Arbnor Segashi trauert um seine Schwester.

"Wir hätten es nicht verhindern können"

Seine Schwester ist tot: Amokläufer nahm ihm alles Glück

München - Zwölf Stunden lang klapperte er nach dem Amoklauf von München die Vermisstenstellen ab, dann wusste Arbnor Segashi: Seine Schwester ist tot. Jetzt spricht der 21-Jährige über den Verlust.

Arbnor Segashi ist sich ganz sicher: „Es war einfach Schicksal. Das war ihr Zeitpunkt. Wir hätten es nicht verhindern können.“ Mit „es nicht verhindern können“ meint der 21-Jährige den Tod seiner Schwester Armela. Besser: Den sinnlosen Mord an seiner Schwester; die 14-Jährige starb im Kugelhagel, den Ali David S. († 18) am Abend des 22. Juli im Olympia-Einkaufszentrum abgefeuert hatte.

Das hübsche, lebensfrohe und stets gut gelaunte Mädchen hatte sich an jenem Freitag mit ihrer Freundin Sabina (15) verabredet, die beiden saßen im oberen Stockwerk des McDonald’s-Restaurants. Der Amokläufer war wohl auf der Toilette gewesen und hatte sich auf seine Tat vorbereitet. Dann trat er ins Lokal und schoss auf die beiden Mädchen. Beide kamen dabei ums Leben, und mit ihnen sieben weitere Menschen und der Täter selbst.

Als Arbnor Segashi von dem Amoklauf hörte, wusste er, dass seine Schwester ins OEZ gehen wollte. So machte er sich auf die Suche. Zwölf geschlagene Stunden lang klapperte er die Vermisstenstellen ab, ging von einer Klinik zur anderen, immer wieder auch zur Polizei. Fragte nach seiner Schwester. Ohne jeden Erfolg. Arbnor bat auf Facebook und anderen sozialen Medien um Hilfe, jeder auch noch so kleine Hinweis sei wichtig. Nichts.

Um kurz nach sechs Uhr am nächsten Morgen, als das Handy des Studenten klingelt und sein Vater sagt, es sei alles vorbei und er solle nach Hause kommen, da weiß er, dass seine Schwester nicht mehr lebt. Dass sie erschossen worden ist. Erbarmungslos getötet von einem Menschen, der Armela in seinem ganzen Leben wahrscheinlich nicht einmal gesehen hat. So grausam. So sinnlos.

Er und seine Familie, sagt Arbnor Segashi gegenüber der Augsburger Allgemeinen, haben mit dem Tod von Armela alles Glück verloren. Durch ihre herzensgute Art habe sie „allen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert“. Die 14-Jährige war bei allen Fußballspielen dabei, bei denen der Amateurkicker auf dem Platz stand. „Ihre Anwesenheit war das pure Glück“, sagt der große Bruder.

Armela habe es geliebt, sich und andere zu schminken und zu stylen, nach ihrem Schulabschluss auf der Erich-Kästner-Realschule in München wollte sie irgendwann ein eigenes Kosmetikstudio eröffnen. Das sei ihr großer Traum gewesen. Dann fällt ein Schuss. Und alles ist aus, alles ist vorbei.

Trotzdem empfindet der Bruder keinen Hass auf den Täter. Hass, sagt er, sei der falsche Weg, denn Hass habe schließlich auch den Amokläufer zu seinen Taten getrieben. Es gelte vielmehr, die Ursachen zu bekämpfen, die Menschen wie Ali David S. zu Menschenhassern machten. Der 18-Jährige sei in der Schule offenbar ständig gemobbt worden, oft von ausländischen Mitschülern. Jede Form von Mobbing zu bekämpfen, das etwa sei wichtig.

Arbnor Segashi lebt, wie er sagt, seit dem furchtbaren Geschehen bewusster. Die Bindung zur Familie sei stärker geworden. Wenn er am OEZ eine Kerze für seine tote Schwester anzünde, dann hoffe er: „Dass meine Familie genug Kraft hat, den Verlust zu ertragen.“

mdu

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