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Pokémon-Fans versammelten sich am Mittwochmittag am Isartor in München.

Phänomen erobert die Welt

Pokémon Go: Ist auch München bald im Spiel-Fieber?

München - Noch nie war ein Handyspiel so erfolgreich: Pokémon Go ist erst wenige Tage alt – aber es begeistert Spieler auf der ganzen Welt, die Aktie des Erfinders Nintendo geht durch die Decke. Seit gestern ist es auch in Deutschland verfügbar – was steckt dahinter?

Julian steht vor dem Isartor in München und starrt auf sein Smartphone. Durch die Kamera sieht er das Kopfsteinpflaster, die Türme, den Torbogen. Plötzlich taucht ein gelbes Wesen auf, mit einem schnellen Wisch über das Display fängt Julian es ein. Der 25-Jährige spielt Pokémon Go, neben ihm steht eine Handvoll Gleichgesinnter. Der Anlass: Seit Mittwochvormittag gibt es das Spiel auch in Deutschland, ein Fan hat im Netz zu einem spontanen Treffen aufgerufen. Es kommen nur wenige – doch in anderen Ländern hat das Spiel schon eine regelrechte Hysterie ausgelöst.

Wer sich den Spuk einmal ansehen möchte, gibt bei Google einfach „Central Park“ ein. Sofort schlägt der Computer „Central Park Pokémon Go“ vor. Zu sehen ist ein Video aus dem berühmten New Yorker Park, in dem sich junge Menschen mit Smartphone schier über den Haufen laufen. Pokémon-Jäger. Die besten Einsteiger-Tipps zum Pokémon-Go-Spiel finden Sie hier.

Pokémon Go: Das ist das Besondere an diesem Spiel

Die Pokémon-Monster sorgen für Furore. Hier Pikachu.

Denn das Besondere an dem ersten Handy-Spiel von Nintendo, das sich seit 6. Juli in den USA und einigen weiteren Ländern explosionsartig verbreitet: Der Spieler muss sich bewegen, und zwar in der echten Welt. Pokémon Go weiß, wo sich der Nutzer gerade befindet – und blendet bei aktivierter Kamera auf dem Smartphone in die reale Umgebung Figuren und Sammelstationen ein. Ist eines der Monster namens Pikachu, Taubsi oder Zubat in der Nähe, vibriert das Handy. Nur Spieler können die Viecher durch das Smartphone sehen, alle anderen sehen nur Passanten, die auf ihr Handy starren.

Julian, der Pokémon-Fan vom Isartor, hat sich das Spiel schon vor dem offiziellen Deutschlandstart besorgt – das geht mit einigen Tricks. Am Dienstag ist er 14 Kilometer durch die Stadt gelaufen: sogenannte Pokéstops abklappern und Belohnungen wie Pokémon-Eier oder Pokébälle einsammeln. Zwei Mal musste Julian heim. Um seinen Akku aufzuladen.

Pokéstops? In München ist das etwa der Friedensengel, in Berlin eine Gedenktafel für die Mauertoten, der Reichstag oder das Brandenburger Tor. Um sie zu aktivieren und dadurch Punkte zu sammeln, muss man sich möglichst nah an die Orte begeben. Und genau das hat in den USA bereits für Zwischenfälle gesorgt: Manch ein Pokéstop befand sich in einer Polizeiwache. Zum Glück kann man die kleinen Monster auch aus einiger Entfernung einfangen.

Pokémon Go: Bunte Tierchen an seltsamen Orten

Die bunten Tierchen wurden bereits an den seltsamsten Orten gesichtet. Ein US-Soldat veröffentlichte ein Bild von einem Pokémon in der Nähe von Mosul, Irak – dort kämpfen die Amerikaner gegen die Terrormiliz IS. Auf einem Bild, das über den offiziellen Twitteraccount der US-Marines veröffentlicht wurde, steht ein knallgelber Wicht zwischen zwei Soldaten, dazu der Hinweis: „Aus der Schusslinie, Pikachu! Das ist ein Sicherheitsverstoß!“ Pokémons tauchen im Weißen Haus auf, im Pentagon, vor dem Taj Mahal in Indien. Und jetzt also auch bei uns.

Die bunten Monster hocken nicht nur an berühmten Plätzen. Auch über das Land wuseln sie. Nur ein Beispiel von vielen: Sogar an der Dorfkirche in Tegernau, einem 120-Einwohner-Ort in der Gemeinde Frauenneuhartig, Kreis Ebersberg, gibt es Pokébälle zum Sammeln. Mit gezielten Würfen eines Pokéballs kann ein Pokémon eingefangen werden. Das sieht ziemlich verrückt aus – irritierte Blicke von Passanten sind garantiert.

Alles Spinnerei? Nun ja, den Börsenwert des japanischen Videospielekonzerns Nintendo hat Pokémon Go binnen weniger Tage in die Höhe katapultiert. Das Spiel hat bereits mehr Nutzer als Twitter oder Tinder, allein von Freitag bis einschließlich Dienstag schoss die Nintendo-Aktie in Tokio um insgesamt 59 Prozent in die Höhe. Noch vorgestern machte man ein Geheimnis daraus, wann die App auch in Deutschland offiziell zum Herunterladen bereitsteht – dass es am Mittwochvormittag plötzlich losging, war eine Überraschung.

Pokémon-Jäger im Central Park in New York.

In den Ländern, in denen es das Spiel schon seit ein paar Tagen gibt, nimmt die Monsterjagd absurde Züge an. So machte eine 19-Jährige am Samstag im US-Bundesstaat Wyoming bei der virtuellen Monsterjagd einen gruseligen Fund: Statt eines Wasser-Pokémons entdeckte sie zu ihrem Entsetzen in einem Fluss eine Leiche. Oder Australien: Als hunderte Spieler mitten in der Nacht in einen ruhigen Vorort von Sydney einfielen, riefen die Bewohner die Polizei und bewarfen die Spieler mit Wasser-Bomben. In Amsterdam stürmten sie sogar ein Krankenhaus, bis Mitarbeiter per Twitter mitteilten: „Es gibt tatsächlich ein krankes Pokémon im AMC (dem Krankenhaus, Anm. d. Red.), aber wir sorgen gut dafür. Bitte besucht es nicht.“

Pokémon Go: ADAC in München warnt vor Unfällen

Viele Pokémon-Go-Begeisterte zücken sogar in Gedenkstätten ihre Smartphones – und die Einrichtungen sind nicht glücklich darüber. Das Holocaust-Museum in der US-Hauptstadt Washington appellierte an die Besucher, respektvoll zu bleiben. Man versuche, den Ort aus dem Spiel entfernen zu lassen, erklärte ein Sprecher.

So weit ist es in Bayern nicht – noch nicht. Am Isartor sind mittlerweile zwei weitere Spieler dazu gekommen. Der Initiator des Treffens, Michael Praetorius, filmt die Szenerie live für Facebook. „Vielleicht brauchen die Münchner etwas länger“, sagt er mit Blick auf die überschaubare Gruppe. Ein paar Meter weiter erklärt ein junger Mann zwei Polizisten, wie Pokémon Go funktioniert. Frage an die Beamten: Was passiert eigentlich, wenn jemand ein Pokémon auf einer viel befahrenen Straße fangen will – und angefahren wird? Tja, sagt einer der Polizisten etwas ratlos, da gelte es dann wohl, rechtzeitig seinen gesunden Menschenverstand zu nutzen.

Tatsächlich warnt am Mittwoch sogar der ADAC in München vor Unfällen. Wer in dem Spiel eine Pokémon-Figur erwischen wolle, der müsse dauerhaft auf sein Handy blicken und verliere dabei „nur allzu leicht“ den Blick für die Umgebung. Spieler könnten sich animiert fühlen, über die Straße zu laufen, ohne auf den Verkehr zu achten – dies gelte besonders für Kinder. Der Autoclub empfiehlt Eltern, das Spiel mit den Kindern auszuprobieren. Und auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gibt eifrig Tipps zur Haftung bei Unfällen mit Pokémon Go.

So sieht das Spiel im Display aus.

Wie kommt es, dass ein Spiel die Welt verrückt macht? Laut Ulrich Tausend vom JFF, dem Münchner Institut für Medienpädagogik, liegt das auch daran, dass die Art des Spiels für viele neu ist. „Bislang gab es erst eine ähnlich erfolgreiche App“, sagt Tausend – Ingress. Auch hier muss der Spieler an bestimmte Orte laufen. Tausend glaubt, dass bald viele ähnliche Spiele auftauchen. Einfach, weil die Anbieter nun sehen, dass solche Spiele erfolgreich sein können.
Das neue Spiel ist übrigens kostenlos, sowohl das Herunterladen als auch die Pokémon-Jagd selbst. Aber: Gegen echtes Geld gibt es frische Pokébälle, Köder und andere Belohnungen, außerdem die virtuelle Währung Pokémünzen. „Damit kommt man schneller durch das Spiel“, erklärt Ulrich Tausend. Bis zu 99,99 echte Euro kann man mit einer Transaktion ausgeben. Der Medienpädagoge rät Eltern, mit ihren Kindern darüber zu reden, wie viel Taschengeld sie investieren wollen.

Pokémon Go: Viele persönliche Daten sind notwendig

Davon abgesehen hat das Spiel auch Nachteile: Durch die Nutzung entstehen zahlreiche persönliche Daten. Wer ist wann, wie lange an welchem Ort? Wie weit laufen Menschen für Pokébälle? Theoretisch kann durch einige Tage Nutzung ermittelt werden, wo jemand arbeitet, lebt und einkauft. Verknüpft mit Name und E-Mail lassen sich so Bewegungsprofile erstellen.

Und dann gibt es noch handfeste Räuberpistolen: In den USA sollen Kriminelle Spielern aufgelauert haben. Abgelegene Pokéstops, so wird in dem Bericht geraten, sollte man deswegen alleine im Dunkeln besser meiden – vielleicht lauert hinter dem nächsten Gebüsch nicht nur das lang ersehnte Pikachu. Aber ruhig Blut: Bislang sind das nur Einzelfälle.

"Pokémon Go": Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial

Pokémon Go ist gerade ein Mega-Hype - doch was sagt eigentlich der Jugendschutz zu Pokémon Go?

Carina Zimniok, Maximilian Heim - mit Material von dpa und afp

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