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Helmut Zenger (oben) auf der Brücke nahe der Unfallstelle. 1953 war er in die Isar eingebrochen.

Drama am Kabelsteg

Nach 63 Jahren: Rückkehr an den Ort der Rettung

München - Vor 63 Jahren ist Helmut Zenger in die Isar eingebrochen. Damals retteten zwei Polizeibeamte dem Buben das Leben. Jetzt ist ein Film aufgetaucht, in dem die Rettung nachgestellt wurde. Der heute 75-Jährige sah ihn gestern zum ersten Mal.

Im Film, aus dem die Szenefotos stammen, hatte der Bub einen Schlitten dabei.

Mit verschränkten Armen, den Blick starr auf den Bildschirm, sitzt Helmut Zenger am Montag auf seinem Stuhl im Polizeipräsidium. „Das war für mich jetzt schon sehr emotional“, sagt der 75-Jährige. Zum ersten Mal hat er den Film gesehen, in dem seine eigene, dramatische Lebensrettung nachgestellt wurde. Das war im Februar vor 63 Jahren. „Aber das Ganze ist so lange her, und ich habe oft darüber geredet. Inzwischen habe ich es verarbeitet.“

Bei ihren Recherchen für die im November 2015 erschienene „Chronik der Münchner Polizei“ stießen Polizisten auf die „dramatischste Lebensrettung in der Geschichte der Münchner Funkstreife“. Zudem fanden sie einen Film, der 15 Jahre später über die Rettung gedreht worden ist. Die Polizisten versuchten, die Beteiligten ausfindig zu machen. Sie fanden Helmut Zenger und einen der damals an der Rettung beteiligten Polizisten. Der 89-jährige Erich Hieb lebt mittlerweile in einem Seniorenheim. Der zweite Lebensretter ist bereits gestorben. Der wiederentdeckte Film, den Helmut Zenger sich gestern erstmals ansah, war Teil einer Dokumentarserie. Der etwa zehnminütige Streifen wurde Ende der 60er-Jahre offenbar an zahlreichen Schulen gezeigt.

Tatsächlich war der Bub zu Fuß aufs Eis gegangen.

Rückblick: Faschingssonntag 1953. „Helmut Zenger, ein munterer, blankäugiger Bub aus der Adelgundenstraße, war in seinem Cowboyg’wand mit seinem Spezi Hansi, der etwas älter ist, beim Faschingszug gewesen“, berichtet der Münchner Merkur am 17. Februar 1953. Gegen 17.30 Uhr beschließen Hansi, Helmut und ein dritter Freund, noch an die Isar zu gehen. Unterhalb des Kabelstegs an der Praterinsel wagen sich die Buben zu weit vom Ufer weg auf die leicht verschneite Eisdecke. „Ich war der Kleinste und Leichteste und musste vorausgehen“, erinnert sich Helmut Zenger noch 63 Jahre danach. Plötzlich ein trockenes Knirschen, das Eis bricht, und der kleine Helmut verschwindet im Wasser. Die Kumpel versuchten noch, den Zwölfjährigen aus dem Wasser zu ziehen – vergeblich. Patschnass laufen sie zum Ufer, informieren den Hausmeister im Kiosk. Der Mann rennt zum nächsten Telefon und verständigt die Funkstreife. „Kommen Sie schnell! Ein Bub ist beim Kabelsteg eingebrochen und ertrunken“, sagt der Hausmeister.

Erst vier Jahre zuvor, 1949, war die Funkstreife in Dienst gesetzt worden. Ein Sprecher der Zentrale fragt alle Streifenwagen ab, der Streifenführer von „Isar 1“ meldete sich. „Isar eins steht am Max-Weber-Platz.“ Zentrale: „Fahren Sie Kabelsteg! Menschenleben in Gefahr... Ein Junge im Eis eingebrochen!“

Tatsächlich war der Bub zu Fuß aufs Eis gegangen.

Die dramatischste Lebensrettung in der Geschichte der Münchner Funkstreife beginnt. Wachtmeister Georg Müller, damals 29, rast zusammen mit Erich Hieb, damals 27, mit Blaulicht im Mercedes zur Isar. Sie rennen die Treppe hinunter zum Fluss, legen im Laufen die Pistolen und Uniformjacken ab, ziehen die Schuhe aus. „Wassertemperatur: 2 Grad unter Null, Außentemperatur: 17 Grad unter Null“ verzeichnet die Chronik. Egal – die Polizisten springen in die Isar, tauchen immer wieder nach dem Buben. Irgendwann ertastet Hieb den reglosen Körper des Zwölfjährigen.

Inzwischen hat sich eine Eisscholle über die Tauchstelle geschoben. Die Beamten müssten sie wegstoßen. Endlich retten sie sich zusammen mit dem Kind ans Ufer. Die vielen Zuschauer, die mittlerweile die Rettung beobachten, klatschen Beifall. Die beiden Polizisten hören nichts.

Bild ganz unten wurde seinerzeit im Münchner Merkur veröffentlicht: Es zeigt Georg Müller und Erich Hieb (von links) am Krankenbett.

Sie beginnen im Streifenwagen mit der Wiederbelebung, informieren das Krankenhaus rechts der Isar. „Die Ärzte hatten wenig Hoffnung“, hieß es damals in einem Artikel des Münchner Merkur. „Unbeirrt kämpften sie um das Leben des Buben. Sauerstoff wurde angesetzt, mechanische Wiederbelebungsversuche wurden gemacht, dazwischen Bürstenmassagen und Lichtbestrahlungen. Nach 30 Minuten wurden die ersten Herztöne festgestellt, doch der Bub war noch nicht über den Berg. Erst gegen 2 Uhr in der Nacht, nach mehr als achteinhalb Stunden, war der zähe Kampf gewonnen.“ Die durchnässten Beamten blieben bei Helmut Zenger, bis die Ärzte ihnen zuriefen: „Er ist gerettet!“

An all das kann Helmut Zenger sich heute nicht mehr erinnern. „Ich weiß nur noch, dass ich aufs Eis bin, und dann bin ich im Krankenhaus aufgewacht.“

Probleme mit Wasser hatte der heute 75-Jährige nach der Rettung nie. „Ich konnte damals noch nicht schwimmen. Das habe ich aber kurz darauf gelernt“, berichtet er. Auch die Unfallstelle an der Isar mied der Münchner nie. Als der Film im Winter 1968 gedreht wurde, stand er sogar am Ufer und sah zu. In dem Film spielte der Polizist Erich Hieb erneut den Retter – diesmal im Gegensatz zur wirklichen Rettung allerdings in einem schützenden Gummitaucheranzug unter der Uniform. Den ins Eis eingebrochenen Buben spielte Martin Hieb, der damals zwölfjährige Sohn des Retters.

Helmut Zenger hatte seit dem Unglück immer wieder Kontakt zu seinen Rettern. Bereits am Tag danach standen die Beamten am Bett des Buben. „Da lachte er schon wieder blankäugig aus den Kissen“, schrieb der Münchner Merkur 1953. „Ich danke Ihnen recht schön“, sagte der Bub damals ein bisschen verlegen. Viele Jahre verband die Männer eine aufrichtige Freundschaft.

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