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Not-Quartier in der Nachkriegszeit: Unter dem Geschäft „Gesundbaumarkt“ an der Preysingstraße 15 verbirgt sich der ehemalige Metzgerbräukeller.

Neues Buch zur Stadtgeschichte

Das sind Münchens vergessene Bierkeller

München - Rund um den Gasteig, unter der Inneren Wiener- und der Preysingstraße, erstreckt sich ein nahezu vergessenes Kapitel der Münchner Stadtgeschichte: Jahrhunderte alte Bierkeller. Die Autoren Astrid Assél und Christian Huber haben sie erforscht.

Es klingt wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm: Am 17. Januar 2014 tut sich unter einem arglosen Spaziergänger in der Inneren Wiener Straße der Boden auf, und der 62-Jährige stürzt um ein Haar in die Tiefe. „Er hat mordsmäßig Glück gehabt, dass er steckengeblieben ist“, verrät Autor Christian Huber. Auf dem Gehsteig zwischen Hofbräukeller und Gasteig war eine Bodenplatte brüchig geworden. Unter ihr: Ein sechs Meter tiefer, senkrechter Schacht, handwerklich solide gearbeitet und groß genug, „dass a g’standenes Mannsbild reinpasst“, berichtet Huber. „Danach herrschte drei Tage lang großes Rätselraten, was das nun für ein Schacht sein soll.“ Denn die Funktion sei zunächst nicht ersichtlich gewesen.

Die Autoren Astrid Assél (links) und Christian Huber haben sich durch Archive gewühlt, um Münchens vergessene Bierkeller aufzuspüren. Zwischen der Inneren Wiener- und der Preysingstraße stießen sie auf ein System historischer Lagerstätten im Münchner Untergrund.

Der Zwischenfall weckte damals Christian Hubers Interesse. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Astrid Assél beschloss er nachzuforschen, was es mit dem Schacht auf sich hat. Was die beiden herausfanden, füllt ein Buch. „Münchens vergessene Kellerstadt. Biergeschichte aus dem Untergrund“ lautet der Titel des 144 Seiten umfassenden Bandes, der im Verlag Friedrich Pustet erschienen ist. Gestern haben Huber und Assél das Buch im Hofbräukeller an der Arnulfstraße vorgestellt.

Rund um den Gasteig gebe es viele historische Bierkeller, die heuer nahezu vergessen sein, so Assél. „Wir hatten das Glück, dass uns einige Eigentümer der heutigen Grundstücke, unter denen wir historische Bierkeller vermuteten, erlaubt haben, die entsprechenden Akten im Archiv der Lokalbaukommission einzusehen.“ Das Stadtarchiv habe sich zudem als wahre Schatztruhe erwiesen. „Unter anderem haben wir dort handgezeichnete Pläne für die Keller gefunden.“ Vor allem unter der Preysing- und der Inneren Wiener Straße, so fanden die Autoren heraus, verbirgt sich eine regelrechte Kellerstadt. „Da reihen sich die Lagerkeller aneinander wie die Perlen auf der Schnur“, so Assél. Viele hundert Jahre alt seien die Gemäuer.

In den einstigen „Metzgerbräukeller“ unter der Preysingstraße 15 durfte das Autorenpaar sogar hinein. Der heutige Grundstückseigentümer gewährte ihnen den Zutritt. „Wir hatten nur unsere Taschenlampen – da war es finster wie im Bärenpopo“, sagt Assél. Seit der Nachkriegszeit unberührt, präsentierte sich ihr das Gewölbe als ein versiegeltes Stück Geschichte. „Als nach dem Zweiten Weltkrieg alles in Trümmern lag, wurde der Keller bewohnt“, erläutert Assél.

Durch Belüftungsschächte wurde einst das gelagerte Bier gekühlt.

Aber warum wurden die Gewölbe überhaupt angelegt? „Die Münchner Brauer hatten schon immer das Problem, dass Bier ein leicht verderbliches Lebensmittel ist“, erklärt Christian Huber. „Um die Haltbarkeit zu verbessern, hat man im Mittelalter auf die untergärige Brauweise umgestellt.“ Die Hefen, die die untergärigen Biere produzierten, vertragen aber keine Temperaturen über acht Grad. Im Bayerischen Reinheitsgebot von 1516 habe man daher festgelegt, dass das Brauen nur noch vom 29. September bis 23. April erlaubt sei.

„Die Brauer mussten dafür sorgen, dass bereits im März so viel Bier gebraut war, dass es den Sommer über gereicht hat“, berichtet Huber. All das Märzenbier musste jedoch gelagert und gekühlt werden. „Ab Mitte des 18. Jahrhunderts sind daher unter dem Gasteig die ersten Lagerkeller entstanden“, sagt Astrid Assél.

In diesen Schacht wäre 2014 beinahe ein Fußgänger gestürzt – so entdeckte man den Keller.

In etwa neun Metern Tiefe habe man sie angelegt, führt Christian Huber aus. Als Isolation gegen die Sommerwärme habe man auf die Keller eine vier bis fünf Meter hohe Kiesschicht aufgehäuft. Ein ausgeklügeltes System von Luftschächten half, die Keller und das darin gelagerte Bier leidlich kühl zu halten. „Die Brauer haben einfach die Tatsache ausgenutzt, dass kalte Luft schwerer als warme Luft ist“, so Huber. Durch die Schächte sei im Winter kalte Luft nach unten gesunken und habe die Keller und das umgebende Erdreich abgekühlt. Eis, das aus Teichen geschnitten und in großen Blöcken eingelagert wurde, half mit, die winterlichen Temperaturen bis weit in den Sommer hinein zu halten. Ein gut funktionierendes System, das aber durch moderne Kühltechnik abgelöst wurde und in Vergessenheit geraten ist.

Der Schacht unter dem Gehsteig der Inneren Wiener Straße dagegen ist jetzt amtsbekannt und sicherheitshalber verfüllt. Auch sein Geheimnis ist gelüftet: Bei dem sechs Meter tiefen Schlund, in den der Fußgänger fast gestürzt wäre, habe es sich um den Belüftungsschacht eines historischen Bierkellers gehandelt, verrät Huber. „Ein paar Tage nach dem Zwischenfall hat der Wirt vom Hofbräukeller darauf hingewiesen, dass das früher mal alles zum Hofbräu-Gelände gehört hat – und dass der Schacht zu den alten Kelleranlagen gehört haben muss.“

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

Marian Meidel

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