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Helmut Brunschneider sprüht vor Energie – und hängt häufig am Telefon. Er ist einfach ein gefragter Mann.

Der alte Mann und die Flüchtlinge

Warum sich ein Münchner (86) als Hausaufgabenhelfer engagiert

München - Helmut Brunschneider ist sein ganzes Leben lang ein Mann der Tat gewesen. Also packt er auch jetzt wieder mit an, im Pflegeheim, mit 86 Jahren: Als Hausaufgabenbetreuer für Flüchtlingskinder.

Dreimal in der Woche für zwei Stunden marschiert der Münchner in die Flüchtlingsunterkunft in seiner Nachbarschaft und hilft den Kindern bei den Hausaufgaben. „An manchen Tagen bin ich hernach regelrecht geschafft“, sagt Brunschneider. Es lasse sich kaum beschreiben, wie es dort kreuz und quer ginge: „Dann wird da wieder etwas gesucht, ist hier ein Streit ausgebrochen oder wuselt sich dort einer durch.“

Die hellen Augen des alten Mannes strahlen. Diese Kinder sind so lebendig! Helmut Brunschneider, 1930 in München geboren, lebt seit März 2014 im Pflegezentrum Sendling der Inneren Mission – und ist komplett ausgebucht.

Der alte Herr mit dem jungen Geist setzt sich im Stuhl zurecht und beginnt zu erzählen, wie er, der ehemalige Raumfahrtingenieur, im Sommer 2015 zum Hausaufgabenbetreuer für Kinder aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea geworden ist. „Ich hörte, dass in dem alten Siemensgebäude in der Hofmannstraße nun Flüchtlinge leben. Da hab‘ ich mal vorbeigeschaut, um zu sehen, wie ich mich einbringen kann.“ Auf dem Infoabend, zu dem die Arbeiterwohlfahrt (AWO) geladen hatte, wurde ihm schnell klar: „Bei der Kinderbetreuung ist Bedarf.“

Der Senior hat sich unentbehrlich gemacht

Heute, ein knappes Jahr später, hat sich der Witwer in der Gemeinschaftsunterkunft, in der etwa 700 Flüchtlinge leben und 50 bis 70 Ehrenamtliche regelmäßig aushelfen, unentbehrlich gemacht. Stefan Kühn, Leiter der AWO-Sozialberatung, sagt: „Herr Brunschneider mit seinen wachen Augen, seiner Neugier und dem sehr lebendig gebliebenen ‚Inneren Kind‘ ist ein großer Gewinn für uns. Mit seinen Besuchen diene der 86-Jährige als Multiplikator für die anderen Senioren, die selbst nicht mehr kommen könnten, ist Kühn überzeugt. „Herr Brunschneider ist ja sehr kommunikativ. Allein, indem er von den Menschen, mit denen er hier zusammenkommt, berichtet, erhöht er das Sicherheitsgefühl der anderen Heimbewohner“, erklärt Kühn, der selbst lange in einem Heim gearbeitet hat und die Ängste der Bewohner gut nachvollziehen kann.

Sein Lebensmotto: "Das muss funktionieren"

Andersherum ist das Gefühl, willkommen zu sein, eine große Erleichterung für viele Flüchtlinge. Zwar haben der deutsche Ingenieur und die vertriebenen Kinder aus Arabien oder Afrika wenig gemein, erst recht nicht die Muttersprache. Aber Brunschneiders lebenslanges Motto „Das muss funktionieren“ geht auch jetzt wieder auf. Von seinem abwechslungsreichen Beruf sei er es gewohnt, sich Aufgaben zu stellen, von denen er „anfangs überhaupt nichts versteht“, erklärt der Senior, der zuletzt als Projektingenieur in der Raumfahrt tätig war.

Jetzt als Betreuer stellt er sich jeden zweiten Wochentag auf die unterschiedlichen Wissensstände der 30 bis 40 Schulkinder ein, die die Hausaufgabenhilfe sowie die anschließende Spiel- und Bastelstunde besuchen. Er führt den Kleinsten den Stift beim Buchstabenmalen, korrigiert die Größeren vorsichtig beim Lesen und überprüft bei den Ältesten den Rechenweg der schon recht anspruchsvollen Multiplikationsaufgaben. „Wir rechnen auf die klassische Weise, also ohne Taschenrechner“, erklärt Brunschneider und schaut so streng, wie es ihm nur möglich ist, durch seine Brille mit Metallgestell.

Nur beim Raufen geht er rigoros dazwischen

Dass die Kinder um Punkt 16 Uhr „fertig“ rufen, ihr Zeug im Ranzen verstauen und in der zweiten Stunde beim sehr beliebten UNO-Kartenspiel gewieft zu schummeln anfangen – das sieht der fünffache Opa und dreifache Uropa gelassen. „Da kann man nicht so auf Regeln pochen, das muss man großzügiger sehen.“ Angesichts der traumatischen Erlebnise, die viele auf ihrer Flucht und in der Heimat hatten, ist der 86-Jährige froh, wenn „seine Kinder“ glücklich und ausgelassen sind. Nur beim Raufen, da geht er rigoros dazwischen.

Vom Engagement des ehemaligen Greenpeace-Aktivisten würde auch seine Heimleitung gern mehr profitieren. Die Kandidatur für den Behindertenbeirat hat Brunschneider aber ausgeschlagen. Wichtiger ist ihm, jeden Tag Zeit bei seiner Zimmernachbarin zu verbringen. „Sie ist bettlägerig. Für diese Menschen ist es wichtig, dass einer da ist. Dabei muss man gar nicht die ganze Zeit quasseln. Sie müssen nur die Anwesenheit spüren.“ Und die Anteilnahme – so wie es die Kinder tun.

Susanne Böllert

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