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Josef Wilfling hat 22 Jahre lang die Münchner Mordkommission geleitet. Der pensionierte Polizist hat dabei tiefe Einblicke in das Gefühlsleben der Täter gewonnen.

Wo ist der Mörder von Obergiesing ?

Kriminaler Wilfling: "Viele Täter zerbrechen an der Schuld"

München - Noch immer fehlt von Roland Burzik, der seine Freundin in Obergiesing erstochen haben soll, jede Spur. Hat er sich abgesetzt? Oder hat er sich inzwischen umgebracht? Wir sprachen mit Josef Wilfling, Ex-Chef der Münchner Mordkommission.

Am 16. August erstach der 45-jährige Burzik seine Ex-Freundin Tsin-ieh L. im Hausflur des Mehrfamilienhauses in Obergiesing, in dem sie wohnte. Das Messer hatte er mitgebracht. Zwei Tage später hätte der Prozess gegen ihn wegen Nachstellung stattfinden sollen. Burzik stalkte seine Ex jahrelang, er bekam Auflagen, ein Kontaktverbot, durfte ihr nicht näher als 100 Meter kommen. Warum der 45-Jährige seiner Ex-Freundin auflauerte, darüber kann nur spekuliert werden. Möglicherweise wollte er vor dem Prozess noch einmal mit ihr reden, sie womöglich einschüchtern. Als die Ermittler Burziks Wohnung durchsuchten, fanden sie jedenfalls keine Hinweise darauf, dass er seiner Ex etwas antun wollte. Vielmehr deutete Vieles auf einen überhasteten Aufbruch hin. Das würde bedeuten, die Tat passierte spontan.

Fachleute unterscheiden zwischen solchen „emotionalen“ und „rationalen“ Taten. „Emotionale Taten sind oft Familientragödien, die aus Eifersucht oder im Rahmen eines Streits passieren“, sagt Josef Wilfling. Der pensionierte Kriminaler leitete 22 Jahre lang die Münchner Mordkommission. Der aus Oberfranken stammende Ermittler hat in seinen 42 Jahren Polizeiarbeit viele Mörder überführt.

„Viele Menschen, die aus emotionalen Beweggründen zum Mörder werden, zerbrechen daran“, sagt Wilfling. Sie seien verzweifelt, alles scheine sinnlos. In diesen Fällen sei nicht auszuschließen, dass die Täter sich selbst etwas antun. Zum aktuellen Fall will sich Wilfling nicht äußern. Doch er hält es für möglich, dass auch Burzik mit der Tat nicht klar gekommen ist und sich umgebracht hat.

Täter sprang aus dem Fenster

Das versuchte auch der 42-jährige Robin L., der im April seine Ehefrau Sylvia Z. in der gemeinsamen Wohnung in Gern erstochen hatte. Nach der Tat lief der freiberufliche Nachhilfelehrer eine Etage höher. Dort öffnete er ein Fenster und sprang hinaus. Er überlebte schwer verletzt.

Oder der Zahnarzt Klaus H., der im Januar 2015 im Herzogpark in Bogenhausen seiner damaligen Lebensgefährtin Sandra W. ins Gesicht geschossen hatte. Vier Wochen später erhängte sich der 65-Jährige in der Justizvollzugsanstalt in Stadelheim. Die Frau überlebte.

Dem stehen laut Wilfling „eiskalt“ geplante Morde gegenüber. Bei diesen gehe es häufig um Geld, das Erbe, eine Geliebte oder einen neuen Partner des Ex. In diesen Fällen, sagt Wilfling, „ist es eher unwahrscheinlich, dass die Täter sich selbst das Leben nehmen“. Vielmehr hätten sie auch das Verhalten nach der Tat konkret geplant.

Ähnliche Reaktionsmuster beschreibt auch Dr. Ulrike Schmidt. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin ist Oberärztin und Leiterin der Trauma-Ambulanz am Max- Planck-Institut für Psychiatrie. „Nach Spontantaten kann es zu unterschiedlichen Verhaltensmustern kommen“, sagt sie. Ein Großteil der Täter würden mit dem Geschehenen nicht zurechtkommen. Suizidgedanken seien dann nicht auszuschließen. Zwangsläufig ist das aber nicht. „Es gibt auch die, die ein schlechtes Gewissen haben und sich selbst stellen“, erklärt Schmidt. So wie Enver K., der Mitte August seiner Noch-Ehefrau in einem italienischen Restaurant in Schwabing mehrfach mit einem Messer in Kopf und Hals stach. Der 37-Jährige floh zunächst vom Tatort. In einer Tankstelle in Neuhausen bat er dann den Tankwart, die Polizei zu rufen, weil er gerade seine Frau erstochen habe. Die Frau ist außer Lebensgefahr. Die meisten Menschen, die ungeplante Taten begehen, hätten im Anschluss Schuldgefühle, sagt Schmidt.

Täter handeln häufig eiskalt

Wer Gewalttaten genau plant, handelt dagegen häufig eiskalt. Der Mord berührt ihn emotional wenig. „Ein Teil leidet unter einer dissozialen Identitätsstörung, hat ein gering ausgeprägtes Gewissen und unterdurchschnittliche Empathiefähigkeit“, erklärt Schmidt. Menschen, die an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung leiden, haben gefühlsmäßig so schwache Beziehungen zu Menschen, dass sie sich nicht in sie hineinversetzen können und keine Schuldgefühle oder Verantwortungsbewusstsein kennen.

Untersuchungen, ob sich Männer und Frauen nach Taten unterschiedlich verhalten, gibt es laut Schmidt kaum. „Es existieren jedoch Untersuchungen, dass dissoziale Persönlichkeitsstörungen etwas häufiger bei Männern vorkommen.“ Täter mit dieser Störung planten auch häufiger, sich nach der Tat abzusetzen und unterzutauchen.

Wie etwa der damals 62-jährige Abbas-Ali Rahat-Farimani. Er soll vor zwei Jahren seine Frau in Riem getötet haben. Anschließend setzte sich der Iraner vermutlich mit den beiden gemeinsamen Kindern ins Ausland ab. Vermisst wurde die damals 47-Jährige zunächst nicht, da die Familie einen Urlaub geplant hatte und Hausbewohner als auch Angehörige davon ausgingen, dass die Frau mit Mann und Kindern weggefahren sei. Damit der Verwesungsgeruch nicht aus der Wohnung nach draußen dringt, dichtete Rahat-Farimani die Wohnungstür damals mit weißem Gummi ab. Er ist bis heute auf der Flucht.

Aktenzeichen XY

greift die Fahndung nach Roland Burzik in der aktuellen Sendung auf. Wegen des Länderspiels gegen Finnland wird „Aktenzeichen... XY“ diese Woche am Donnerstag, 1. September, ab 20.15 Uhr, im ZDF ausgestrahlt.

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