Anwohner beschweren sich

Pokémon Go: Hier will München die Monsterjagd unterbinden

München - Pokémon Go hat längst München erfasst. Das Handy-Spiel sorgt jedoch mancherorts für Unmut. Etwa in Haidhausen. Auch die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung will Pokémon aussperren.

Der Bordeauxplatz ist an diesem sonnigen Nachmittag voller Menschen. Rund um den Brunnen haben sich Kinder, Jugendliche, Erwachsene versammelt. Ihr Blick haftet auf den Bildschirmen ihrer Mobiltelefone. Man sieht es ihnen nicht unbedingt an, aber all diese Leute sind Jäger. Ihre Beute: Pokémon, die kleinen Monster aus dem gleichnamigen Spiel. Virtuelle Viecher gibt es am Bordeauxplatz so viele, dass allabendlich bis zu hundert Spieler auf den Rasen gelockt werden. Was die Wenigsten wissen: Der Brunnen heißt auch noch „Brunnen der jagdbaren Tiere“.

Dabei ist es ebenfalls reiner Zufall, dass ausgerechnet der Bordeauxplatz zum Treffpunkt für Pokémon-Spieler geworden ist. Das hängt mit den Grundprinzipien des Spiels zusammen. Das „Pokémon Go“-Programm lädt man aus dem Internet auf sein Smartphone herunter. Sobald die Software gestartet ist, wird das Handy per GPS geortet und der Spieler virtuell auf einer Landkarte platziert. Diese basiert auf dem Kartenmaterial von Google Maps. Genau das ist der Clou: Der Spieler muss sich bewegen – in der realen Welt. Mithilfe seines Smartphones kann er nun an echten Orten virtuelle Monster wie „Pikachu“ oder „Taubsi“ aufstöbern.

Dazu benötigt er innerhalb des Spiels sogenannte „Pokébälle“, bunte Kugeln, die er mit einem Fingerstreich über sein Handy auf das Monster werfen kann. So lassen sich die Kreaturen einfangen. Pokébälle wiederum bekommt man nur an ausgewählten Orten, in der Spielsprache „Pokéstops“ genannt. Dabei handelt es sich in der Regel um Lokale, Sehenswürdigkeiten oder städtische Wahrzeichen. Höchst reale Plätze also. In München finden sich beliebte Pokéstops unter anderem am Friedensengel, am Stachus, am Kabelsteg – und am Bordeauxplatz. Die Folge solcher Ansammlungen: Viel Lärm und viel Abfall, wie jetzt auch die Fraktion aus FDP, Hut und Piraten im Rathaus moniert.

Der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung wurde es bereits zu bunt: Sprecherin Ines Holzmüller erklärte dem Bayerischen Rundfunk, Pickachu, Taubsi und Co. hätten in ihren Anlagen seit Freitag Hausverbot. Bei der amerikanischen Betreiberfirma habe man eine Sperrung des Spiels für die Parks beantragt, unter anderem für Schloss Nymphenburg. „Da ging es massiv um Selbstgefährdung und Sicherheit“, so Holzmüller. Außerdem sollen die Monsterjäger eine unrühmliche Menge Müll in den Grünanlagen hinterlassen haben.

Auch am Bordeauxplatz quellen die Abfalleimer über. „Das ist schade“, findet Spielerin Veronica Engemann. Für die 31-jährige Einzelhandelskauffrau überwiegen aber die positiven Seiten: „Für Kellerkinder wie mich ist das Spiel ein Anreiz, vor die Tür zu gehen.“ Durch den Kontakt mit anderen Spielern habe sie viele neue Freundschaften geschlossen. Am 13. August erobert Pokémon sogar den Münchner Schienenverkehr: Ab 16 Uhr tritt eine Trambahn zur vierstündigen Sonderfahrt über mehrere Pokéstops an.

Die Stadt will unterdessen dem Treiben am Bordeauxplatz nicht untätig zusehen. Die Stelle für Allparteiliches Konfliktmanagement in München (Akim) erwägt, in den kommenden zwei Wochen die Spieler anzusprechen und mit Nachbarn und Behörden Kontakt aufzunehmen. Es gebe Beschwerden über Lärmbelästigung, sagt Akim-Koordinatorin Brigitte Gans. Auch mit dem Pokémon Go-Anbieter wolle man wegen der Lokalisierung des Spiels am Bordeauxplatz sprechen.

Warum ausgerechnet dieser Platz bei den Spielern so beliebt ist, erklärt sich durch eine besondere Funktion der Pokéstops. Neben den Bällen lassen sich hier nämlich auch andere virtuelle Gegenstände ergattern, die die Monsterjagd erleichtern. Sogenannte „Lockmodule“. Wenn diese aktiviert sind, werden 30 Minuten lang kleine Monster zum Pokéstop gelockt. Ein Fest für die Jäger.

„Am Bordeauxplatz gibt es gleich vier Pokéstops, und rund um die Uhr sind Lockmodule aktiv“, erklärt Manuel Juhas. Der 19-jährige Psychiatriepfleger sitzt bereits den vierten Abend in Folge am Brunnen. „Neulich waren hier um 23 Uhr noch 100 Leute.“ Er selbst liege meist zwischen vier und fünf Stunden pro Abend auf der Lauer. Wie beliebt ein Platz bei den Spielern ist, hängt davon ab, wie viele Pokéstops und aktive Lockmodule es dort gibt: Beliebige Faktoren, die sich jederzeit ändern können. Dementsprechend kann auch jeder andere Ort über Nacht zum Tummelplatz der Pokémon-Fans werden.

Nun soll Akim also dafür sorgen, dass sich Jäger und Anwohner nicht in die Haare kriegen. Das Projekt wurde 2014 ins Leben gerufen, um die Lärmbelästigung am Gärtnerplatz besser in den Griff zu bekommen. Dort feiern und trinken an Sommertagen bis zu 1000 Leute bis in die Morgenstunden. „Seit die Mitarbeiter von Akim unterwegs sind, hat sich die Situation zumindest nicht verschlechtert“, sagt Alexander Miklosy (Rosa Liste), der Vorsitzende des Bezirksausschusses Ludwigs-/Isarvorstadt. „Das werte ich schon als positives Zeichen.“

Akim war mit Honorarkräften gestartet, im Vorjahr genehmigte der Stadtrat sechs Vollzeitstellen – zusätzlich stehen noch freie Honorarkräfte zur Verfügung. Am Gärtnerplatz sind freitags und samstags jeweils von 23 bis 4 Uhr zwei Mitarbeiter von Akim im Einsatz. Sie wirken beschwichtigend auf Feiernde ein. Der kommunikative Ansatz hat sich nach Meinung von Gans bewährt: „Die Lärmexzesse sind weg.“

Auch auf der Müllerstraße im Glockenbachviertel, hatte Akim vorigen Sommer Kräfte im Einsatz. Auf der Ausgehmeile ist es allerdings weitaus schwieriger, für Ruhe zu sorgen, weil die meisten Nachtschwärmer von Bar zu Bar wandern und sich nicht auf einem Platz versammeln. Akim-Leiterin Eva Jüsten sagt: „Die Leute sind genervt, wenn man sie anspricht. Die wollen einfach nur von A nach B.“ An der Müllerstraße hat Akim darauf hingewirkt, Wirte und Anwohner zu vernetzen. Ziel ist es, zu mehr Rücksicht zu animieren. Anwohner haben „Pssst“-Plakate entworfen. Außerdem haben hier sogar Imbissläden Türsteher.

So schlimm wie auf der Müllerstraße geht es am Bordeauxplatz nicht zu. Aber mit dem Idyll ist es hier vorerst auch vorbei. „Bis zum Erscheinen von Pokémon Go war der Platz beschaulich“, sagt Akim-Koordinatorin Gans. Jetzt feiern die Jugendlichen bis in die Nacht ihre Jagderfolge.

Marian Meidel und Klaus Vick

"Pokémon Go": Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial

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