+
Die Chemie stimmt: Peter Z. (75) und Sabine Zenglein (53), die den Rentner einmal in der Woche besucht.

Verein bietet Unterstützung

Neues Netzwerk in München: Wenn „Dein Nachbar“ hilft

München - Der Verein „Dein Nachbar“ baut ein effizientes und kostengünstiges soziales Unterstützungsnetzwerk mit ehrenamtlichen Helfern auf. Zunächst nur für München. Später soll das Projekt bundesweit laufen.

Vereins-Chef Thomas Oeben setzt aufs Ehrenamt.

Ein schöner Tag: Die Sonne scheint, der Himmel leuchtet blau. Perfekt für einen Spaziergang, einen Einkaufsbummel, einen Abstecher ins Eiscafé. Für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch nicht für Peter Z. Mehrfacherkrankungen machen dem 75-jährigen das Leben schwer. Er wohnt im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses in Laim. Einen Aufzug gibt es nicht. „Ich komme zwar runter, aber nicht allein rauf“, sagt er.

Wie eine unsichtbare, unüberwindbare Mauer liegt das Treppenhaus zwischen ihm und dem Leben, das sich draußen abspielt. Zwar kümmern sich seine Kinder um ihn. Aber sie haben nicht immer Zeit und deshalb Kontakt zum Verein „Dein Nachbar“ an der Agnes-Bernauer-Straße 90 aufgenommen. Seitdem betreuen zwei ehrenamtliche Helferinnen den Senior, leisten Gesellschaft, begleiten ihn zum Arzt.

Einmal pro Woche besucht Sabine Zenglein Peter Z. Eine Stunde lang sitzen die beiden dann zusammen und unterhalten sich. Über Gott und die Welt, über Politik, über Literatur. Dem gebürtigen Österreicher bedeutet das viel. „Man hat Ansprache. Und verlernt das Reden nicht“, sagt er.

Seit Juli 2015 gibt es den Verein. Er unterstützt vor allem ältere Menschen und entlastet pflegende Angehörige, aber auch andere Hilfsbedürftige – unabhängig von ihrer Herkunft und Religion. „Inzwischen haben wir 140 Ehrenamtliche, die wir vermitteln können“, berichtet der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Thomas Oeben. „Unsere älteste Helferin ist 86.“ Die Bereitschaft zu helfen sei groß, sagt er. Die Nachfrage nach Hilfe auch. Tendenz steigend.

Die Folgen des demografischen Wandels werden immer spürbarer. „Daraus resultieren personelle und finanzielle Engpässe“, erklärt Oeben. Bis 2030 werde die Zahl hilfsbedürftiger Senioren in Deutschland um 37 Prozent steigen, die der potentiellen Helfer aus der Generation 50 bis 65 Jahre um 34 Prozent sinken. Eine ungute Entwicklung. „Die häusliche Versorgung ist gefährdet“, sagt Oeben. Deshalb sei die Idee entstanden, den Verein zu gründen. „Denn wer soll das stemmen, wenn nicht die Gesellschaft.“

Ziel ist ein Netzwerk aus Helfern, die vor allem aus der Generation der über 65-Jährigen kommen. „Sie sollen sich unter fachmännischer Leitung gegenseitig unterstützen und Angehörige entlasten“, so Oeben. Ein genossenschaftliches Prinzip. Der Logistik-Experte Oeben hat jahrelang europaweite Netzwerke aufgebaut. „Ich weiß, dass ich mit logistischen Ansätzen in Kombination mit dem Know-how unserer Pflegefachkräfte das Versorgungsproblem lösen kann.“

Oeben sieht München als Pilotprojekt. Auf den regionalen Start soll 2017 der bundesweite Aufbau eines flächendeckenden Netzwerks folgen. Geplant ist dann auch die Kooperation mit anderen Vereinen und Institutionen. Ein weiter Weg: „Wir brauchen Unterstützung, auch finanzielle“, sagt Oeben.

Die Möglichkeiten, sich im Verein zu engagieren, sind vielfältig. Die Helfer entscheiden, welche Form der Unterstützung sie leisten wollen. Im Aufnahmegespräch wird dies abgeklärt. Zudem muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden. Diejenigen, die Pflegebedürftige betreuen möchten, bereitet der Verein in Schulungen auf die Aufgabe vor.

Auch Menschen, die nicht pflegebedürftig sind, kommen oft nicht mehr allein zurecht, wenn sie alt werden. Manche schaffen es nicht mehr, den Einkauf zu erledigen. Andere brauchen Unterstützung im Haushalt oder bei der Bedienung ihres PCs. Sind mit der Büroarbeit überfordert. Oder vermissen einfach einen Menschen, der mit ihnen plaudert. So wie Peter Z. Als sich Sabine Zenglein zu ihm setzt, fischt er einen Brief der Krankenkasse heraus. „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll“, sagt er ratlos. Die 53-Jährige kann ihn beruhigen. „Das ist nichts Wichtiges, das kannst du abheften.“

Vor kurzem noch konnte der Laimer ohne Rollator fast keinen Schritt tun. Inzwischen geht es ohne. Ebenfalls ein Verdienst des Vereins. „Wir haben Physiotherapie-Hausbesuche organisiert“, erzählt Zenglein. An der Wand neben Peter Z. hängt das Foto eines Buben mit blonder Haarlocke über der Stirn. „Das bin ich, in der Nähe von Wien.“ Seit 50 Jahren wohnt er in München, arbeitete hier als Systemanalytiker. Z. liebt Hunde, hatte immer eigene Tiere. „Leider ging das irgendwann nicht mehr“, bedauert er. Die stundenlangen Ausflüge zur Hundewiese sind Geschichte.

Peter Z. hat fast die ganze Welt bereist, zusammen mit seiner Frau, die vor acht Jahren gestorben ist. Z. interessiert sich für vieles, hat viel zu erzählen. Darum ist die Zeit mit Sabine Zenglein für ihn so wertvoll: „Plattheiten gibt es bei uns nicht“, sagt er. Mittlerweile duzen die beiden sich. „Zwischen uns hat die Chemie von Anfang an gestimmt“, sagt sie lächelnd.

Die ehrenamtlichen Helfer erhalten für ihr Engagement entweder eine Aufwandsentschädigung oder Punkte. In letzterem Fall wird das Geld auf ein Treuhandkonto eingezahlt. Es kann später für die eigene Betreuung abgerufen werden. Für Zenglein steht aber etwas anderes im Mittelpunkt. „Von den Menschen kommt so viel Dankbarkeit zurück.“ Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sei unbezahlbar. Eine Form des Glücks. Als die Helferin zu ihrem Auto geht, dreht sie sich um und sieht nach oben. Peter Z. steht oben auf seinem Balkon. Sie winken sich zu: „Bis zum nächsten Mal.“

Mehr Informationen über den Verein und die nächste Schulung im Mai gibt es im Internet auf www.deinnachbar.de. 

Brigitta Wenninger

Auch interessant

<center>Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l</center>

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l

Wiesn Editionskrug Nr.1 "Gronemeyer-Schilz" 0,5l
<center>Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l</center>

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l

Höfer1 - Pinot Sekt brut 0,75 l
<center>Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen

Schokoladen-Set "Alles Liebe" zum Selbermachen
<center>Schokoladen-Set zum Selbermachen</center>

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Schokoladen-Set zum Selbermachen

Meistgelesene Artikel

Eine Kleinanzeige für einen bescheidenen Weihnachtswunsch

Eine Kleinanzeige, oft sind das nur zwei knappe Zeilen. Doch hinter ihnen verbirgt sich so manch eine Geschichte. Zum Beispiel die von Margot Montag und ihrem einzigen …
Eine Kleinanzeige für einen bescheidenen Weihnachtswunsch

Reiter: „Wir müssen bauen – trotz Bürgerprotesten“

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) muss nach dem Interview gleich weiter nach Riem, zur Grundsteinlegung der zwei neuen Messehallen. München boomt, man merkt’s. Der …
Reiter: „Wir müssen bauen – trotz Bürgerprotesten“

Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

München - 260.000 Münchner sind arm oder von Armut bedroht - und das in einer Großstadt, die alles andere als günstig ist. Nun hat die Stadt eine Broschüre mit …
Kleiner Geldbeutel? Hier können Sie in München sparen

Stammstrecke: Personen im Gleis sorgten für Verspätungen

München - Am Samstagmorgen gab es Probleme auf der Stammstrecke, weil sich zwischen Leuchtenbergring und Trudering sowie bei Daglfing Personen im Gleis aufhielten.
Stammstrecke: Personen im Gleis sorgten für Verspätungen

Kommentare