Der angespannte Wohnungsmarkt verändert München auch sozial. Viele Viertel sind im Wandel. foto: dpa/archiv

Wohnen, Schulen, Verkehr

Neue Stadtteil-Studie: Wo München Probleme hat

München - München wandelt sich. Immer mehr Menschen ziehen an die Isar, einstige Arbeiter-Hochburgen werden zu Trend-Vierteln, bezahlbarer Wohnraum schwindet. Die Folgen sind vielfältig und je nach Stadtviertel unterschiedlich.

Die Stadt versucht diesen Wandel zu erfassen, um daraus Handlungsstrategien abzuleiten. 2009 wurde die „Münchner Stadtteilstudie“ erstmals erstellt, nun liegt die Fortschreibung vor. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

Soziale Struktur

Bei der sozialen Struktur zeigt München laut der Studie eine große innerstädtische Spannweite. In die Bewertung sind unterschiedlichste Faktoren eingeflossen, etwa der Anteil von Migranten an der Bewohnerschaft, Arbeitslosigkeit, der Familienstand oder der Anteil an Senioren.

Gestiegen sind die Herausforderungen laut Studie zum Beispiel in Trudering und an den zentralen Bahnflächen – was aber nicht zwingend als negativ bewertet werden dürfe, wie es heißt. So können verstärkte Neubaumaßnahmen mit Sozialwohnungen und dem Zuzug von Familien Viertel vor neue soziale Aufgaben stellen.

Umgekehrt gilt die These auch. Weniger Herausforderungen sind nicht zwingend positiv. So stehen Sendling, Harlaching, Nymphenburg und die Schwanthalerhöhe besser da als bei der vergangenen Studie aus dem Jahr 2009. Dahinter stehen aber verstärkte Verdrängungsprozesse, also Gentrifizierung. Familien, Ältere und Ärmere können sich die steigenden Mietpreise in den neuen In-Vierteln nicht mehr leisten. Verdrängt werden sie vor allem in städtische Randlagen, wo die Probleme entsprechend zunehmen.

Über die gesamte Stadt gesehen ist der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund von 37,3 Prozent (2009) auf 40,4 Prozent gestiegen. Bei den Minderjährigen liegt der Anteil bei 56,6 Prozent (2009: 53,6). Leicht steigend ist mit 13 Prozent (2009: 12,7) auch der Anteil der über 70-Jährigen in München.

Nahversorgung

Eine wohnortnahe Versorgung mit Einzelhandel, insbesondere Lebensmittelmärkten, ist ein wichtiges Merkmal für die Lebensqualität in einem Viertel. Vor allem in den städtischen Randvierteln gibt es teilweise Probleme, Lebensmittelhändler anzusiedeln. In der Innenstadt ist das Problem häufig anders gelagert: Hier fehlt es laut Studie weniger am Willen als am Platz für große Supermärkte. Das aber könne durch kleinere Läden aufgefangen werden, heißt es.

Legt man eine Ladengröße von mindestens 300 Quadratmetern zugrunde und eine zumutbare Entfernung von maximal 600 Metern Fußmarsch, haben immerhin 86 Prozent aller Münchner einen Lebensmittelmarkt in Reichweite, 14 Prozent müssen größere Entfernungen zurücklegen.

Das Bild verschlechtert sich drastisch bei Senioren, bei denen die Studie einen Fußweg von maximal 300 Metern für zumutbar hält. Hier sind nur 36 Prozent der Münchner nahversorgt – laut Studie ein echtes Problem insbesondere für Senioren, die nicht mehr so mobil sind.

Einen Zusammenhang zwischen sozialer Struktur und Nahversorgung gibt es laut Studie nicht. Die meisten Gebiete, die zu den sozial schwächeren in München gehören, seien gut nahversorgt.

Verkehrsbelastung

Lärm kann krank machen. Das ist bekannt. Laut Studie steigt ab einer Lärmbelastung von 65 Dezibel das Risiko von Herz- und Kreislauferkrankungen. Wer an Verkehrsstraßen wohnt, gilt bereits ab 55 Dezibel als belastet. Laut Studie fallen etwa 18 Prozent aller Münchner in diese Kategorie, wohnen also an einer Hauptverkehrstraße. Knapp sieben Prozent müssen sogar mit 65 Dezibel und mehr zurechtkommen.

Besonders belastet sind Anwohner am Mittleren Ring, an der Dachauer, Landsberger und Töginger Straße sowie an den Autobahnen A96, A99 und A9. Dabei ist die Situation auf engstem Raum oft sehr unterschiedlich. In manchen Vierteln gibt es sehr ruhige Ecken, der Großteil der Bevölkerung dort lebt aber entlang der Verkehrsadern.

Lärm beeinflusst laut Studie massiv die soziale Struktur Münchens. Wo es übermäßig laut ist, gilt die Wohnlage als schlecht und die Mietpreise sind niedriger – was wiederum Einkommensschwächere anzieht. Dies gilt laut Studie zum Beispiel für Moosach, Milbertshofen, Berg am Laim oder Ramersdorf-Perlach.

Aber es gibt auch sozial schwächere Viertel mit geringer Lärmbelästigung. Hier zählt die Studie Hasenbergl, Neuperlach und die Messestadt Riem auf. Das Thema Verkehrsberuhigung sei hier von Anfang an baulich besser umgesetzt worden.

Insgesamt erwartet die Studie einen Zuwachs an Lärm. Bis 2030 werden ungefähr 1,7 Millionen Menschen in München leben, der Verkehr wird um 13 Prozent zunehmen. Analog dazu werde die Zahl der von Lärm betroffenen Anwohner steigen, heißt es in der Studie.

Schulische Bildung

Das Gymnasium wird in München immer beliebter. Laut Studie wechseln inzwischen 54 Prozent der Schüler auf ein Gymnasium (2009: 50 Prozent). 86 Prozent der Kinder besuchen eine Krippe oder einen Kindergarten. Dabei sind die Unterschiede je nach Viertel frappierend. In Bogenhausen wechseln neun von zehn Kindern aufs Gymnasium – in Neuperlach, Hasenbergl, Innsbrucker Ring, Am Hart, Blumenau und Moosach liegt der Anteil teils bei unter 30 Prozent. Großen schulischen Förderbedarf hat die Studie in Teilen von Obergiesing, Moosach, Milbertshofen, Aubing, Berg am Laim, Messestadt Riem, Hasenbergl, Neuperlach und Schwanthalerhöhe ausgemacht.

Bei der Kinderbetreuung liegt der Versorgungsgrad für über Dreijährige inzwischen zwar bei 93 Prozent, aber manche Viertel sind nach wie vor unterversorgt. Vor allem Teile von Giesing, Harlaching, Lochhausen, Solln, Berg am Laim, Neuhausen-Nymphenburg und Schwabing seien betroffen, heißt es in der Studie.

Bezahlbares Wohnen

Drastisch verschlechtert hat sich der Mietmarkt seit 2009. Die Wiedervermietungs-Miete liegt durchschnittlich bei 15,57 Euro pro Quadratmeter – Spitzenreiter ist das hippe Viertel Altstadt-Lehel mit 19,64 Euro. Teuer sind auch Schwabing, Schwabing-West, Maxvorstadt, Au-Haidhausen und die Ludwigs-Isarvorstadt mit bis zu 17,94 Euro pro Quadratmeter. Am günstigsten wohnt man derzeit im Südosten und Westen mit 12,81 Euro Durchschnittsmiete.

Ein großes Problem ist der steigende Anteil von Sozialwohnungen, die aus der Bindung und damit in den normalen Mietmarkt fallen. In Neuperlach etwa fallen bis zum Jahr 2020 insgesamt 12 500 Wohungen raus – 78 Prozent des Bestands an Sozialwohnungen. Auch die jüngere Messestadt Riem ist bereits betroffen. Knapp 1000 Wohungen sind es bis 2020 – 35 Prozent des Bestands. Die Stadt ist zwar bemüht, kann aber diese Verluste nicht durch Neubauten ausgleichen. Folge ist, dass viele junge Familien und Senioren gezwungen sind, München Richtung Umland zu verlassen– wo es auch immer teurer wird.

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