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„Ohne ihn könnte ich die Wohnung nicht verlassen“, sagt Jana S. über ihren Assistenzhund Jamie. 

Assistenzhunde helfen psychisch Kranken

Vier Pfoten für ein selbstbestimmtes Leben

Assistenzhunde helfen nicht nur sehbehinderten Menschen durch den Alltag. Auch psychisch Kranke wie Jana S. können mithilfe der Tiere zurück ins Leben finden. Doch im Alltag gibt es auch manches Problem, etwa im Supermarkt. Und: Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für den Hund nicht.

Jamie ist ein Sonnenschein auf vier Pfoten. Seit sieben Monaten bringt der Bearded Collie Licht und Lebensfreude in den Alltag von Jana S.. Die 22-Jährige leidet nach langjährigem Missbrauch in der Kindheit an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), an Borderline, Depressionen, Bulimie und einer Sozialphobie. Jamie wird zurzeit als Assistenzhund ausgebildet, um der Münchnerin auf ihrem Weg zurück ins Leben zu helfen.

„Ohne Jamie könnte ich die Wohnung gar nicht verlassen“, erzählt Jana. Der Hütehund mit dem weiß-grauen zotteligen Fell ist ein unternehmungslustiger Kerl. Übermütig begrüßt er die Besucher seines Frauchens, beim Gassigehen trottet er brav nebenher und andere Hunde beschnuppert er schwanzwedelnd. Sein sonniges, treuherziges Gemüt streichelt die Seele der 22-Jährigen. Seine Aufgaben als Assistenzhunde-Azubi nimmt er ernst. „Jamie muss noch viel lernen und ist sehr motiviert.“

Die zweijährige Ausbildung des Vierbeiners ist jedoch teuer. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nur für die Ausbildung von Blindenhunden, nicht aber von Helferhunden für Menschen mit anderen körperlichen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Bis zu 15 000 Euro kosteten das Hundetraining und die erforderlichen tierärztlichen Untersuchungen, sagt Jana. Einen Teil des Betrages hat sie bereits über einen Sozialfond finanziert bekommen. Etwa 7500 Euro seien noch offen. Nun sammelt sie Spenden und hat einen entsprechendenAufruf bei Facebook gestartet.

Mehr Akzeptanz im Alltag nötig

Jana S. wünscht sich vor allem aber auch mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Vielen Menschen sei nicht bewusst, dass es auch für psychisch Kranke Assistenzhunde gibt. So sei sie beispielsweise berechtigt, Jamie in den Supermarkt mitzunehmen. Mitarbeiter verlangten aber oft, dass sie den Hund draußen anbindet – obwohl auf seinem Geschirr deutlich „Assistenzhund in Ausbildung“ steht. „Meine Erkrankung lässt es nicht zu, dass ich mich mit den Leuten auseinandersetze. Ich ergreife dann die Flucht.“ Sie habe zwar schon E-Mails an Supermarkt-Chefs geschrieben, die ihr ihre Erlaubnis gaben. Doch vor Ort im Laden habe sie doch wieder nicht mit Hund hinein gedurft.

Die schwere Krankheit sieht man der jungen Frau nicht an – lediglich die tiefen Narben am linken Handgelenk deuten darauf hin. Elf Jahre lang wurde sie als Kind sexuell missbraucht. Damals sei das für sie in gewisser Weise normal gewesen. „Als ich 17 war, flog alles auf.“ Die Fassade stürzte zusammen. Jana begann eine Therapie. Diagnose: Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und daraus resultierender Borderline, dazu schwere Depressionen und Bulimie. Wegen Panikattacken und Flashbacks traute sie sich kaum noch aus dem Haus – und entwickelte eine Sozialphobie. Freunde wandten sich ab. Aus der Familie hat sie nur noch zu ihrer Schwester und ihrem Vater Kontakt, wie sie berichtet.

Das Abitur nachholen - mit Jamie an der Seite

Hinter Jana S. liegt ein steiniger Weg. „Ich war in den letzten fünf Jahren in Therapie, auch stationär, habe viele Medikamente nehmen müssen und ungefähr 99 Prozent meiner Freunde verloren.“ Seit vergangenem Sommer lebt sie mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft. Finanziell unterstützt wird sie von ihrem Vater. An einer Fernschule hat Jana begonnen, das Abitur nachzuholen. Wenn alles gut geht, will sie 2018 fertig sein und vielleicht studieren. Jamie ist ihr auf dem Weg dahin eine wichtige Stütze. Das sieht auch Janas Psychotherapeutin so.

Die 22-Jährige schildert, was Jamies Aufgaben sein werden: Der Hund soll lernen, Panikattacken und selbstverletzendes Verhalten zu erkennen und zu unterbrechen, indem er die junge Frau ablenkt. Auch Alpträume soll er entdecken und beenden, indem er zum Beispiel auf sein Frauchen drauf springt. Beim Spazierengehen soll Jamie darauf achten, dass sich keine Fremden der jungen Frau nähern. „Er soll mich absichern, Leute durch Bellen abschrecken oder mich aus einer Menschengruppe herausführen, wenn ich Panik bekomme.“ In solchen Situationen finde sie manchmal den Weg nach Hause nicht mehr, berichtet Jana. Auch hier soll der Hund helfen. Außerdem ist Jamie für die 22-Jährige ein guter Grund, sich aus der Isolation zu befreien: Schließlich will der Vierbeiner viel raus und sich bewegen. Und nicht zuletzt schafft es das Fellknäuel immer wieder, Jana ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Umfangreiche Ausbildung der Assistenzhunde

Assistenzhunde werden von professionellen Hundetrainern ausgebildet. Die Kosten hierfür übernehmen Krankenkassen nur, wenn es sich um angehende Blinden- oder Sehbehindertenhunde handelt.

Die Hundetrainerin Andrea Stadler aus der Nähe von Ebersberg kümmert sich seit Kurzem auch um Jana S. und Jamie. Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen könne ein Assistenzhund eine große Hilfe im Alltag sein, sagt Stadler. Das beginnt beim Absichern auf der Straße und beim Lichtanschalten in der Wohnung und reicht bis zum Erkennen von Alpträumen. Voraussetzung für ein Gelingen sei, dass der Hund und sein Besitzer eine enge Bindung entwickeln.

Bei körperlich behinderten Menschen helfen Hunde zum Beispiel beim Sockenanziehen, Türenöffnen und Aufheben von Gegenständen. 

Stadler zufolge wird zwischen zwei Ausbildungsmethoden unterschieden: der Selbst- und der Fremdausbildung. Im ersten Fall lebt der Hund während der Ausbildung bei seinem neuen Besitzer, der ihn – unter Anleitung des Trainers – selbst ausbildet. In regelmäßigem Abstand kommt der Trainer zu Besuch, um das Duo zu unterstützen. So auch im Fall von Jana S. und Jamie. Die Kosten hierfür begännen bei etwa 10.000 Euro, sagt Stadler. Teurer ist die Fremdausbildung. Dabei lebt der Hund zwei Jahre lang bei dem Trainer und wird von diesem ausgebildet. Das schlägt mit 20.000 bis 25.000 Euro zu Buche. Am Ende der Ausbildung steht eine Prüfung.

Besonders schwierig sei die Ausbildung von Diabetes- und Epilepsie-Warnhunden, da die Situationen für Übungen schwer simuliert werden könnten. Stadler ist überzeugt: Egal, ob jemand blind, gehbehindert oder psychisch krank ist – der Hund mache die Betroffenen im Alltag lebensfähig. „Eine Pflegekraft zu engagieren würde unter Umständen deutlich mehr kosten.“

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