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Seit 1972 in Betrieb: der Münchner S-Bahn-Stammstreckentunnel.

Zweitem S-Bahn-Tunnel droht das Aus

München - Der Bau des zweiten S-Bahn-Tunnels steht auf der Kippe. Die Verhandlungen über die Finanzierung des Milliardenprojekts stocken, weil Geld fehlt. Die letzte Hoffnung gilt nun der Olympiabewerbung. Doch kann sie das Vorhaben retten?

Es war viel debattiert worden in diesem Frühjahr - über eine Frage, die die Stadt seit neun Jahren bewegt: Braucht München einen zweiten S-Bahn-Stammstreckentunnel? Im April stellte die Politik Weichen. Die sieben Kilometer lange Röhre, durch die Züge in 40 Metern Tiefe von der Donnersbergerbrücke zum Ostbahnhof rauschen, solle gebaut werden, entschied der Landtag. Damit der Tunnel bis zu Olympischen Spielen 2018 fertiggestellt sei, müssten die Bagger schon anrollen, bevor für alle drei Bauabschnitte eine Genehmigung vorliegt.

Immerhin: Für den schwierigsten Abschnitt des Tunnels von der Isar bis zum Ostbahnhof läuft seit kurzem das Planfeststellungsverfahren. Zweimal musste die Bahn die Streckenführung unter dem Stadtteil Haidhausen umplanen. Es ist nicht zu erwarten, dass in Kürze eine Genehmigung zum Bau vorliegt. Allein im benachbarten Abschnitt unter der Altstadt dauerte dieser Prozess dreieinhalb Jahre. In Haidhausen ist zudem mit dem Protest der Anwohner zu rechnen. „Wir haben vor, zu klagen“, sagt Ingeborg Michelfeit von der dortigen Bürgerinitiative.

Eine schnelle Finanzierung und Baustart sollten schon deshalb schwierig werden. Auf Anfrage unserer Zeitung signalisierte das Bundesverkehrsministerium, dass es Sicherheiten aus Bayern verlange. „Die Förderung eines Vorhabens setzt voraus, dass es auch gebaut wird. Dies ist nur möglich, wenn ein Planfeststellungsbeschluss vorhanden ist.“ Zudem habe der Freistaat noch gar keinen Förderantrag eingereicht. Noch im April ließ Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil (FDP) verlauten, bis zum Sommer könne eine Finanzierungsvereinbarung mit dem Bund geschlossen werden.

Dabei ist nicht einmal klar, wie teuer der Tunnel wird. Noch immer operiert das Bayerische Verkehrsministerium mit Kosten von 1,5 Milliarden Euro. Die aber basieren auf einem Preisstand von 2004. In einer Kabinettsvorlage vom März war bereits von zwei Milliarden Euro die Rede. Ob sich das Verkehrsministerium in Berlin ohne genauere Kalkulation aber auf Verhandlungen einlässt, ist fraglich. Schließlich soll der Bund gut die Hälfte der Kosten übernehmen.

Es gibt ein noch gewichtigeres Problem: Das Geld im Topf des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes, aus dem der Tunnel bezahlt werden soll, ist weitgehend vergeben. Bis 2019 stehen für Bayern nur noch rund 200 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es in Expertenkreisen im Landtag. Das Verkehrsministerium in München hofft deshalb auf Sondermittel aus Berlin für die Bewerbung um Olympia 2018.

Doch der Zusammenhang Olympia und Tunnel werde in Berlin kritisch gesehen, sagt ein Insider. Schließlich bewältige der Nahverkehr in München auch die Besuchermassen beim Oktoberfest. Bei Winterspielen seien weit weniger Menschen unterwegs.

Zudem ist unklar, ob der Tunnel bis zu den Winterspielen fertig sei. Bei den veranschlagten sechseinhalb Jahren Bauzeit müsste spätestens im Frühjahr 2011 mit dem Bau begonnen werden, um bis Ende 2017 fertig zu werden. Schließlich muss der Tunnel vor Olympia auch noch erprobt werden. Experten in Berlin und München nennen die Fertigstellung bis 2018 unvorstellbar. Zumal die Bahn mit der europaweiten Ausschreibung der Arbeiten noch gar nicht begonnen hat. Die sei erst für Anfang 2011 geplant, teilte das Verkehrsministerium in München mit. Die Bahn plane, mit den Bauarbeiten für die zweite Stammstrecke Mitte 2011 zu beginnen. Die Inbetriebnahme bis zu den Winterspielen 2018 sei „weiterhin möglich“, hieß es.

In der Politik wächst die Ungeduld. „Wir werden im Herbst zu dem Punkt kommen, an dem das Verkehrsministerium den Offenbarungseid leisten muss: Ist die Finanzierung gesichert oder nicht?“, sagt der Münchner CSU-Landtagsabgeordnete Markus Blume. Ein anderer bayerischer Mandatsträger sagt es noch deutlicher. „Ich glaube, dass das Projekt auf der Kippe steht.“

Von Matthias Kristlbauer

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