+
Flüchtlinge im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Tagung in München

Versorgung von Flüchtlingen: Krankenhaus statt Hausarzt

München - Prof. Dr. Eva Grill erklärt, warum der eingeschränkte Zugang für Migranten zum deutschen Gesundheitssystem massive Probleme bereitet.

Wie lassen sich Flüchtlinge und Migranten medizinisch besser versorgen? Diese Frage ist einer der Schwerpunkte der Fachtagung HEC2016 (www.hec2016.eu), die bis Freitag, 2. September, an der Ludwig-Maximilian-Universität läuft. Die wichtigsten Antworten von Kongresspräsidentin Prof. Dr. Eva Grill.

Hunderttausende von Flüchtlingen leben in Deutschland. Wie ist ihr Gesundheitszustand?

Es lassen sich kaum belastbare Aussagen treffen, da standardisierte Daten fehlen. Was in den einzelnen Aufnahmeeinrichtungen passiert, ist vorwiegend Sache des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Kommunen – und die tun ihr Möglichstes, um mit der Situation adäquat umzugehen. In der Regel ist aber der Zugang zur sogenannten Primärversorgung für Asylbewerber, für Geflüchtete, erst einmal eingeschränkt.

Was heißt das konkret: eingeschränkt?

Eva Grill ist Professorin für Epidemiologie am Institut für Medizin, Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie hat mit Professor Ulrich Mansmann die Tagung organisiert.

Ihnen stehen zunächst nicht alle Leistungen zur Verfügung, die die gesetzlichen Krankenversicherungen normalerweise abdecken. Weil sie keinen Zugang zum Hausarzt haben, sind sie überwiegend auf die Notfallversorgung der Krankenhäuser angewiesen – wo sie mit akuten Erkrankungen nicht unbedingt hingehören. Und mit chronischen Erkrankungen wird es ohnehin schwierig. Erst nach 15 Monaten können Asylbewerber besagte Primärversorgung regulär in Anspruch nehmen.

Warum – spart das etwa Geld?

Nein, wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall! Gesundheitswissenschaftler aus Heidelberg und Bielefeld konnten kürzlich vorrechnen, dass diese Zugangsbarrieren Gesundheitsprobleme erst schaffen – und sogar mehr Kosten verursachen als der direkte Zugang zur Regelversorgung. Es geht ja nicht um eine Situation, die kurzfristig besteht. Was man am Anfang versäumt, hat Auswirkungen auf den Gesundheitszustand in der Zukunft.

Viele, die es nach Deutschland schaffen, sind traumatisiert ...

Ja. Sie müssen sich vorstellen, das sind Menschen, die aus Extremsituationen geflüchtet sind. Aber wie viele tatsächlich von Traumatisierungen betroffen sind, dazu gibt es noch keine verlässlichen Daten. In diesen Fällen Sprachbarrieren zu bewältigen – darauf sind die sprechende Medizin und Psychotherapie nicht eingerichtet.

Die Sprachbarrieren sind aber nicht erst mit den Flüchtlingen des vergangenen Jahres gekommen.

Nein, natürlich nicht! Das Problem kennen wir auch in der Versorgung von Migranten, die schon länger in Deutschland leben. Unter ihnen wächst die Zahl der älteren und hochbetagten Menschen – und Erkrankungen wie Demenzen können die Sprachbarrieren erheblich erhöhen, was wiederum die Geriatrie, also die Altersmedizin, vor neue Herausforderungen stellt.

Und das bedeutet?

Um eines klar zu sagen: Wir tun gern so, als gehe es um die Migranten. Aber sie sind beileibe keine homogene Gruppe. Sie kommen aus ganz verschiedenen Kulturen, was wiederum bedeuten kann, dass sie mit Krankheiten und ihren Symptomen ganz unterschiedlich umgehen. Wir wollen auf der Tagung klarstellen, dass es einen jeweils unterschiedlichen Versorgungsbedarf gibt. Aufs Ganze gesehen lassen sich in Deutschland unter Migranten vermehrte Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen, für Diabetes und für die Adipositas sowie ein vermehrtes Risiko für psychische Erkrankungen beobachten ...

Um welche Fragen dreht es sich konkret bei der Tagung?

In einem speziellen Workshop wollen wir die offenen Forschungsfragen noch einmal präziser umreißen: Wie könnten wir die Datenlage verbessern? Welche Hauptschwerpunkte sollte eine adäquate Versorgung von Migranten und Geflüchteten setzen? Und: Wie können die Akteure kulturell sensibel agieren?

Zusammenfassung: B. Nazarewska

Auch interessant

Kinder-Trachtenhemd weiß

Kinder-Trachtenhemd weiß

Kinder-Trachtenhemd weiß
Kinder-Trachtenhemd rotweiß-kariert

Kinder-Trachtenhemd rotweiß-kariert

Kinder-Trachtenhemd rotweiß-kariert
Kurze Trachtenlederhose braun

Kurze Trachtenlederhose braun

Kurze Trachtenlederhose braun
Trachtenweste / Gilet weinrot

Trachtenweste / Gilet weinrot

Trachtenweste / Gilet weinrot

Meistgelesene Artikel

Städtischer Wohnungsbau: So kämpfen Bürger um ihre Bolzplätze

München - Die Stadt München will im Moment tausende neue Wohnungen bauen. Doch viele davon sollen auf Kosten von Grünflächen errichtet werden. Die Bürger wehren sich.
Städtischer Wohnungsbau: So kämpfen Bürger um ihre Bolzplätze

Elisabethmarkt: Warum sich jetzt Protest regt

München - Der Abriss der alten Standl am Elisabethmarkt würde relativ protestlos verlaufen – dachte man. Bis jetzt. Eine Schwabinger Initiative hat 12 000 Unterschriften …
Elisabethmarkt: Warum sich jetzt Protest regt

Lieferte er die Waffen für den Terror in Paris?

München - In München hat am Freitag der Prozess gegen einen mutmaßlichen Waffenlieferanten begonnen. Er soll den Terror in Paris befeuert haben.
Lieferte er die Waffen für den Terror in Paris?

Elf Dinge, die wir unbedingt an diesem Wochenende tun sollten

München - Wir lieben München - an diesem Wochenende sogar noch ein bisschen mehr. Die Sonne wird uns wärmen, wie feiern den zweiten Wiesn-Samstag und -Sonntag, und wir …
Elf Dinge, die wir unbedingt an diesem Wochenende tun sollten

Kommentare