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Hashemi Momtaz ist Azubi bei der Deutschen Bahn.

Projekte bei Siemens und DB

Flüchtlinge durch Arbeit integrieren

Wie viel tun die deutschen Großkonzerne für die Integration? Wie viele Flüchtlinge bekommen bei den Dax-Unternehmen eine Arbeitschance? Noch läuft die Sache zäh. Doch zwei weitere Pilotprojekte – von Siemens und der Deutschen Bahn – machen Hoffnung.

Groß war die Entrüstung, als im Juli bekannt wurde: Die deutschen Dax-Unternehmen haben nur 54 Flüchtlinge fest angestellt. Und das, obwohl viele Konzernlenker die Zuwanderung bejubelt hatten? Und Daimler-Chef Dieter Zetsche im Herbst von einem möglichen „Wirtschaftswunder“ sprach? Hilfsorganisationen und Gewerkschaften kritisierten die Konzerne. Was diese an Jobs bereitstellten, böte ein „trauriges Bild“, so ProAsyl. Die Erfahrung zeige, dass die meisten Angebote über persönliche Kontakte bei kleinen Firmen zustande kämen.

Für die Unternehmen gilt es, das Bild zu korrigieren: Seht her – nicht nur Mittelstand und Handwerk nehmen sich der Geflüchteten an, sondern auch wir. Immer öfter legen sie besondere „Flüchtlingsprogramme“ auf: von Deutschförderkursen bis zur festen Stelle. Bekannt wurde im Juli auch, dass die 30 Dax-Konzerne 2700 Praktikumsplätze zusätzlich geschaffen haben: die Deutsche Post 1000 sowie Daimler, ThyssenKrupp und BMW jeweils mehrere hundert. Und es wurden 300 zusätzliche Ausbildungsplätze installiert.

Die Zahlen muten gering an angesichts von mehr als einer Million Geflüchteten, die 2015 in Deutschland ankamen. Tatsächlich ist es jedoch noch zu früh: Viele Asylverfahren laufen noch, erst müssen Sprachkurse absolviert werden. „Wir kommen stückweise weiter“, sagte gestern Johannes Kolb von der Agentur für Arbeit München. „Es ist der richtige Weg.“ Zwei weitere Pilotprojekte stellten jetzt Siemens und die Deutsche Bahn vor.

Arbeitslose Flüchtlinge

In München werde es heuer ein Plus von 3000 bis 9000 arbeitslosen Flüchtlingen geben – damit rechnet die Arbeitsagentur. Aktuell sind 4500 Geflüchtete arbeitslos gemeldet. Etwa 44 Prozent kommen aus Syrien, jeweils 15 Prozent aus Afghanistan und dem Irak. 71 Prozent sind 18 bis 45 Jahre alt. „Das ist das Potenzial, von dem wir sprechen“, sagt Kolb. Um sie in Ausbildung, Lohn und Brot zu bringen, arbeite die Agentur mit „großen Partnern“ zusammen – darunter Siemens und Deutsche Bahn.

Siemens: Praktika für Flüchtlinge

2014 startete Siemens mit dem Projekt „Praktikum für Flüchtlinge“. Heuer soll es auf bundesweit 100 Plätze ausgeweitet werden. In München sind neun der geplanten zehn Plätze bereits besetzt. Ein Praktikum dauert zwei Monate und ist bezahlt. Jedem Praktikanten werden ein Kollege als „Buddy“ und eine Führungskraft zur Seite gestellt. Die Ziele laut Projektleiter Jörg Pohl: Flüchtlingen, die noch im Asylverfahren sind, „Orientierung und Selbsteinschätzung zu geben“, sagt er. „Sie lernen ein großes Unternehmen kennen, und wir bauen ihre fachliche Kompetenz auf.“

Filmon Debru (31) hat schon viel Kompetenz. Der Eritreer ist im sechsten Praktikumsmonat und startet im September bei Siemens eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Er scheint ein Riesentalent zu sein: Sie hätten sich bereits im Bewerbungsgespräch über komplexe Fachfragen unterhalten, sagt seine Führungskraft Florian Schelle. Und nach Intensivkursen kann er Deutsch hervorragend genug, um zu monieren, dass „Firmen und Hochschulen hier immer auf Zertifikaten beharren“.

Debru hat in Eritrea Informatik studiert. Ein Zertifikat bekam er nicht, die Repressionen wurden immer schlimmer. Er ging in den Sudan. Verbrecher entführten ihn, folterten ihn, brachen seine Handgelenke. Debrus Familie sammelte 33 000 US-Dollar Lösegeld. Er kam nach Tel Aviv. Vier Jahre lang flüchtete er, über Belgien nach Deutschland. Heute lebt er bei einer Familie in Pasing. Der Vater vermittelte den Kontakt zu Siemens.

In den Nächten, wenn er wegen der Schmerzen in seinen verstümmelten Händen nicht schlafen konnte, lernte er Programmiersprachen. Heute sitzt er zufrieden in der IT-Abteilung bei Siemens in Neuperlach inmitten seiner Kollegen – und entwickelt eine interne Anwendung. Eigentlich hätte er ein duales Studium machen sollen, erzählt Schelle – „aber das ging nicht ohne Zertifikat“.

Auch Samson Abiodun Olowu (34) ist hoch motiviert. Der Nigerianer, der daheim als Buchhalter gearbeitet hat, floh vor dem islamistischen Terrorismus. Mit Frau und Baby lebt er in einer Gemeinschaftsunterkunft. Bei Siemens hat er ein Praktikum in der Buchhaltung gemacht und bewirbt sich nun für Stellen im Finanzbereich.

Deutsche Bahn: Spät-Azubis

Hashemi Momtaz (41) baut in der Ausbildungswerkstatt der Deutschen Bahn (DB) an der Leienfelsstraße einen einphasigen Wechselschalter mit Drehstrom. Geschickt zwickt er die Kabel ab und verbindet sie wieder. Die Musteraufgabe, ein Stromkreislauf für einen Trockenraum, fällt dem vielleicht ältesten Auszubildenden Deutschlands leicht: Momtaz wurde in Afghanistan zum Elektroniker ausgebildet. Er ist einer von 17 Flüchtlingen, die bei der DB an einem Projekt teilnehmen: Die DB verhilft ihnen zum Fachabschluss „Elektroniker Betriebstechnik“, um sie später bestenfalls weiterzubeschäftigen.

Der Fachkräftemangel trifft Unternehmen wie die DB mit mehr als 200 000 Mitarbeitern hart. Ingenieure, Lokführer, Fahrdienstleiter: 2500 Stellen sind laut einer Sprecherin derzeit offen. Vor allem Elektroniker sind gesucht. Dietmar Baur, Leiter der DB-Berufsausbildung, sagt: „Alle wollen studieren, kaum jemand möchte noch eine händische Tätigkeit mit Fachverstand erlernen.“

Warum nicht Flüchtlingen ein Chance geben, dachte sich die DB und erstellte mit dem Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft, der IHK und der Bundesagentur für Arbeit einen Ausbildungsplan für Geflohene, die bereits elektronische oder elektrotechnische Vorkenntnisse haben – oder sogar einen Abschluss. So entstand die Plattform für bis zu 20 Flüchtlinge.

2015 schickten 70 Flüchtlinge ihre Bewerbungen samt Lebenslauf für die zweijährige Ausbildung. 45 lud die DB zum Gespräch und Test ein. Drei Probanden waren so geschickt, dass sie die DB kurz darauf einstellte. Ihre Abschlüsse wurden mithilfe der DB anerkannt. 17 Bewerber bildet die DB nun aus. Ein Deutsch-Intensivkurs war zuvor Pflicht. Ausbildungsleiter Dietmar Baur ist begeistert von der „wahnsinnigen“ Motivation. Und schwärmt: „Wir müssen sie manchmal zwingen, Mittagspause zu machen.“

Christine Ulrich und Hüseyin Ince

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