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Eine Notruf-Schicht mit Manuel: "Ich habe meinen Kumpel überfahren"

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„Rettungsdienst München“: Manuel Pfänder koordiniert von seinem Cockpit aus einen eingehenden Notfalleinsatz. © Schlaf Marcus

München - Wenn Manuel Pfänder telefoniert, geht es oft um Leben und Tod. Pfänder nimmt in der Leitstelle der Berufsfeuerwehr Notrufe entgegen. Aber nicht nur die Schicksale machen ihm zu schaffen, sondern auch Notfälle, die gar keine sind. Notizen einer Notruf-Schicht.

Update 20.08.: Mehrere Rettungssanitäter haben unsere Onlineredaktion kontaktiert und von ihrem schwierigen Job erzählt. Ihre Berichte lesen Sie hier - und erfahren auch, wie Sie Ihre Geschichte an uns senden können.

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10 Uhr. Alle reden, Telefone klingeln im Akkord. Immer verschiedene, ohne Pause. Manuel Pfänder setzt sich an seinen Arbeitsplatz und drückt seinen dunkelblauen Pullover in den großen Ledersessel. Drei Stunden hat er vor sich, länger arbeitet hier keiner am Stück. Er setzt das Headset auf und überprüft seine fünf Bildschirme. Manuel Pfänder hat Schicht in der Leitstelle der Münchner Berufsfeuerwehr und nimmt Notrufe entgegen. Die weinrote Konsole vor ihm ist übersät mit Knöpfen, Schaltern, Telefonen. Um ihn herum Kollegen und noch mehr Bildschirme und Telefone. Auf Pfänders Touchscreen leuchtet es rot. Ein Notruf geht ein. Manuel Pfänder drückt drauf.

„Rettungsdienst München“

„Hallo, Gudrun Melzer hier. Ich rufe aus der Clemensstraße 12 an. Unser Hausmeister hat sich verletzt.“ (*)

„Was ist denn passiert?“

„Er hat sich mit der Kreissäge in die Hand geschnitten.“ 

Pfänder kneift seine Augen zusammen, schaut kurzzeitig vom Bildschirm weg. Seine Finger greifen das Kabel seines Headsets fester.

„Wie stark ist die Verletzung?“

„Sehr stark. Ich habe versucht, einen Druckverband zu machen, mit dem was ich hier hatte.“ 

„Wie sieht die Blutung denn aus?“  

„Es spritzt.“

„Ist der Mann neben Ihnen?“  

„Nein, er ist unten.“

„Ist er ansprechbar?“ 

„Ja.“

„Okay, gehen Sie wieder runter. Wir schicken sofort jemand los.“ 

Während des Telefonats schaut Pfänder immer wieder auf den Boden. Er sucht einen Fixpunkt. In seinem Kopf bauen sich Bilder auf. Von den Anrufern, von den Verletzten, von der Umgebung. Es hilft ihm, die Lage zu beurteilen. Der zweite Monitor von links zeigt die verfügbaren Einsatzfahrzeuge. Jedes ist farbig markiert, je nach Status. Stufe eins ist Grün. Grün heißt „einsatzbereit“. Bei zwei ist das Team ausrückfertig. Drei heißt „auf dem Weg zum Einsatz“. Vier bedeutet „vor Ort“. Vier ist Rot. Am Vormittag ist der Bildschirm fast nur rot. Die Rettungsmannschaften fahren am Limit. Pfänder leitet seine Notfälle weiter zum Disponenten. Der sitzt ein paar Meter weiter. Er wirkt ruhig, verteilt die Einsätze auf die Rettungswagen. Um 11.30 Uhr stehen in der Liste noch 35 Notfälle. Der Bildschirm ist rot, die Telefone klingeln. Besonders schlimm war es beim Sturm „Niklas“. 17 000 Anrufe in 48 Stunden. Alle zehn Sekunden einer. Bei Manuel Pfänder leuchtet es schon wieder rot.

„Rettungsdienst München.“

Es raschelt am Hörer, mehrmals, kurz. Mehr nicht. Pfänder schnauft einmal, haut mit dem Finger auf das Touchscreen und trennt die Verbindung. „Bösw“ tippt er in die Eingabemaske. Der Computer füllt aus: „böswillig“. So werden Anrufe dokumentiert, die keine Notrufe sind. Hosentelefon nennt man das, wenn das Handy selber wählt. Pfänder bekommt heute einige Hosentelefonate. Mehrere hintereinander. Andere wollen eigentlich mit der Polizei sprechen. Wieder andere wissen gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Ein Anrufer hat sich ausgesperrt. Der Herd ist aus, niemand eingesperrt. Pfänder verweist an den Schlüsseldienst. Wieder leuchtet es rot.

„Rettungsdienst München.“

Ein kurzes, schweres Atmen dringt an Pfänders Ohr. Dann nuschelt ein älterer Mann in den Hörer.

„Ich glaube, ich tue mir was an.“

Pfänder dreht an einem kleinen Regler die Lautstärke hoch. Viel nützt es nicht. Er beugt sich vor, als käme er so dem Anrufer näher.

„Wo wohnen Sie denn?“

„Johannisplatz. 14.“ (*) 

„Ihr Name?“

„Schirmer.“

„Was haben Sie vor?“

„Ich weiß nicht. Tabletten.“

„Was für Tabletten?“

„Depressionen. Die aus der Klinik.“

Pfänder tippt Tablettenvergiftung ein und leitet den Einsatz zum Disponenten.

„Wir schicken Ihnen jemanden. Machen Sie dann auf?“

„Ja.“

Pfänder redet nicht weiter, sondern legt auf. Er hätte auch Suizidversuch eingeben können. Aber er hat Erfahrung. Er glaubt nicht, dass der Mann sich umbringt. Seit zwölf Jahren ist er Rettungssanitäter, seit drei Jahren bei der Leitstelle. Pfänder ist groß und sportlich. Eine gute Statur für Einsätze. Die fährt er nur noch in seinem Heimatdorf, nicht in München. Heute ist es seine Aufgabe, wichtige von unwichtigen Anrufen zu trennen, damit die Retter nicht umsonst ausrücken.

Es geht auf Mittag zu. Der rote Button leuchtet jetzt pausenlos. Eine Frau beschwert sich über einen Kampfhund im Park. Sie ist hektisch, schreit und schimpft. Pfänder versucht zu beruhigen. Vergebens. Man müsse doch was machen, brüllt die Frau. Es sei schließlich ein aggressiver Kampfhund. Verletzt ist niemand. Als sie merkt, dass sie nicht bei der Polizei angerufen hat, wird die Frau ruhig – und legt schnell auf. Dann wieder viele Hosentelefone. Eine Frau beschwert sich über Bettler. Weil die Hunde hätten. Das ginge ja nicht. Einmal habe ein Mann behauptet, er werde von Ameisen verfolgt, erzählt Pfänder. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“. Manuel Pfänder lächelt.

Manche Abrufer wissen, was sie sagen müssen, damit doch ein Rettungswagen kommt und nicht der Hausarzt. Andere sind Stammanrufer, melden sich mehrmals am Tag. Kopfschmerzen, Bauchschmerzen. Sie bräuchten einen Notarzt, sagen sie. Wenn niemand kommt, rufen sie wieder an. Dann werden sie ausfallend. Pfänder sitzt vor seinen Monitoren, mehr kann er nicht machen. Anruf annehmen, sich „Arschloch“ nennen lassen, abhaken. Die meisten rufen per Handy an, nur bei manchen Festnetznummern sieht er den Namen. Markus Pfänder will helfen, aber was er tun kann, hält sich in Grenzen. Die Verantwortung nach dem Telefonat sofort zu übergeben, das sei ein komisches Gefühl, sagt er. Als Sanitäter konnte er vor Ort jeden Handgriff übernehmen. Am Telefon kann er niemanden beatmen, niemanden wiederbeleben. Der Anrufer muss reanimieren. Die meisten sind hektisch, wissen nicht, was zu tun ist. Pfänder steuert dann die Situation über das Telefon.

„Rettungsdienst München“, das sagt er stets mit lauter Stimme. Dominant, fast erdrückend. „Man muss immer die Gesprächsführung übernehmen“, sagt Pfänder. Dann kann man die Leute beruhigen, die Hysterie beenden, vernünftig Fragen stellen, Anweisungen geben.

Einmal bekam ein Kollege einen Anruf. Im Hintergrund eine schreiende Frau. Ihr Mann erklärt panisch, ihr kleines Kind atme kaum noch, habe vielleicht etwas verschluckt. Der Kollege beruhigt den Vater, so gut es geht. Erklärt, was zu tun ist. Er müsse das Kind mit dem Bauch auf seinen linken Unterarm legen, die Beine links und rechts am Arm herunter. Das Kinn mit der linken Hand stützen und dann mit der rechten zwischen die Schulterblätter klopfen. Durch das Telefon hört man, wie das Kind würgt. Das blaue Gesicht kann man förmlich vor sich sehen. Noch ein Würgen. Dann fliegt eine kleine Murmel aus dem Mund. Das Kind atmet wieder. Nicht alle Geschichten gehen so glimpflich aus.

„Rettungsdienst München.“

„Ich habe meinen Kumpel überfahren.“

„Was ist passiert?“

„Da war ein komisches Geräusch.“

„Was ist passiert?“

„Mein Kumpel. Ich habe ihn überfahren. Überfahren halt!“

„Wo sind Sie denn?“

„Am Auto. Da war ein komisches Geräusch. Ich . . . (Stille). Mein Kumpel, der ist ausgestiegen.“

„Wo ist er jetzt? Wo sind Sie? Ich brauche einen Straßennamen.“

„Unter dem Auto.“

„Hören sie mir jetzt zu! Sie müssen mir sagen, wo Sie sind. Sonst können Sie Ihrem Freund nicht mehr helfen, hören Sie?“ (**)

Manuel Pfänder erinnert sich noch genau an diesen Notruf. Der Anrufer war panisch, stand wegen des Schocks völlig neben sich. Die Informationen, die der Rettungsdienst dringend benötigte, kamen erst spät. Der Freund starb noch am Unfallort. Das Gewicht des Wagens erstickte ihn. Das Opfer hatte den Motor überprüft, als sein Kumpel auf dem Fahrersitz mit laufendem Motor von der Kupplung ging.

Jeder in der Leitstelle hat seine eigenen Schreckensszenarien. Hysterische Mütter, Reanimationen via Telefon. Tote Kinder sind mit das Schlimmste. Manche von Pfänders Kollegen haben ein Burnout, andere lassen sich versetzen. Alles kann vorkommen, alles kommt vor. Das meiste verblasst. Herzinfarkte, Bewusstlosigkeit, Stürze. Sie verlieren sich, spätestens nach den nächsten hundert Anrufen. Zu viele Straßennamen, zu viele Menschen. Zu vergessen, sei auch besser, sagt Pfänder. „So viel kann niemand verarbeiten.“

Es ist 12.55 Uhr. Manuel Pfänders Schicht endet. Der letzte Anruf. Kein Notfall. Wieder nur eine Hose.

(*) Alle Namen und Adressen der Anrufer geändert.. (**) Gespräch nacherzählt

Die Integrierte Leitstelle der Berufsfeuerwehr

Die Berufsfeuerwehr München beschäftigt in ihrer „Integrierten Leitstelle“ an der Heimeranstraße 224 Mitarbeiter. Pro Schicht nehmen um die zehn Mitarbeiter parallel Anrufe entgegen und leiten die Notfälle an die Einsatzkräfte in München und im Umland weiter. Die Leitstelle München koordiniert zudem bayernweit alle Rettungshubschrauber. 2014 sind in der Leitstelle mehr als 925.000 Anrufe (etwa 2530 pro Tag) eingegangen. Im vergangenen Jahr hat die Feuerwehr in München 4400 Brand- und 53 000 Rettungseinsätze gefahren. Dazu kamen rund 18 000 technische Hilfeleistungen. 

Mathias Tertilt

Serie: So belastet ist unsere Feuerwehr

Wenn Sie mehr über den Alltag im Blaulicht-Sektor erfahren wollen, sollten Sie auch unsere Feuerwehr-Serie lesen. Hier berichten uns Retter, mit was sie tagtäglich zu kämpfen haben. 

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