+

Florian Bieberbach im Interview

SWM-Chef: "Dann bekommen wir ein Riesenproblem"

München - SWM-Chef Florian Bieberbach spricht über den ÖPNV-Ausbau, den Atomausstieg und die Entwicklung des Strompreises.

Seit 2013 ist Florian Bieberbach Chef der Stadtwerke München. Der 43-Jährige muss zur Zeit an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen. Der Atom-Ausstieg belastet das Ergebnis, gleichzeitig brechen Gewinne wegen der niedrigen Energiepreise weg. Hinzu kommt der riesige Investitionsbedarf beim Öffentlichen Personennahverkehr. Im Interview mit unserer Zeitung ist von Anspannung aber nichts zu spüren. Bieberbach gibt sich entspannt. Er ist vom eingeschlagenen Weg der SWM vollends überzeugt.

Herr Bieberbach, Sie sind Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Schäftlarn. Wann waren Sie zuletzt im Einsatz?

Das war im Juli. Es hieß, auf der Garmischer Autobahn brennt ein Lkw. Ich saß mit den Kameraden schon im Feuerwehrauto, auf halber Strecke wurde der Einsatz dann aber abgebrochen, weil es sich um eine Fehlmeldung handelte.

Viel Zeit haben Sie für die Feuerwehrarbeit aber wahrscheinlich nicht.

Das stimmt leider. Aber heute Abend nehme ich zum Beispiel an einer Übung teil.

Ihr Konzern hat im vergangenen Jahr 539 Millionen Euro Verlust gemacht. Um im Feuerwehr-Jargon zu bleiben: Brennt derzeit die Hütte bei den Stadtwerken?

Nein, aber es ist sicher eine schwierige Situation für uns aufgrund verschiedener ungünstiger Rahmenbedingungen. Vor allem zwei Dinge belasten das Ergebnis: Die niedrigen Energiepreise und die hohen Rückstellungen für den Ausstieg aus der Kernenergie. Da müssen wir jetzt durch. Die große Krise muss man deshalb nicht ausrufen.

Im Stadtrat gab es zuletzt verstärkt Kritik am Geschäftsmodell der SWM. Sie investieren in ganz Europa in Windräder und Solaranlagen, die Erträge sind überschaubar, während die Schulden im Milliarden-Bereich liegen. Haben sich die Stadtwerke München verhoben?

Ich finde nicht, dass die Erträge überschaubar sind. Ohne die Erträge aus dem Ausbauprogramm Erneuerbare Energien würde das Ergebnis viel schlechter aussehen. Die Erneuerbaren haben zum operativen Gewinn im Vorjahr gute 20 Prozent beigetragen – mit steigender Tendenz. Ich bin heilfroh, dass wir so viel in den Ausbau der Erneuerbaren Energien investiert haben und dies weiter tun.

Wird Energie aus Wind, Wasser und Sonne künftig noch lukrativer werden?

Davon gehe ich aus. Das klassische Geschäft, die alte Stromerzeugung, läuft aus, und das Ergebnis wird immer stärker von den Erneuerbaren Energien bestimmt. Je mehr wir uns in diesem Bereich engagieren, desto besser wird unser Ergebnis.

Die Stadtwerke verbrennen 800 000 Tonnen Kohle jährlich im Heizkraftwerk Nord. Wie passt das zum grünen Image?

Es steht außer Zweifel, dass wir aus der Kohleverbrennung aussteigen werden, ebenso aus der Kernenergie. Es handelt sich in beiden Fällen um Investitionsentscheidungen aus den 70er und 80er Jahren, mit denen wir heute noch leben müssen. Die Stadtwerke von heute danach zu beurteilen, was vor mehreren Jahrzehnten entschieden wurde, finde ich unfair. Man sollte uns danach beurteilen, welche Investitionsentscheidungen wir in den letzten zehn Jahren getroffen haben. Da haben wir fast nur noch in Erneuerbare investiert. Das war damals eine radikale Wende. In der Energiewirtschaft sind Investitionszyklen extrem lange. Es dauert deshalb auch entsprechend, bis wir uns von einem konventionellen Energieerzeuger, der wir bis vor zehn Jahren noch waren, zu einem erneuerbaren Energieerzeuger gewandelt haben. Das geht nicht von heute auf morgen. Es gibt in Deutschland kein Stadtwerk, das den Umbau so radikal und mit so großem Kapitaleinsatz vorantreibt wie wir.

Haben Sie Sorge, dass das HKW per Bürgerentscheid abgeschaltet wird? Die ÖDP hat bereits 20 000 Unterschriften gesammelt.

Wir sind uns im Grunde alle einig, dass das HKW abgeschaltet werden wird und Geothermie die Zukunft der Wärmeversorgung in München ist. Die Frage ist: Wie schnell kann man es machen, und was ist einem der vorzeitige Ausstieg wert. Das ist letztlich eine politische Entscheidung.

Wie sehen Sie das als Chef der SWM?

Ich würde ein deutschlandweites Kohle-Ausstiegsgesetz begrüßen. Das würde dazu führen, dass alle Kohlekraftwerke nach einem systematischen Plan – ähnlich wie bei den Atomkraftwerken – abgeschaltet werden. Jetzt im Alleingang ein modernes und sehr wertvolles Kraftwerk abzuschalten, das noch dazu sehr klein ist im bundesdeutschen Vergleich, kann ich als Geschäftsführer eigentlich kaum verantworten. Da würde man kommunales Vermögen kaputt machen. Der Verlust würde sich im dreistelligen Millionenbereich bewegen. Ob man dies aus ökologischen Gründen in Kauf nimmt, muss der Stadtrat entscheiden. Der Beitrag zur CO2-Reduzierung in Deutschland jedenfalls wäre sehr gering.

"So ein radikaler Umbau ist nicht zumutbar"

Was wäre für Sie ein gangbarer Kompromiss für einen Ausstieg aus der Kohle. 2025?

Die Behauptung der ÖDP, bis 2022 wäre ein Umstieg auf Geothermie möglich, ist vollkommen unrealistisch. Abgesehen vom erheblichen wirtschaftlichen Verlust müssten wir das komplette Fernwärmenetz umbauen. Wenn man sich allein vorstellt, was das an Baustellen bedeuten würde. . . Spaßeshalber könnte man sagen, das bringt einen riesigen ökologischen Nutzen, weil der Autoverkehr zum Erliegen kommen würde für fünf Jahre. Aber im Ernst: So ein radikaler Umbau ist nicht zumutbar. Die Baustellen wären ein Wahnsinn, deshalb muss man das strecken. Auch Geothermiebohrungen sind nicht so leicht, wie die ÖDP das darstellt. Das ist technisch immer noch sehr anspruchsvoll. Aber wir sind beim Thema Geothermie sehr dahinter, siehe Freiham, wo wir vor Beginn des Winters den Betrieb aufnehmen und die Bewohner mit Wärme versorgen können.

Das Atomkraftwerk Isar 2, das den Stadtwerken zu 25 Prozent gehört, wollten Sie schon mehrfach verkaufen, jedoch vergeblich. Die Rückstellungen für den Rückbau belaufen sich inzwischen auf rund 800 Millionen Euro. Wird das reichen?

Ich gehe davon aus, dass wir heuer und wohl auch 2017 die Rückstellungen in erheblichem Maße aufstocken müssen – was unseren Gewinn natürlich belasten wird.

Mit wie viel Geld rechnen Sie?

Wir werden wohl nochmals einen dreistelligen Millionenbetrag in die Rückstellungen geben müssen.

Woher kommt das Geld?

Das Geld müssen wir aus dem Unternehmens-Vermögen nehmen.

Die von der Bundesregierung eingesetzte Atom-Kommission hat vorgeschlagen, dass die Atomkonzerne nur bis zu einer gewissen Höchstgrenze belastet werden, für den Rest muss der Steuerzahler aufkommen. Wie bewerten Sie den Vorschlag?

Ich finde das Ergebnis gut. Sollte die Bundesregierung zustimmen, hätten wir uns eines erheblichen Risikos entledigt. Ein Risiko, das nach derzeitigem Stand bis ins Jahr 2098 reichen würde, also noch über 80 Jahre. Das ist der Zeitrahmen für den Rückbau des Atomkraftwerks.

Das Ergebnis der Kommission könnte man auch als Rettungspaket für die deutschen Atomkonzerne bezeichnen.

Tja. . . (lächelt). Ich glaube, es steckt eher die Sorge der Bundesregierung dahinter, ob es die großen Konzerne in 50 Jahren überhaupt noch geben wird und am Ende doch der Bund den Rückbau und die Lagerung des Atommülls alleine bezahlen muss. Deshalb wird jetzt das Geld eingesammelt.

MVG-Chef Herbert König hat voriges Jahr im Interview mit unserer Zeitung gesagt, der Öffentliche Personennahverkehr stehe vor dem Kollaps, weil der Ausbau seit Jahren stockt. Hat er Recht?

Ja. Das große Bevölkerungswachstum in München hat uns alle überrascht. Wir müssen massiv in neue Infrastruktur investieren. Noch können wir mit Taktverdichtungen und Kapazitätsausweitungen, etwa Buszügen, reagieren. Aber wir brauchen dringend Entscheidungen für neue Strecken, ich denke da etwa an die Tram-Westtangente. Außerdem muss die U9-Spange durch die Innenstadt oberste Priorität haben. Wenn München weiter zögert beim ÖPNV-Ausbau und Entscheidungen auf die lange Bank schiebt, bekommen wir perspektivisch ein Riesenproblem.

Bis eine neue U-Bahnlinie gebaut und geplant ist, vergehen mehr als zehn Jahre.

Das stimmt leider. Eine Tramlinie kann man schneller ins Werk setzen. Aber wir müssen jetzt endlich vorankommen, damit München in den 2020er Jahren nicht völlig im Verkehr erstickt.

Gibt es einen Zeitplan für neue U-Bahn- und Trambahn-Linien?

Politisch entschieden wurde ja bereits die Verlängerung der U5. Die ist zwar schön für alle Pasinger, die Münchner Innenstadt wird sie aber gar nicht entlasten. Aus meiner Sicht muss die U9-Spange die nächste Strecke sein, da wir diese dringend zur Entlastung der überfüllten Innenstadt-U-Bahnen brauchen.

Wird das Konzernergebnis 2016 ähnlich schlecht ausfallen wie 2015?

Auch 2016 rechne ich wegen der Atom-Rückstellungen und der niedrigen Energiepreise mit einem negativen Gesamtergebnis. So hoch wie 2015 wird der Verlust aber nicht werden. Das operative Ergebnis wird sich wieder zeigen lassen können.

Wie werden sich die Strom- und Gaspreise der Stadtwerke entwickeln?

Das lässt sich sehr schwer vorhersagen. Der Ölpreis geht rauf und runter, und ebenso der Gaspreis. Beim Strom sehen wir eine Stabilität bei den Kosten, die uns entstehen. Der Strompreis wird aber hauptsächlich von der Höhe der Abgaben und Umlagen bestimmt, vor allem der EEG-Umlage. Im Oktober erfahren wir, wie sich die Umlagen entwickeln werden. Dann lässt sich eine Aussage zu den Strompreisen treffen.

Ihr Vertrag als Vorsitzender der Geschäftsführung endet 2017. Wollen Sie den SWM treu bleiben oder vielleicht wieder in die Politik wechseln?

Oh je, Politiker werde ich definitiv nicht werden (lacht). Ich bin sehr glücklich bei den Stadtwerken, das ist ein tolles Unternehmen, auch wenn wir gerade eine schwierige Zeit durchleben. Wir legen gerade viele wichtige Grundsteine für eine positive Zukunft unseres Unternehmens.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage

München - Sie bilden einen wichtigen Kundenstamm der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVV): Senioren. Die eigens für sie etablierte IsarCard60 ist womöglich …
Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage

Er stellte Bombenpläne ins Netz: 16 Monate Haft für IS-Sympathisanten

München - Boris H. stellte Pläne für eine Bombe ins Internet, die tausende Menschen töten könnte. Nun wurde er am Landgericht verurteilt.
Er stellte Bombenpläne ins Netz: 16 Monate Haft für IS-Sympathisanten

Flüchtlinge planen Protestmarsch

Die Stimmung am Sendlinger-Tor-Platz ist bedrückend. Seit 7. September kampieren hier Flüchtlinge, um gegen ihre Lebenssituation in Deutschland zu protestieren.
Flüchtlinge planen Protestmarsch

23-Jähriger mit Vorstrafenregister kehrt reumütig zurück

München - Ein 23-Jähriger mit längerem Vorstrafenregister ist reumütig nach Deutschland zurückgekehrt, um seine Haft anzutreten.
23-Jähriger mit Vorstrafenregister kehrt reumütig zurück

Kommentare