Serie über den Alt-OB - Teil 2

Georg Kronawitter: Der Rote, der (fast) ein Grüner war

Georg Kronawitter (1928-2016) hat als Münchens Oberbürgermeister der Stadt seinen Stempel aufgedrückt. In einer vierteiligen Serie erinnern wir an Laufbahn und Errungenschaften des „Roten Schorsch“.

Alt-OB Georg Kronawitter - Sein Leben und Wirken in Bildern

Hinterbänkler zu sein – das kam für den Bauernsohn Georg Kronawitter nicht infrage, als er 1966 in den Bayerischen Landtag einzog. Er wollte der erste SPD-Landwirtschaftsminister des Freistaats werden. Also machte er auf sich aufmerksam – mit dem feinen Gespür für Stimmungen im Volk, das ihn immer auszeichnete.

Gerechtigkeit war in den 60er-Jahren zum Thema geworden. Und als Kronawitter den Kampf eines Kleinbauern gegen den Milliardär Baron Finck um zehn Hektar Land politisch aufgriff, machte das bundesweit Schlagzeilen. Obwohl Finck ihm mit einem Millionen-Prozess drohte, blieb Kronawitter standhaft. 1971, der „Rote Schorsch“ Kronawitter war inzwischen Vorsitzender des SPD-Bezirks Südbayern, trug ihm der Münchner OB und SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel die OB-Kandidatur 1972 an.

Lange hing Kronawitter der Ruf an, er sei nur ein Notnagel gewesen. Denn Vogels ursprünglicher Nachfolge-Favorit, der Kämmerer Helmut Gittel, war der Partei nicht vermittelbar. Und den zum linken Flügel gehörenden Bundestagsabgeordneten Manfred Schmidt wollte Vogel nicht.

Kronawitter, völlig überrascht von Vogels Angebot, bittet um 14 Tage Bedenkzeit – und um eine Studienreise. Der 43-Jährige, in Kommunalpolitik und Verwaltung völlig unerfahren, besucht deutsche und europäische Metropolen und lernt, wie man’s macht.

Zurück in München und mit klarer Mehrheit zum Kandidaten gewählt, sucht Kronawitter den Kontakt mit den Bürgern. Er präsentiert ihnen ein Wahlprogramm, das grüne Politik um Jahre vorwegnimmt: „Mehr Grün in der Stadt“, heißt sein zentraler Slogan. Nach Jahren des Olympia-Booms verspricht er jenen, die von diesem Boom am wenigsten profitierten: „Die Menschlichkeit kommt vor der Rendite.“ Das kommt an: Kronawitter wird am 11. Juni 1972 im ersten Wahlgang mit 65,2 Prozent der Stimmen zum OB gewählt. Seine SPD erringt 52,5 Prozent.

Nun gilt es, die Wahlkampf-Versprechen zu erfüllen: Das erste Projekt 1972 geht als „das Millionending“ in die Stadtgeschichte ein: Kronawitter lässt den Kämmerer eine Million Mark für Grünprojekte aus dem Haushalt zusammenkratzen. Prominentestes Resultat: Der Westpark, der eigentlich schon für Wohn- und Gewerbebebauung vorgesehen war. Als Grünapostel und Wohnungsbauverhinderer wird Kronawitter beschimpft. Doch er behält Recht: Wohnungen stehen nach dem Olympia-Bauboom plötzlich leer. Und als es gelingt, mit dem Park-Projekt die Internationale Gartenausstellung (IGA) nach München zu holen, verstummen die Kritiker.

In der Leistungsbilanz von Kronawitters erster Amtszeit sind dicke Brocken, die heute wieder von sich reden machen: Der Schlacht- und Viehhof wird zum (damals) hochmodernen Betrieb ausgebaut. Hellabrunn bekommt einen Generalausbauplan. Das bereits vorliegende Gasteig-Konzept stutzt Kronawitter so zusammen, dass es mehrheitsfähig ist. Den Konzertsaal nötigt er den Genossen aber ab. Kronawitter ist es auch, der eine Mehrheit für die Beteiligung am Kernkraftwerk Ohu organisiert. Sein pragmatisches Motiv: Nachdem feststeht, dass der Reaktor auf jeden Fall gebaut wird, soll München wenigstens vom billigen Strom profitieren.

Die vielleicht wichtigste Entscheidung der Regierung Kronawitter ist ein Paradigmenwechsel: Der Stadtentwicklungsplan 1975 wandelt sich vom städtebaulichen zum gesellschaftspolitischen Leitbild. Früher als andere hat Kronawitter erkannt, dass Wachstum nicht immer und unter allen Umständen erstrebenswert ist. Diese Überzeugung soll später zur Basis einer rot-grünen Koalition werden.

Es gibt lustige Pannen in Kronawitters OB-Leben: Bei seinem zweiten Wiesn-Anstich 1973 reicht man ihm einen undichten Krug, alles lacht. Und es gibt Dramen: Kaum im Amt, muss er 1972 das Olympia-Attentat miterleben. „Als ich der Witwe des bei dieser Aktion ermordeten Münchner Polizeiobermeisters Anton Fliegerbauer die Nachricht vom Tode ihres Mannes überbringen musste, erfuhr ich, wie hart der Dienst für die Stadt sein kann“, schreibt er in seinen Memoiren.

Besonders hart trifft ihn die „lustvolle, eiskalte Hinrichtung durch die Münchner SPD-Linke“, wie er es einmal formulierte. Die 22 Genossen des linken Flügels in der Stadtratsfraktion seien „oft rücksichtslosere Gegner als die Vertreter anderer Parteien im Stadtrat“ gewesen. Sie verhindern eine zweite OB-Kandidatur Kronawitters. Die Folge: Bei der Wahl 1978 verliert die SPD ihre absolute Mehrheit an die CSU, und Erich Kiesl wird Oberbürgermeister.

Im Rückblick mutet es seltsam an, dass ausgerechnet die Parteilinke den Mann stürzte, dessen beinahe schon missionarischer Kampf gegen Bodenspekulation und Großinvestoren ihn heute zweifellos als Linken ausweisen würde.

Den Parteisoldaten Kronawitter, der der Versuchung widerstanden hat, gegen die SPD zu kandidieren, spornt die Niederlage an: „Ich wollte die SPD wieder mehrheitsfähig machen“, schreibt er im Buch „Was ich denke“. Und: „Kiesl war zu schlagen. Ich wusste das!“

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