,5 Prozent CO2 in München“, sagt ÖDP-Stadtrat Tobias Ruff. Einzig durch die Abschaltung des Kohleblocks im Heizkraftwerk Nord sei das selbst auferlegte Klimaschutzziel zu erreichen. Zwar ist das Kraftwerk mit modernen Rauchgasfiltern ausgestattet, den Klimakiller CO2 jedoch kann man nicht herausfiltern. Das Argument, in anderen Gegenden Deutschlands und der Welt gebe es weitaus schlimmere Luftverpester, die man zuerst abschalten müsste, lässt Ruff nicht gelten. „Wir haben im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen eine optimale Rückfallebene mit der Geothermie.“ Und von Birgelen ergänzt: „Wenn man das Pariser Abkommen einhalten will, erübrigt sich eine Reihenfolge beim Abschalten der deutschen Kohlekraftwerke. Wir müssen auch Verantwortung für die weltweiten Effekte der Klimaerwärmung übernehmen: Hochwasser, Überschwemmungen, Dürren.“

Die Stadtwerke selbst sehen die Kraftwärmekopplung im HKW Nord als Brückentechnologie, die ins Geothermiezeitalter führen soll. 15 Bohr-Standorte, verteilt über das Stadtgebiet, würden laut ÖDP genügen, um die benötigte Fernwärme für 150 000 Haushalte bereitzustellen. Inzwischen sind die Bohrungen lange nicht mehr so riskant, teuer und zeitaufwändig wie noch vor zehn Jahren. „Die Firmen können eine Geothermie-Bohrung in sechs bis 12 Monaten problemlos durchführen“, sagt Erwin Knapek, Präsident des Bundesverbandes Geothermie und früherer Bürgermeister von Unterhaching (Landkreis München).

Besonders aufwändig wird die Umrüstung des 800 Kilometer langen Fernwärmenetzes. Dazu muss in einem Straßenzug mehrere Tage hinweg das Wasser abgestellt werden, um die Leitung umzurüsten. Durch die Rohre wird derzeit noch heißer Dampf geschickt, später das kühlere geothermische Wasser. Für die Dampfnetzumstellung und die Geothermiebohrungen wollen sich die Stadtwerke insgesamt 20 Jahre Zeit lassen. Zu viel, findet die ÖDP. „Man kann das parallel angehen“, sagt von Birgelen. Technisch, organisatorisch und finanziell sei es für die SWM machbar, bis 2022 auf Geothermie umzusteigen.

Ideale Bedingungen für Geothermie

Dies sieht auch Erwin Knapek so, der das Geothermieprojekt in Unterhaching als Bürgermeister über Jahre begleitet hat. Seit 2007 pumpt das kommunale Unternehmen heißes Wasser an die Erdoberfläche und versorgt tausende Bürger. Die Kinderkrankheiten sind ausgemerzt. „In Unterhaching wurde der CO2-Ausstoß von 60.000 auf 15.000 Tonnen pro Jahr reduziert. Das Risiko bei Bohrungen ist deutlich geringer geworden. Vor der Hacke des Bergmanns ist es nicht mehr so dunkel.“ Auch die Finanzierung des Münchner Geothermie-Umstiegs hält Knapek für machbar. „Geld für grüne Investitionen ist problemlos zu bekommen. Das ist ein sicheres Geschäft. Man hat eine lokale Wertschöpfung und ist nicht mehr von Importen von Diktatoren oder Scheichs abhängig.“ Die Bedingungen für Geothermie in Oberbayern seien optimal.

Von Birgelen kann sich vorstellen, die Bürger bei der Finanzierung mit ins Boot zu holen. „Man könnte einen Aufruf starten und den Münchnern anbieten, sich zu beteiligen. Da kommt schnell eine Milliarde zusammen.“ Die ÖDP hofft, dass die Appelle beim Stadtrat fruchten und der Umstieg von Kohle auf Geothermie früher beginnt. Denn letztlich handelt es sich um eine politische Entscheidung, die SWM sind im Besitz der Kommune.

Einen ersten Erfolg hat die ÖDP bereits erzielen können. Das Ökoinstitut hat das Gutachten mit den verschiedenen Ausstiegsszenarien aus der Kohle auf Geheiß der Stadtwerke überarbeitet und andere Prämissen zugrundegelegt. Etwa, dass sich die Verschmutzungszertifikate, wie von der EU geplant, bald wieder verteuern und damit das Verfeuern von Kohle weniger Geld abwirft. Mit dem Angebot, ein aktualisiertes Gutachten erstellen zu lassen, wollten die Stadtwerke dem Bürgerbegehren der ÖDP ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen. Noch ist das Papier geheim, im Herbst soll der Stadtrat Einblick erhalten. Dann werden die Karten neu gemischt und der Stadtrat muss sich entscheiden, wann der Einstieg in den Kohle-Ausstieg beginnt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Fahrplan-Änderungen: Diese Tram-Linien sind betroffen

München - Wegen Nachtbaustellen kommt es in den kommenden Tagen bei mehreren Tram-Linien zu Änderungen im Fahrplanablauf. Betroffen sind unter anderem die Linien 15/25, …
Fahrplan-Änderungen: Diese Tram-Linien sind betroffen

Dritte Startbahn: Droht Rathauskoalition eine Zerreißprobe?

München - Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat die Stadträte aufgefordert, einen erneuten Bürgerentscheid anzustoßen. Die Rathaus-CSU befürwortet das, die SPD …
Dritte Startbahn: Droht Rathauskoalition eine Zerreißprobe?

Diskussion um dritte Bahn - startet Flughafen durch?

München - Bekommt der Flughafen eine dritte Startbahn? Nun äußert sich Ministerpräsident Horst Seehofer wohlwollend zum umstrittenen Projekt. Auch die Bürger spielen …
Diskussion um dritte Bahn - startet Flughafen durch?

Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen

München - Am Rindermarkt gibt's derzeit eine Baustelle, die viele Schaulustige anzieht. Doch was hat es mit dem Hausabriss auf sich? Dahinter steckt Sport Schuster.
Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen

Kommentare