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Unbekannte Akten zum Olympia-Attentat

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Von: Ulrich Lobinger

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Ein bisher noch nie veröffentlichtes Foto: Polizeibeamte stellen Tage nach der Tat, wie die Terroristen in das Olympiadorf eindrangen. © Repro: Bodmer

Jahrzehntelang schlummerten tausende Akten zum Olympia-Attentat 1972 in einer Abstellkammer des Polizeipräsidiums München und weiteren Behörden. Auf Bitten Israels wurde das Material jetzt aufbereitet und offengelegt. Für den historischen Schatz, der im Staatsarchiv München liegt, interessiert sich bislang aber niemand.

Zwei Kriminalbeamte im Anzug stehen an einem Zaun zum Olympiadorf. Einer von ihnen steigt mit dem Fuß auf die Klinke. Die Ermittler stellen nach, wie sich acht bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ wenige Tage zuvor Zutritt zum Dorf verschafft hatten, um die Mitglieder der israelischen Mannschaft in ihre Gewalt zu bringen. Der Sprung der Terroristen über den Zaun war Auftakt eines markerschütternden Terrorakts und das Ende der „heiteren Spiele“ in München. 

Insgesamt sterben im Olympiadorf und am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck elf Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen. Das Bild der beiden Polizisten am Zaun ist noch nie veröffentlicht worden, es lag jahrzehntelang im Archiv des Polizeipräsidiums München, genauso wie tausende weitere Fotos, Einsatzberichte und Protokolle zum Attentat 1972. 

Bei seinem Besuch in Israel im Jahr 2012, 40 Jahre nach dem Terrorakt, gab Ministerpräsident Horst Seehofer dem Drängen der Gastgeber nach und versprach eine weitgehende Offenlegung staatlicher Akten. Zurück in München rief er eine Arbeitsgruppe ins Leben, die alle Akten der Polizei- und Verwaltungsbehörden zu den Ereignissen von 1972 feststellen und zur Abgabe an die zuständigen staatlichen Archive vorbereiten sollte. 

Die Nachforschungen der Arbeitsgruppe ergaben, dass bei Bayerns Polizeidienststellen und weiteren Behörden noch große Aktenbestände und Einzeldokumente lagen. Die größte Zahl an relevanten Dokumenten befand sich in den Registraturen des Polizeipräsidiums München und im Bayerischen Landeskriminalamt. Insgesamt erhielt das Staatsarchiv im Jahr 2013 325 Aktenordner zu den Olympischen Spielen, darunter 50 Ordner und Mappen zum Attentat selbst. Hinzu kamen kleinere Bestände aus den Archiven des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, von Landratsämtern, kleineren Polizeiinspektionen sowie dem Landesamt für Verfassungsschutz und dem Innenministerium.

Christoph Bachmann, Leiter des Staatsarchivs, begann Anfang 2014 mit der archivischen Ordnung des Materials. Eigentlich hat der promovierte Historiker wegen der mannigfaltigen Verwaltungsaufgaben kaum noch die Möglichkeit, selbst archivisch tätig zu sein. In diesem Fall nahm er sich die Zeit, denn die Dokumente „sind schon ein Schmankerl“, sagt er. Ein Jahr lang benötigte Bachmann für die Sichtung und Aufbereitung. Seit Anfang 2015 stehen die Unterlagen für Wissenschaftler, aber auch für Betroffene oder deren Nachkommen zur Einsicht zur Verfügung. Bislang habe aber niemand um Einsicht gebeten, erzählt Bachmann, auch nicht israelische Regierungsbehörden, „was mich schon etwas verwundert“. Aus Sicht des Archiv-Leiters ist das Material ein zeitgeschichtlicher Schatz, den zu heben sich lohnen würde. 

Bachmann ist davon überzeugt, dass die Sichtung der Polizeiprotokolle, Einsatztagebücher und des Schriftverkehrs zwischen den Ermittlungsbehörden neue Erkenntnisse rund um das Attentat zu Tage fördern würde. „Da steckt viel drin. Einige historische Sachverhalte müssten sicher korrigiert werden“, so der Chef des Staatsarchivs. Historiker konnten zwar immer schon Einsicht nehmen in Akten zum Attentat, allerdings waren diese ungeordnet und lagen verstreut in Archiven diverser Behörden. Viele Unterlagen, da ist sich Bachmann sicher, habe seit 40 Jahren niemand in der Hand gehabt. 

Die zahllosen Dokumentationen und Filme über den Angriff der Terrorgruppe stützten sich hauptsächlich auf Erinnerungen von Beteiligten. Doch Erinnerungen verblassen und sind subjektiv. Anhand der Polizeiprotokolle und Tagebücher ließe sich dagegen minutiös nachvollziehen, was sich am 5. September im Olympiadorf und tags darauf am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck abgespielt hat. Die Akten enthalten zudem hunderte Fotos, die der Weltöffentlichkeit bislang unbekannt sind, etwa Luftbilder des Fliegerhorstes nach der missglückten Befreiungsaktion oder grausige Fotos von der Obduktion der Leichen.

Derzeit wartet man beim Staatsarchiv noch auf Unterlagen zum Attentat, die als geheim oder Verschlusssache eingestuft sind, um die Sammlung zu komplettieren. „Es handelt sich ungefähr um einen halben Ordner. Besonderes wird da aber nicht drinstehen“, hat Archivar Bachmann schon vorab erfahren. Er sieht zwar großes Potenzial im gesammelten Olympia-Material, „für Verschwörungstheorien taugt es aber nicht“.

Vermutlich werden die Archivalien die nächsten sieben Jahre weitgehend ungesehen im Staatsarchiv schlummern, ehe sich 2022 die Spiele das 50. Mal jähren. „Es wird zum Jahrestag sicher unzählige Anfragen geben“, vermutet Bachmann. Spätestens dann wird sich herausstellen, ob tatsächlich ein Teil der Geschichte des Olympia-Attentats neu geschrieben werden muss.

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