1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln

Eine Nacht am Flaucher, dem Münchner Ballermann

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Grilldunst wabert über die Kiesbänke am Flaucher, den Feiernde bevölkern. © Tertilt

München - Die Anwohner am Flaucher fordern, Grillen, Müll und Uhrzeiten zu regeln. Die CSU will Kontrolleure einsetzen. Ist der Flaucher Ballermann oder Erholungsgebiet? Eine Isar-Reportage.

Sportlich sieht's aus. Das Pärchen Mitte 40 zwängt sich durch trockene Büsche. Gebräunte, drahtige Körper. Es ist Freitagabend. Der Mann hält drei Bierflaschen in der Hand und schaut nach einem Mülleimer. „Da hinten ist einer“, meint die Frau. 15 Meter. Offenbar zu weit: Der Mann lässt die Flaschen einfach auf dem Weg liegen, und beide radeln davon.

Anwohner wollen die Freizeitrüpel am Flaucher loswerden

Die Anwohner regen sich jeden Sommer über Freizeitrüpel auf. Über jene, die Müll liegen lassen, grillen, bis die Luft brennt, und die Nächte durchfeiern. Auf dem Weg von der Brudermühl- zur Thalkirchner Brücke sind hinter kniehohen Gräsern immer wieder Grills zu sehen. Chartmusik dröhnt durch die Luft. Hier und da Gesprächsfetzen. Spanisch, Französisch, Italienisch – ein buntes Volk, das sich im Fluss abkühlt. Bläulicher Dunst wabert über der Isar. Der Geruch von Grillanzünder reizt die Nase, mancherorts riecht es nach Shisha. Auf dem Kies funkeln Kronkorken und kleine Scherben.

An jedem Sommerwochenende entsorgt die Stadt etwa vier Tonnen Müll. Am Flaucher stehen deshalb nicht nur Gitterkörbe, sondern auch große Container. Aber auch die sind schnell randvoll mit Sekt- und Schnapsflaschen, Verpackungen und Tüten.

null
Verständnis für die Anwohner haben diese Freunde. © Tertilt

Simone verbringt den Abend mit Freunden am Flaucher. Das Müllproblem verstehen alle. Sie sehen aber auch Verbesserungsbedarf. „Wir haben ja eine Mülltüte dabei“, sagt sie. Aber manchmal wisse man nicht einmal, wo der nächste Mülleimer sei und wenn doch, dann sei der eben schon randvoll. „Dann hat man keine Motivation mehr, den Müll mitzunehmen“, meint sie. Ohne Flaucher ginge es aber auch nicht. „Für mich gehört der Flaucher zum Münchner Kulturgut“, findet Basti, der Simone gegenüber sitzt. „Hier sieht man doch, dass die Stadt bunt ist und lebt. Man kommt mit vielen Leuten in Kontakt“, sagt er. Ihren Grill haben sie gerade an die Gruppe von nebenan ausgeliehen.

Sie kommen mit Umzugskartons und Bollerwagen voller Bier und Essen

Als die Sonne hinter die Baumkronen sinkt, wird es kühler. Zum ersten Mal an diesem Abend riecht es nach Isar und feuchter Erde. Die Schlieren des Grillnebels ziehen flussabwärts und schleichen unter der Thalkirchner Brücke hindurch. Immer mehr junge Menschen strömen über die Brücke. Viele ziehen Bollerwagen, schleppen Umzugskartons oder Sackkarren voller Proviant und Bier.

Eine Gruppe am Ufer packt dagegen schon zusammen. Es klirrt. Eine Bierflasche zerspringt an den Ufersteinen. „Mist ey“, sagt einer und schaut sich das Missgeschick an. Danach packen alle weiter ihren Müll in die Tüten und das Brauchbare in die Rucksäcke. Aus einem Lautsprecher tönt es: „There must be something in the water“. Wie wahr. Die privaten Sicherheitsleute, alle in dunkler Hose und rotem Shirt patrouillieren gerade woanders.

Der Flaucher ist ein guter Ort für Pfandsammler

Der Weg zum Ufer auf der anderen Seite führt vorbei an leeren Bier- und Schnapsflaschen. Eine Pfandsammlerin kommt vorbei. Sie bückt sich, greift eine Dose und eine Plastikflasche. Das Glas lässt sie liegen. Mehr Gewicht, weniger Pfand. Als es dunkel wird, rammen die ersten Fackeln in den Boden oder machen Lagerfeuer. Dann zischt es, eine Rakete schießt in den Himmel. Als sie explodiert, schimmert das Wasser lila. Aus allen Richtungen kurzer Jubel, ein paar Grüppchen klatschen, andere grölen. Wenn es nach den Anwohnern geht, soll um 22 Uhr Schluss sein mit dem Lärm.

Angie ist mit ein paar Bekannten erst gegen halb zehn an den Flaucher gekommen. Musik haben sie nicht dabei. „Wir sind hier vielleicht ein oder zwei Mal im Monat“, sagt sie. Von dem Vorschlag der Anwohner hält sie nicht viel. Ein paar Meter weiter sitzen Peter, Markus und Tobias. „Das mit dem Müll kann ich absolut nachvollziehen“, meint Markus. Ihn nerve es auch, wenn Bierflaschen rumliegen. Peter stimmt zu. Es wäre aber schade, schon um zehn wieder zusammenpacken zu müssen. „Wann ist schon mal so ein Wetter in München?“, fragt er. Die Anwohner müssten sich mit dem Lärm eben arrangieren. In der Innenstadt mit ihren Bars und Kneipen sei es ja nicht anders. „Ich habe eine einfache Methode. Einfach Ohrenstöpsel rein und fertig“.

Musik nervt Anwohner, schließlich übertreiben es viele mit Lautstärke

Vor ein paar Teelichtern sitzen vier junge Frauen auf einer Picknickdecke. Daneben Einweggrills und eine Shisha. Jennifer, Lisa und Adriane stammen aus dem Münchner Norden, Maria aus Olching. Sie kommen seit Jahren an den Flaucher. Die aktuelle Debatte kennen sie aus den Zeitungen: Rauch-, Müll- und Lärmbelästigung. Sie haben schon diskutiert. „Aber wo sollen wir denn bitteschön hin? Wir würden ja im Norden grillen, aber das geht ja vielerorts nicht“, meint Lisa. Es mache keinen Sinn, hier das Grillen zu verbieten. „Dann gibt es im Englischen Garten oder anderorts dasselbe Problem“, sagt Jenny. Trotzdem haben sie Verständnis dafür, dass die laute Musik die Anwohner nervt. Es gebe ja immer welche, die übertreiben.

Erst gegen halb sechs am nächsten Morgen ist es endlich ruhig am Flaucher. Auf der Thalkirchner Brücke schaut ein Pärchen Arm in Arm in den rötlichen Himmel. Auf der Zoo-Seite sitzt noch eine Zehnertruppe am Gartentisch, die Fackeln stecken noch im Boden, Bierkästen brechen das Wasser in der Isar. Die milde Brise nach dem heißen Vortag ist eine Wohltat, das Kiesbett fast menschenleer. Nur zwei Künstler drehen still einen Kurzfilm, hier und da joggt ein Frühaufsteher in engen Hosen vorbei. Mittlerweile schwärmen die Reinigungskräfte aus. Verpackungen liegen auf dem Boden und ein ramponierter Campingstuhl. In der Nacht hat es ein Grill sogar bis in die Baumkrone geschafft. Der meiste Müll liegt aber in und um die Gitterkörbe. Fünf Pfandsammler kümmern sich um die vielen zurückgelassenen Flaschen. Enten, Gänse und Schwäne um die anderen Reste. Sie erobern das Ufer langsam zurück. Zumindest für kurze Zeit.

Mathias Tertilt

Auch interessant

Kommentare