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„Der Zaun ergibt sich zwangsläufig“: Bürgermeister Schmid will auf dem Oktoberfest die Lücken schließen.

Nach Amoklauf und Terrorakten

Wiesn-Interview mit Josef Schmid: "Es geht um unsere Freiheit"

München - Im Gespräch mit dem Münchner Merkur erklärt Bürgermeister und Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU), warum man gerade heuer auf die Wiesn gehen sollte.

Bürgermeister Josef Schmid, CSU, sieht sich nach dem Amoklauf von München in seinen Sicherheitsüberlegungen für das Oktoberfest bestätigt. Im Interview spricht er über das Wiesn-Konzept, das heute beschlossen werden soll, und über das wachsende Unbehagen in der Bevölkerung.

Herr Schmid, derzeit ist viel die Rede davon, man solle wachsam sein – aber auch seine Art zu leben nicht ändern. Eine Frage an Sie als Privatmann: Würden Sie heuer auf die Wiesn gehen wie früher auch?

Ich würde als Privatmann genauso auf die Wiesn gehen. Es wird das Maximale getan, um die Sicherheit zu gewährleisten. Und: Wir sollten politisch motivierten Tätern nicht nachgeben. Wenn wir anfangen, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern, hätten wir ihnen schon ein Stück zum Sieg verholfen. Wir haben hier ein großes Traditionsfest, das wir uns nicht vermiesen lassen dürfen.

Wie sicher kann eine Großveranstaltung wie die Wiesn noch sein?

Wir tun alles, was möglich, geeignet, erforderlich und angemessen ist, um größtmögliche Sicherheit herzustellen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nirgends.

Haben Sie Sorge um das unbeschwerte Lebensgefühl in München, das immer auch darauf begründet war, in der sichersten Großstadt zu leben?

Ich bin viel bei den Menschen unterwegs und merke, dass aufgrund der Vorfälle in München, Würzburg und Ansbach Verunsicherung besteht. Gerade deshalb ist es mir wichtig, dass wir das Sicherheitskonzept der Wiesn noch einmal überarbeiten. Ich habe auch mit MVG-Chef Herbert König telefoniert und ihn gebeten, nochmals über die Sicherheit in der U-Bahn nachzudenken. Das ist erforderlich. Wir müssen jetzt alles auf den Prüfstand stellen.

Sollte München aufrüsten: mehr Kameras, mehr U-Bahn-Wachen?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig sagen. Ich war immer schon ein Freund von Kameraüberwachung und präsentem Sicherheitspersonal. Horst Seehofer hat ja angekündigt, dass die bayerische Polizei auf der Wiesn deutlich Präsenz zeigen soll. Diese Linie ist richtig.

Erwarten Sie weniger Besucher auf der Wiesn?

Es gibt Menschen, die sagen, dass sie heuer nicht hingehen. Ob sie es dann doch tun, werden wir sehen. Aber ich treffe auch Menschen, die sagen: Das lasse ich mir nicht nehmen, ich gehe trotzdem. Schon im Vorjahr haben manche gesagt, sie hätten ein ungutes Gefühl wegen der Sicherheitslage in Europa insgesamt. Ich hoffe, dass die Leute kommen. Es wäre falsch, sich zurückzuziehen und nicht mehr zu feiern. Genau das bezwecken Terroristen. Die Wiesn ist ja auch ein Fest, das unsere freie westliche Lebensweise kennzeichnet. Es geht also um Elemente unserer Freiheit.

Am Freitag hat man die große Verunsicherung gesehen. Es gab Massenpaniken an Orten, an denen nichts passiert war – beflügelt durch soziale Medien.

Ich saß im Lagezentrum in der Ettstraße und habe auch gesehen, was alles getwittert wird. Ich bin dazu übergangen, nur noch die Twitter-Beiträge der Polizei ernstzunehmen. Das Thema Panik bewegt mich natürlich auch, weil wir in diesem Zusammenhang schon einmal den Wiesn-Zaun diskutiert haben. Damals sind wir von ein, zwei vollen Wiesn-Tagen ausgegangen. Jetzt geht es vor allem um die Kontrollen.

Was bedeutet das?

Wenn man ein Rucksackverbot und Taschenkontrollen sinnvoll durchführen will, ergibt sich der Zaun zwangsläufig. Denn Kontrollen haben nur Sinn, wenn das Festgelände abseits der Ein- und Ausgänge abgesperrt ist. Momentan kann jeder über die Hangkante an der Theresienhöhe unkontrolliert auf die Wiesn.

Im Falle einer Massenpanik – haben Sie nicht Sorge, dass dann der Zaun zur Falle werden könnte?

Der diskutierte Zaun-Typ, die Secu-Fence-Box, bedeutet, dass dort sieben mal 50 Meter Zaun stehen. Dazwischen gibt es sieben Ausgänge, an denen ein Ordner steht. Es handelt sich also nicht um eine durchgängige Einzäunung. Wenn tatsächlich über diese Hangkante viele Menschen entfluchtet werden müssen, ist der Zaun in kurzer Zeit eingerollt. Im Falle des Falles kann man also schnell raus. Der Rest der Wiesn – das haben viele nicht vor Augen – ist ohnehin bereits eingezäunt.

Die SPD hatte Ihr Sicherheitskonzept zunächst abgelehnt. Hat die SPD einen Lernprozess durchlaufen?

Zu der Frage möchte ich mich nicht äußern. Ich will nicht die SPD kritisieren, sondern vorankommen mit dem, was notwendig ist.

Wenn Sie nicht über die SPD reden wollen, reden wir doch über die CSU. Sie klangen in den letzten Jahren ja oft eher wie ein Rot-Grüner. Muss die Münchner CSU in der aktuellen Lage nicht ihren konservativen Kern wieder entdecken und voll auf die Sicherheitskarte setzen?

Dass ich wie ein Rot-Grüner geklungen haben soll, weise ich zurück. In meiner Haltung zur Sicherheitsfrage sehen Sie ja, dass dieses Thema bei mir und in meiner Partei von Haus aus ganz oben steht. Das trage ich in mir und viele andere CSUler auch.

Viele Menschen stellen einen Zusammenhang her zwischen der Sicherheitslage und der Flüchtlingspolitik. Wie schätzen Sie die Stimmung ein – wären die Willkommensbilder vom Hauptbahnhof auch 2016 noch denkbar?

Ich glaube, dass sich die Stimmung schon verändert hat, wenngleich München natürlich eine weltoffene, gastfreundliche Stadt bleibt. Die Bürgerinitiativen werden von ganz vielen Menschen getragen – übrigens auch aus den Kirchen und von CSU-Mandatsträgern. Aber es ist auch ein gehöriges Maß an Realismus eingekehrt. Ich treffe viele Menschen, die das heute anders bewerten – ohne in etwas Radikales zu verfallen. Das Thema Sicherheit spielt dabei überall eine große Rolle, übrigens schon vordem Amoklauf – aufgrund der Ereignisse von Köln, Paris und Brüssel. Jeder Politiker ist gut beraten, diese Sorgen aufzugreifen. Da bin ich ganz auf der Linie von Horst Seehofer. Das Thema ist jetzt: Was tut der Staat, was tun wir in der Stadt zur Sicherheit? Die Menschen erwarten, dass alles nochmals überprüft wird.

Der Bundespräsident und die Kanzlerin kommen am Sonntag zum offiziellen Trauerakt in den Landtag. Warum war kein offizieller Vertreter der Stadt, auch Sie nicht, bei der islamischen Trauerfeier am Dienstag?

Ich habe keine Einladung dafür bekommen, ich wusste nichts davon. Weder schriftlich noch mündlich. Hätte ich sie bekommen, wäre ich natürlich aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen hingegangen.

Aber Sie verstehen, dass Münchner Türken sich wertgeschätzt gefühlt hätten, wenn ein maßgeblicher Repräsentant der Stadt gekommen wäre?

Natürlich. Wie gesagt: Ich wäre selbstverständlich gekommen.

Reden wir noch einmal über die CSU im Rathaus. Es hat sich ja zuletzt Problem an Problem gereiht. Was ist die größere Baustelle – die holprige Zusammenarbeit mit dem OB und der SPD oder die Turbulenzen in der eigenen Partei?

Die parteiinternen Vorgänge hatten ja nichts miteinander zu tun. Wünschenswert und schön ist das nicht. Ich hoffe, dass nun Ruhe einkehrt. Das Ganze lässt aber keine Rückschlüsse auf strukturelle Probleme zu. Was die SPD betrifft: Ich finde, dass wir mit unserem Kooperationspartner gut zusammenarbeiten. Nehmen wir das Beispiel Englischer-Garten-Tunnel, bei dem wir nun die Zusage erhalten haben, dass uns der Freistaat finanziell unterstützt. Ich konnte das nach langen Gesprächen erwirken. Oder auch das Thema Wohnungsbau, bei dem wir dabei sind, die höheren Zielzahlen zu erreichen.

Wann erklären Sie, wieder als OB-Kandidat anzutreten?

Zu gegebener Zeit. Wie jeder erkennen kann, macht mir Kommunalpolitik großen Spaß.

Sie haben sich mal um eine Antwort auf die Frage gewunden, ob Sie einen Kasten Bier wetten würden, dass Schwarz-Rot bis zur Wahl 2020 hält. Tun Sie es heute?

Wenn ich das wirklich jemals getan habe, dann nur deshalb, weil ich lieber eine gute Flasche Rotwein trinke.

Zusammengefasst von

Klaus Vick

Klaus Vick

E-Mail:klaus.vick@merkur.de

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