+
Kleinschneiden und verwerten statt wegschmeißen lautet das Motto der „Schnibbelparty“ am Samstag am Stachus. Das Bild oben zeigt Gemüse-Aktivisten bei einer ähnlichen Aktion.

Am Samstag am Stachus

Schnibbeln gegen Verschwendung: "Jeder Deutsche wirft 82 Kilo Essen weg"

München - Bei der „Schnibbelparty“ am Samstag am Stachus wollen junge Leute gegen Lebensmittelverschwendung ankochen. Organisatorin Anna Dockhorn erklärt im Interview, wie das funktioniert und was hinter der Veranstaltung steckt.

In den Topf statt in die Tonne – so ungefähr ließe sich das Motto der „Schnibbelparty“ beschreiben, die am Samstag ab 15 Uhr stattfindet. 500 Kilo Gemüse sollen dazu auf dem Stachus geschnibbelt und gekocht werden.

Sie laden zur „größten Schnibbelparty der Stadt“ ein. Was muss man sich darunter vorstellen?

Wir werden auf dem Stachus ein Zelt aufbauen, in dem Freiwillige Gemüse schneiden und kochen. Wer will, kann sich bei uns kostenlos und ohne Voranmeldung über Lebensmittelverschwendung informieren, mitessen oder mitmachen: Jeweils zur vollen Stunde treffen sich die Helfer vor unserem Zelt. Dort bekommen sie Handschuhe, Schürze und Haube, und jemand, der vom Gesundheitsamt geschult wurde, informiert sie über die Hygienevorschriften. Für eine Stunde schnippeln sie dann gerettetes Gemüse – bis die nächste Schicht sie ablöst.

„Gerettetes Gemüse“?

Anna Dockhorn (rechts) wird morgen am Stachus dabei sein, wenn geschätzt 500 Kilogramm Gemüse zu einem riesigen Eintopf verkocht werden. Mitessen darf übrigens jeder.

Ja. Gemüse, das vorm Wegwerfen gerettet worden ist. Für unsere Schnibbelparty bekommen wir Gemüse vom Verein Foodsharing, einem Netzwerk, das von kooperierenden Supermärkten Ware bekommt, die die Händler sonst wegwerfen würden. Außerdem beliefern uns „Etepetete“ und „Querfeld“ mit Gemüse. Beide Initiativen kaufen Landwirten Lebensmittel ab, die gar nicht erst im Handel landen würden – zum Beispiel krumme Zucchini oder Karotten mit zwei „Beinen“.

Wie viel Gemüse wollen sie denn verkochen?

Das ist schwer zu sagen, weil die Händler das Gemüse ja nicht für uns zur Verfügung stellen, sondern wir das bekommen, was sie ansonsten weggeworfen hätten. Wir schätzen, dass wir am Samstag etwa 500 Kilogramm verarbeiten werden. Was genau wir kochen, können wir erst am Freitagabend planen. Erst dann wissen wir, welche Zutaten wir haben werden.

Wie kocht man 500 Kilo Gemüse auf dem Stachus?

Das zu organisieren war schon kompliziert. Am Freitag sortieren wir das Gemüse und lagern alles in der Nähe ein. Am Samstag bringen wir die Sachen nach und nach mit Lastenrädern zum Zelt. Dort kochen wir das Gemüse über den Tag verteilt in einem großen Topf, in den 250 Portionen hineinpassen.

Wie ist die Idee zur Schnibbelparty entstanden?

In kleinerem Format gibt es solche Partys in München schon, zum Beispiel in der Glockenbachwerkstatt. Die Organisationen Green City, der Kreisjugendring, rehab republic, Foodsharing, Ouishare und ugly fruits hatten die Idee, das Ganze größer aufzuziehen und haben nach Leuten gesucht, die das organisieren würden. Auf einem Informationstreffen habe ich mich freiwillig dafür gemeldet – genauso wie vier andere Frauen. Wir sind alle zwischen 22 und 26 Jahre alt und beschäftigen uns seit längerem mit dem Thema Lebensmittelverschwendung.

Das ist ehrenwert. Aber am Problem ändert die Schnibbelparty nichts...

Das ist auch nicht das unmittelbare Ziel unserer Aktion. Wir wollen Leute erreichen, die sich noch nicht bewusst mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Wie viel wird verschwendet? Was sind die Auswirkungen? Was kann man daran ändern? Das alles können die Leute an Infoständen und in Redebeiträgen erfahren.

Wie viele Lebensmittel werden verschwendet?

Jeder Deutsche wirft jährlich rund 235 Euro in den Müll – weil er durchschnittlich 82 Kilo Essen wegwirft. Am häufigsten wandern Obst und Gemüse in die Tonne.

Das ist die eine Seite des Problems.

Die andere sind die Supermärkte. Viele Händler werfen Tonnen von Lebensmitteln weg – obwohl sie noch genießbar wären. Allein in bayerischen Supermärkten werden jährlich knapp 100 000 Tonnen Lebensmittel aussortiert. Aus meiner Sicht sind die Verbraucher zumindest teilweise daran Schuld: Viele stören sich an Schönheitsfehlern und scheuen sich, Obst und Gemüse zu kaufen, das vielleicht nicht mehr ganz perfekt aussieht.

In Frankreich sind Supermärkte seit diesem Jahr verpflichtet, aussortierte Lebensmittel an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden. Andernfalls drohen ihnen Geldstrafen.

Es wäre super, wenn auch Deutschland in der Hinsicht etwas unternehmen würde. Es gibt sogar eine Petition: Claudia Ruthner aus Tutzing setzt sich dafür ein, dass die Europäische Kommission ein Gesetz erlässt, das Supermärkten Lebensmittelverschwendung verbietet. Claudia Ruthner wird auch bei der Schnibbelparty auftreten.

Andere Lebensmittel schaffen es gar nicht erst in die Supermärkte.

Ja, weil Supermärkte unschönes Gemüse nicht kaufen wollen. Viele Landwirte verfüttern ihr Gemüse deshalb an Tiere – oder sie vernichten es. So werden nicht nur Lebensmittel, sondern auch Ressourcen verschwendet.

Inwiefern?

Um ein Kilogramm Äpfel anzubauen, braucht man 700 Liter Wasser. Wenn man diese Äpfel wegwirft, ist das Wasser verschwendet. Dazu kommen die Treibhausgase: Weltweit wandert ein Drittel aller produzierten Lebensmittel in den Müll – um die zu produzieren, braucht man drei Milliarden Tonnen CO2.

Welche Tipps haben Sie für Verbraucher, die gerne weniger Lebensmittel wegwerfen würden?

Man kann das ganz gut zusammenfassen: besser planen, besser lagern, Reste verwerten. Oft kaufen Leute spontan ein, ohne zu wissen, was und wie viel sie brauchen – und haben dann mehr im Kühlschrank als sie essen können. Die Mahlzeiten vorzuplanen, kann helfen. Außerdem halten sich viele Lebensmittel länger, wenn man sie richtig lagert. Viele Leute wissen nicht, dass Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika und anderes wässriges Gemüse nicht in den Kühlschrank gehören, sondern an einem kühlen und dunklen Platz außerhalb. Außerdem sollte man beispielsweise Äpfel lieber separat aufbewahren, weil sie ein Pflanzenhormon verströmen, das Obst und Gemüse schneller reifen lässt.

Was müsste die Politik tun, um die Verschwendung einzudämmen?

Es würde schon sehr helfen, wenn auf Produkten nicht nur das Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern auch das Verfallsdatum abgedruckt wäre. Beides wird oft verwechselt. Dabei bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum nur, dass ein Produkt vielleicht nicht mehr perfekt aussieht – nicht, dass es nicht mehr genießbar ist. Man sollte da ruhig seinen Sinnen vertrauen: Wenn Lebensmittel unbedenklich aussehen und riechen, kann man sie auch essen.

Interview: Katharina Mutz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bus und Tram: E-Scooter müssen draußen bleiben

München - Weil die Gefährte nicht sonderlich stabil stehen, dürfen sie nicht in Bus und Tram mitgenommen werden. Jetzt gibt es eine Petition für eine Beförderungspflicht.
Bus und Tram: E-Scooter müssen draußen bleiben

Trotz Multipler Sklerose: Ihre unendliche Liebe hält sie am Leben

Landsham - Die unheilbare Krankheit Multiple Sklerose bestimmt das Leben der Häupliks. Doch Andrea und Jörg halten zusammen und lassen sich nicht unterkriegen.
Trotz Multipler Sklerose: Ihre unendliche Liebe hält sie am Leben

Flüchtlingsunterkunft Bayernkaserne schließt zum Jahresende

München - Ende des Jahres ist Schluss mit der Bayernkaserne: Die Erstaufnahmeeinrichtung wird geschlossen. Ab 2018 soll dort ein neues Quartier mit rund 4000 Wohnungen …
Flüchtlingsunterkunft Bayernkaserne schließt zum Jahresende

Studenten gestalten Entwürfe für neues Bad an der Isar

München - Bekommt München bald ein Isarflussbad? Architektur-Studenten haben Entwürfe gestaltet und stellen diese nun vor.
Studenten gestalten Entwürfe für neues Bad an der Isar

Kommentare