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Gefangen im Alltag

So frei sind wir wirklich - Ein Selbstversuch

Im Alltag scheinen wir unsere Entscheidungen frei treffen zu können. Doch ist das wirklich so? Wir haben mit einer Expertin gesprochen.

Es scheint alles klar: Religion, Meinung, Beruf, Eigentum – wir dürfen entscheiden. Das garantiert das Grundgesetz. Wir können tun, was wir wollen, solange wir die Rechte unserer Mitmenschen achten. Ich, Luca von Prittwitz, bin 22 Jahre alt, Volontärin und habe weder Partner noch Kinder. Ich bin frei. Doch soweit nur die Theorie. Wie frei bin ich wirklich? Auch Kulturwissenschaftlerin Dr. Irene Götz von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität kann dazu nicht mehr sagen als: „Da gibt es keine endgültige Antwort.“ Worauf sie aber Antworten geben kann, ist, in welchen Momenten des Alltags ich es nicht bin.

Kleidung

Der Sommer ist da. Ich will frischen Wind im Schrank. Eine neue Jeans. Am besten verwaschen, zerrissen, figurbetont. Wie heißt die angesagte Marke noch? Kurze Recherche im Internet, rein ins Geschäft, anprobiert und gekauft. Schick. Selbst ausgesucht. Ganz ohne Zwang. Oder? „Dinge, die ich meine, aufgrund meines Geschmacks gewählt zu haben, landen in der Einkaufstüte, weil es dem Geschmack meines Milieus entspricht“, sagt Götz. Milieu? Das ist der soziale Lebensraum eines Menschen, sagt die Kulturwissenschaft. Natürlich hat mich niemand zum Kauf gezwungen. Ich hätte mich auch bewusst für eine andere Marke entscheiden können. Aber nur solange es sich auch um die selbe Preisklasse handelt – ich bin schließlich ein Azubi. Ich kann Götz’ Aussage nachvollziehen: „Jemand aus dem Bereich der Normalverdiener käme nicht auf die Idee, sich im Luxus-Segment zu bedienen.“ Selbst dann nicht, wenn das Geld da wäre. Erkenntnis: Ich habe nicht frei entschieden, sondern Möglichkeiten abgewogen.

Finanzen

Apropos Shoppen. Manchmal denke ich, ich konsumiere viel zu viel. Ganz nach der Logik: Hat man das Geld, gibt man es aus. Auch die Familie meint: „Auf einem Konto der Bank wäre dein Geld sicherer.“ Dabei bringt ein Sparbuch fast keine Zinsen mehr. Aber wenigstens kann man sich damit vor sich selbst schützen. Also aufs Sparbuch damit. „Ein klassisches Beispiel für den Einfluss, den das familiäre Umfeld ausüben kann“, sagt Götz. „Da gibt es unbewusste, anerzogene und durchaus unlogische Grenzen.“ Auch wenn es offensichtlich ist, dass es lukrativere Anlagemöglichkeiten gibt, entscheidet man sich häufig – und meist beeinflusst durch sein Umfeld – für die sichere Variante. Familientraditionen und Bilder aus den Medien treiben uns häufig zu solchen Entscheidungen. Und sollte man sich doch gegen festgefahrene Verhaltensweisen entscheiden, so kann eine schlechte Erfahrung in Finanzgeschäften die künftigen Handlungen beeinflussen. Ich muss an meinen Vater denken, der im Gegensatz zu mir die Finanzen sieben Tage die Woche im Auge behält, weil das Geld in seiner Kindheit knapp war. Die Expertin führt hier die psychologische Komponente an: „Der Mensch hat die Fähigkeit zu reflektieren, sich seines Handelns bewusst zu werden. Erfahrungen, die man im Laufe des Lebens macht, erzwingen in der Zukunft ein bestimmtes Verhalten.“ Kurz: Man lernt aus negativen Erlebnissen.

Lebensmittel

Endlich Feierabend, aber die Läden machen gleich dicht. Ich habe Lust auf Steak mit Salat. Rein in die Bio-Metzgerei. Gute Ware hat eben ihren Preis. Also entscheide ich mich bewusst dafür. Stimmt das? Laut Götz spielt hier vor allem die Werbung eine Rolle. Sie sagt: „Auch Werbung macht uns unfrei.“ Die signalisiert uns: Diese Produkte haben einen Wert. Sie stehen für gesunde, umweltbewusste Ernährung. Gerade liegen gluten- und laktosefreie Produkte im Trend. „Wissen erzeugt ein bestimmtes Kaufverhalten“, sagt die Expertin. Die vermeintliche Selbstbestimmung werde dadurch überprägt. „Fremdführung“ nennt die Wissenschaft dieses Phänomen.

Bildung & Beruf

Was meine berufliche Zukunft angeht, verzweifle ich wie Millionen andere junge Menschen an diesem Thema: Wofür soll man sich da entscheiden? Braucht der Mensch an dieser Stelle sogar Fremdbestimmung? „Ja“, sagen Götz und andere Wissenschaftler. Gesellschaftliche Ordnungen entlasten. „Man muss sich nicht um alles kümmern. Entscheidungen werden abgenommen.“ Das spiegelt sich vor allem in Ausbildung und Beruf wider. In der Schule geben Lehrer und Lehrplan den Takt vor. Selbstbestimmung steht hinten an. In der Berufswelt bestimmen Arbeitgeber die Marschrichtung. „Sie geben Menschen Orientierung“, erklärt Götz. „Der Chef befiehlt, der Angestellte führt aus.“ Eine positive Bindung für beide Seiten. Dort, wo ich aktuell beruflich stehe, bin ich also nicht gelandet, weil ich es rein selbst entschieden habe. Dort, wo ich in dreißig Jahren stehen werde, werde ich nicht ohne äußere Einflüsse hinkommen.

Partnerwahl

Herauszufinden, welche Menschen gut zusammen passen, ist eine Aufgabe, von der ein ganzer Industriezweig lebt. Und ich bin eine der treuesten Kundinnen. „Tinder“, „Lovoo“, „Parship“ und „Once“ – alles schon getestet. „Sie alle leben von psychologischem Halbwissen“, sagt Götz. Aber Hauptsache, man hat die Wahl. Oder? Die Kulturwissenschaft hat herausgefunden, dass sich Partner häufig in ihren Milieus finden. „Früher noch viel mehr als heute“, weiß Götz. Häufiges Schema vor 30 Jahren: Mann mit akademischer Ausbildung sucht jüngere Frau mit niedrigerer Qualifikation. Der Klassiker: Arzt und Krankenschwester. Doch die Gesellschaft hat sich gewandelt. Gerade in akademischen Milieus würden Mann und Frau heute Wert auf eine gleichwertige Ausbildung legen. Während in der Mitte des 20. Jahrhunderts der mitgebrachte Besitz in einer Partnerschaft von Bedeutung war, spielen laut Götz ökonomische Faktoren heute kaum noch eine Rolle. Trotzdem sei es nach wie vor wichtig, dass der Partner in dem bestimmten Milieu auch anerkannt wird.

Sport & Fitness

Ich habe eine Freundin mit der ich nur noch darüber rede, wann wir zuletzt Sport gemacht haben und wann wir wieder Sport machen werden. Wir reden mehr über unsere Figur als über Männer. Inzwischen wünsche ich mir, wir würden über weniger Oberflächliches reden. Aber wir kommen schwer davon weg. „Der Körperkult ist ein Leitwert unserer Gesellschaft“, sagt Götz. Die gesunde Lebensführung wird zum Zwang. Und der manifestiert sich in der unbegrenzten Auswahl an Fitness- und Gesundheits-Apps für Smartphones und Tablet-PCs. Blutdruck regulieren, Schrittgeschwindigkeit messen, Herzfrequenz überwachen. Eine immer populärer werdende Botschaft: Wer nicht fit ist, ist nichts Wert. Arbeitgeber beziehen immer öfter die Fitness eines Bewerbes in ihre Entscheidungen über die Vergabe eines Arbeitsplatzes ein. Laut Götz existiert gerade bei Jugendlichen ein klar definiertes Schönheitsideal. „Fernsehsendungen, in denen junge Mädchen als vermeintliche Topmodels unter die Lupe genommen werden, tragen ihren Teil dazu bei.“ Setzt sich der Trend weiter fort, entscheidet die Gesellschaft und nicht wir selbst, wie fit wir sein müssen.

Meinen 20-jährigen Bruder habe ich gefragt, was er über Freiheit denkt. Er sagte: „Freiheit, die gibt es nicht. Es wird alles beeinflusst und irgendwer sieht dir doch immer auf die Finger.“ Das ist traurig. Und irgendwie auch bezeichnend, dass jemand wie er in unserer westlich-demokratischen Gesellschaft so denkt. Inzwischen weiß ich, es geht auch anders. Bei all den äußeren Einflüssen muss die persönliche Freiheit von innen entstehen. Durch die eigenen Gedanken.

Ihnen sind keine Grenzen gesetzt.

Die Autorin weiß: "Frei-High" wird man nicht einfach so. Sie will deshalb in Zukunft noch mehr tanzen, reisen und positiver denken

Luca von Prittwitz, 22, Volontärin beim Weilheimer Tagblatt

Der Autor erinnerte sich an eine Vorlesung während seines Studiums. Sein Professor sagte damals: "Wir sind alle gesteuert"

Johannes Heininger, 27, Volontär bei der tz

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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