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Ammar Al-Hilal ist 17 Jahre alt und vor einem Jahr aus Syrien geflüchtet. Er besucht die 9. Klasse. Im Rahmen eines Schulpraktikums durfte er zwei Wochen in unserer München-Redaktion mitarbeiten.

Er geht in München zur Schule

Flüchtling Ammar (17) will über die Krisen der Welt berichten

München - Ammar Al-Hilal ist 17 Jahre alt und syrischer Kriegsflüchtling, jetzt will er Journalist werden – Im Merkur erzählt er seine Geschichte und sagt: "Jeder hat einen Traum".

Viel wird in diesen Tagen über Flüchtlinge debattiert. Integration, Kriminalität, Obergrenzen, Scheitern der Europäischen Union. Wichtige Fragen hängen an dem Strom von Menschen, der in Europa angekommen oder noch auf dem Weg dorthin ist. Ammar Al-Hilal ist einer von ihnen. Der 17-jährige Syrer flüchtete vor einem Jahr nach Deutschland, besucht mittlerweile ein Münchner Realschule und ist dort laut seiner Lehrerin einer der Fleißigsten. Ammar möchte Journalist werden und über die Krisen in der Welt berichten. Zwei Wochen arbeitete er als Praktikant der München-Redaktion unserer Zeitung mit und begleitete Redakteure auf Termine. In vielen Gesprächen erzählte er uns seine ganz persönliche Geschichte. Für unsere Leser hat er sie aufgeschrieben. Es ist eine Geschichte von den Träumen eines jungen Mannes, vom Verlust der Heimat, vom Start in ein neues Leben. Und es ist ein Plädoyer für Frieden zwischen den Kulturen.

Meine Familie

„Meine Name ist Ammar. Ich bin 17 und ich komme aus Syrien. Ich gehöre zur großen Familie Al-Hilal. Die Familie besteht aus rund 500 Mitgliedern. 200 davon leben bereits in Deutschland. Ich habe vier Schwestern. Sie sind 8, 12, 14 und 15 Jahre alt – und einen fünfjährigen Bruder. Meine Mutter ist Hausfrau. Mein Vater ist Anwalt, aber nach dem Krieg hat er als Bauer gearbeitet.

Mein Traumberuf

Jeder hat einen Traum, was er im Leben erreichen will. Wenn man ein Ziel hat, kann dir niemand im Weg stehen. In Syrien hatte ich viele Träume. Ich wollte Flugzeug-Ingenieur werden. Dann aber begann der Krieg, die Flughäfen wurden eine Quelle, aus der unser Land und unsere Häuser bombardiert wurden. Damit war mein Ziel gestorben. Ich wollte mit Flugzeugen nichts mehr zu tun haben. Was sollte mein neuer Traum sein? Ich war verwirrt.

Dann habe ich mich entschieden, Reporter zu werden. Weil ich der Welt erklären will, was in Syrien passiert. Obwohl ich das schwierig finde. Muss man zu jemand gehören? Sich auf eine Seite schlagen? An dem Beruf gefällt mir, dass man viel Neues und wichtige Persönlichkeiten kennenlernt. Man kann durch die Welt streifen, über Menschen, Tiere und verschiedene Kulturen berichten. Das Wichtigste aber ist: Man muss ehrlich sein. Wenn man über das Leid der Menschen in Syrien berichtet oder über die Krise in Griechenland, muss man genau schauen, durch wen diese Probleme entstehen.

Als der Krieg in Syrien begann, war ich zwölf Jahre alt. Ich besuchte die siebte Klasse. Eigentlich war das damals noch kein Krieg. Ich nenne es eine Revolution. In vielen Städten gingen die Menschen auf die Straße und demonstrierten für Freiheit und gegen Ungerechtigkeit. Es war wie ein Wunder. Mehr als 40 Jahre war das Volk still gewesen. Über Politik zu sprechen oder gar gegen Assad war undenkbar. Und konnte schlimme Folgen haben: Schon Assads Vater hatte ein hartes militärisches System aufgebaut.

Für seine Familie gab es alle Freiheiten, sie konnten alles machen. Vorteile hatten auch die Alawiten, denen Assads Familie angehörte. Der Rest des Volkes, vor allem die Sunniten, obwohl sie die Mehrheit des Volkes ausmachen, war schlechter gestellt und durfte nichts dagegen sagen.

30 Jahre war Assads Vater Präsident, ohne dazu gewählt worden zu sein. Er kam durch einen Militärputsch an die Macht. Wer gegen ihn war, kam ins Gefängnis.

Als er im Jahr 2000 starb, war sein Sohn Assad 34 oder 35 Jahre alt. Und eigentlich sah das Gesetz der Arabischen Republik Syrien vor, dass niemand unter 40 Jahren Präsident werden darf. Doch Assads Bande hat das Gesetz abgeschafft und er kam an die Macht. Baschar Assad hatte in Großbritannien Medizin studiert. Viele hofften, dass es unter ihm einfacher und besser wird. Aber das war nicht der Fall. Er setzte das System der Unterdrückung seines Vaters fort.

Meine erste Demo

Im März 2011 hatte das Volk genug und erhob sich. Ich sah das im Fernseher. Es war unglaublich, dass so etwas in Syrien passierte! Die Wände der Angst, die Assad errichtet hatte, bröckelten. Das Volk wurde mutig.

Die erste Demonstration, an der ich mich beteiligte, fand an einem Freitag statt. Ich war zwölf. Wir Muslime treffen uns jeden Freitag in der Moschee, so wie sich die Christen am Sonntag in der Kirche treffen.

Ich erinnere mich gut an diesen 22. April 2011. Mehr als 2000 Menschen kamen an jenem Tag in meine Stadt Deir ez-Zor im Südosten Syriens. Wir haben gerufen: „Hau ab, Assad! Seit 40 Jahren ist deine Familie an der Regierung, es reicht!“ Assads Polizei hat mit Stöcken auf die Demonstranten eingeschlagen. Wir wiederum haben Steine geworfen. Später hat Assads Polizei auch auf die Demonstranten geschossen und viele von ihnen umgebracht.

Meine Eltern haben mir verboten, zu demonstrieren. Aber ich habe nicht auf sie gehört. Nach der Schule bin ich mit Freunden auf die Straße gegangen. Obwohl ich damals noch so klein war und die Demonstrationen gefährlich waren. Ich konnte es einfach nicht lassen, meine Stimme gegen Assad zu erheben.

Etwa vier Monate nach Beginn der Revolution marschierte Assads Armee in unsere Stadt ein. Mit Panzern und Soldaten. Meine Familie und ich sind nach Al Rakka geflohen. Dort gab es keine Demonstrationen, nur wenige Leute waren gegen Assad. Ungefähr einen Monat blieben wir dort bei meinem Onkel. Dann sind wir nach Deir ez-Zor zurückgekehrt.

Unsere Stadt war nicht mehr dieselbe: Viele Häuser waren zerstört, viele Leute, die ich kannte, waren tot. Es war schrecklich. Aber es wurde Normalität. Ich ging wieder zur Schule. Überall in der Stadt hatte Assads Armee Checkpoints eingerichtet, um die Menschen zu beobachten. Gegenüber meiner Schule und auf Marktplätzen. Wir hatten Angst, weil wir nicht wussten, was passieren würde. Es war unmöglich, gegen Assad zu demonstrieren.

Eines Tages hörten wir, dass sich eine Gruppe formiert hatte: die Freie Syrische Armee. Ihre Aufgabe war es, unschuldige Menschen zu beschützen. Anfangs war das eine kleine Gruppe, nur ungefähr 150 Soldaten. Aber sie wuchs: Viele junge Leute, darunter Studenten, traten in die Freie Syrische Armee ein, um gegen Assad zu kämpfen. Das Ziel war, Assads Truppen aus der Stadt zu jagen. Am 5. Juni 2012 gab es eine große Schlacht. Alle Zivilisten verließen die Stadt. Meine Familie und ich flohen über Al Rakka nach Damaskus. Für mich war das auch deshalb wichtig, weil ich die neunte Klasse besuchen wollte, um später studieren zu können. Das wäre während des Kriegs in meiner Heimatstadt nicht möglich gewesen.

Etwa ein Jahr blieb ich in Damaskus. Es war eine schlechte Zeit. Man durfte nichts gegen Assad sagen. Es konnte passieren, dass Cousins ihre Cousins verraten und ins Gefängnis gebracht haben, wenn sie etwas gegen Assad gesagt haben. Die eigene Familie! Unglaublich! Zwischen Alawiten – das sind die Anhänger von Assad – und Sunniten – das bin ich – herrschte Rassismus.

2013 habe ich die neunte Klasse abgeschlossen. Meine Familie und ich sind in ein Dorf in der Nähe von Deir Ezzor gezogen. In meiner Heimatstadt wäre es zu gefährlich gewesen. Noch immer flog Assads Armee Luftangriffe. Mein Vater und ich arbeiteten als Bauern. Wir wollten ein Haus bauen. Das war im Juni 2014.

Der Islamische Staat

Dann kam die Terrorgruppe Islamischer Staat noch ins Spiel. Wir hörten, dass ISIS (steht für „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“, Anm. der Red.) in Richtung unseres Dorfes vorrückte. Drei Monate lang hat die Freie Syrische Armee gegen ISIS gekämpft – und verloren. Zwischen 15. und 25. Juni 2014 hat ISIS mein Dorf eingenommen. Frauen mussten plötzlich Burka tragen. Ich sollte meine Haare und meinen Bart wachsen lassen. Sie wollten, dass ich ihr Soldat werde. Wir hatten Angst vor ISIS. Aber einige Freunde von mir sind dem Islamischen Staat beigetreten.

Die ISIS-Leute haben vorgegeben, nett zu sein. Sie haben den Leuten Geld bezahlt. So konnten sie arme Leute auf ihre Seite ziehen. Die meisten ISIS-Leute sind Ausländer: Iraker, Tschetschenen, Tunesier und Deutsche, die zum Islam konvertiert sind. Wer kein Sklave von ISIS werden wollte, musste die Stadt verlassen. Der Islamische Staat hat auch versucht, mein Gehirn zu waschen. Sie haben gesagt: „Ammar, warum kommst du nicht zu uns? Sogar Deutsche kämpfen auf unserer Seite, und du sitzt zuhause!“ Ich habe gesagt, ich will nicht. Daraufhin haben sie mich ausgelacht. Ich sei kein mutiger Mann.

ISIS ist sehr schlimm, aber Assad bleibt für mich der schlimmste Terrorist. Nur wegen ihm ist ISIS überhaupt zu uns gekommen. So viele Menschen mussten flüchten, so viele wurden getötet, unser Land zerstört.

Meine Flucht

In der Nacht auf den 14. August 2014 habe ich mit meiner Mutter, meinen Geschwistern und meinem Cousin meine Stadt verlassen. Meine Freunde, meinen Vater, meine Wohnung. Alles. Meine Eltern wollten das. Sie hatten Angst, ISIS könnte mich auf seine Seite ziehen. Mein Vater wollte zuerst unser Haus fertigbauen und später nachkommen. Er hat geglaubt, dass es in Syrien eine Zukunft gibt. Mein Onkel allerdings war der Meinung, ich solle nach Deutschland gehen. Dort hätte ich eine bessere Zukunft und könnte studieren. Mein Onkel ist reich, er arbeitet in den Emiraten. Er sagte mir, dass er mir Geld für die Flucht schicken wird.

Mit dem Bus sind wir um vier Uhr morgens Richtung Türkei aufgebrochen. Durch Aleppo und an Kontrollpunkten des ISIS vorbei. Um ein Uhr des darauffolgenden Tages sind wir an der türkischen Grenze angekommen. Wir sind dann etwa 200 Meter durch Niemandsland gelaufen, dann kam ein Bus und brachte uns nach Gaziantep in der Türkei.

In Gaziantep habe ich meine Familie zurückgelassen. Für uns alle wäre die Flucht nach Deutschland zu teuer gewesen – allein für mich mussten wir 4000 Euro bezahlen. Meine Familie ist in ein türkisches Flüchtlingslager weitergereist. Ich habe gesagt: „Passt auf euch auf!“ Meine Mutter und ich haben geweint.

Mit meinem Cousin bin ich etwa 16 Stunden nach Istanbul gefahren. Dort trafen wir Verwandte und blieben drei Tage. Mein Cousin lernte einen sogenannten Trafficker – einen Schlepper – kennen. Jeder von uns, wir waren zu acht, zahlte ihm 2400 Euro. Dafür versprach er, jemanden zu schicken, der uns nach Griechenland bringt.

Von Izmir aus sind wir dann mit dem Schiff und etwa 35 weiteren Flüchtlingen nach Griechenland gefahren. Fast 17 Stunden dauerte es, dann kamen wir auf Rhodos an. Zwei Tage danach ging es mit einem großen Schiff nach Athen.Von dort fuhren wir nach zwei Tagen weiter nach Thessaloniki. Dort warteten wir elf Tage auf einen Mann, der uns zur Grenze zu Mazedonien brachte. Dort haben wir zwei mal versucht nach Mazedonien zu kommen, aber leider nicht erfolgreich. Die Polizei hat uns jedes Mal erwischt und zurückgeschickt. Beim dritten Mal – und nach 23 Tagen, die wir unter anderem im Wald mit Kälte, nasser Kleidung und mit vielen Fußmärschen verbracht haben, haben wir es geschafft und ein Auto hat uns an die Grenzen zu Serbien gebracht.

Zwei Tage waren wir in Serbien, von wo es weiterging nach Ungarn. Dort hat uns die Polizei einen Tag ins Gefängnis gesperrt. Es gab wenig zu essen und es fühlte sich an wie bei Assad. Doch wir kamen wieder frei. Über Budapest ging es mit dem Auto nach Deutschland. Der Fahrer, der uns mitgenommen hat, hat dafür 450 Euro kassiert. Am 1. Oktober 2014 bin ich in Deutschland, in München, angekommen. Jetzt beginnt ein neues Leben!

Mein neues Leben

Zwei Monate war ich in der Bayernkaserne. Danach zog ich in ein Heim mit anderen jugendlichen Asylbewerbern. Ich machte mir große Sorgen wegen meiner Familie, wusste nicht, wie es ihnen geht. Mittlerweile haben es alle nach Deutschland geschafft. Das ist eine große Erleichterung.

Am Anfang war ich sehr schüchtern. Alles war neu für mich, die Sprache, das Sprechen. Ich dachte mir, dass es unmöglich für mich ist, Deutsch zu lernen. Doch dann habe ich mich zusammengerissen und begann zu lernen an der Schule. Mit der Zeit wurde ich mutiger, traute mich mehr zu sprechen. Dadurch habe ich auch viele Leute kennen gelernt. Auch viele Schüler. Obwohl manche am Anfang doof und arrogant waren. Mittlerweile besuche ich die neunte Klasse Realschule.

Seit mehr als einem Jahr bin ich in Deutschland und weiß nun auch, wie die Menschen in Deutschland leben und wie sie denken. Es ist eine gute Lebensart.

Die Deutschen wollen ihr Land weiterbringen mit ihrer Arbeit. Sie möchten Dinge verändern. Deutschland hat nicht so viel Bodenschätze wie Öl oder Gas – und es hat nicht jeder Land, wo er Gemüse und Obst anbauen kann. Trotzdem haben sie nach den zwei Weltkriegen, in denen fast das ganze Land zerstört wurde, ein tolles Land aufgebaut.

In Deutschland spielt es keine Rolle, ob man arm oder reich ist, weiß oder schwarz, Araber oder Deutscher , sondern es ist wichtig , was du im Kopf hast, dass du ein Ziel hast, das du erreichen willst! Ich will Journalist werden.

Mein größter Wunsch

Ich wünsche mir, dass Präsident Assad Syrien verlässt, dass die Revolution gewinnt und der Krieg in meinem Heimatland aufhört.“

Ammar Al-Hilal wurde beim Aufschreiben dieser Geschichte unterstützt von Bettina Stuhlweißenburg, Doris Richter und Janina Ventker aus der München-Redaktion. Sie erscheint mit freundlicher Genehmigung des Münchner Stadtjugendamts, das den Betreuer für den noch minderjährigen Ammar stellt

Janina Ventker

Janina Ventker

E-Mail:janina.ventker@merkur.de

Doris Richter

Doris Richter

E-Mail:doris.richter@merkur.de

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