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30 Gräber wurden an der Josef-Retzer-Straße entdeckt: Unter der angrenzenden Bebauung werden noch mehrere hundert weitere vermutet.

Gebeine von Gründern entdeckt

Archäologische Sensation in Pasing

München - Archäologen haben Gräber der ersten Pasinger von vor rund 1500 Jahren entdeckt. Das Landesamt für Denkmalpflege spricht von einer „herausragenden Fundstelle für die Bajuwaren-Forschung“. Die Schätze sind gesichert, nun werden 20 Wohnungen auf dem frühmittelalterlichen Friedhof gebaut.

Das letzte Skelett auf dem frühmittelalterlichen Friedhof wurde am gestrigen Donnerstag freigelegt.

Drei Monate ist es her, dass bei Bauarbeiten an der Josef-Retzer-Straße Knochen im Erdreich gefunden wurden (wir berichteten). Seitdem haben Archäologen etwa 1000 Quadratmeter eines Gräberfeldes freigelegt und zahlreiche Stücke aus der Zeit 500 bis 700 nach Christus zu Tage gefördert: Gebeine, Waffen, Schmuck. „Wir haben insgesamt etwa 130 Gräber entdeckt“, berichtet Mario Hölzl, Geschäftsführer der beauftragten achäologischen Grabungsfirma X-Cavate aus München. Doch der Friedhof ist eigentlich viel größer: Unter der Josef-Retzer-Straße und den angrenzenden Wohnhäusern werden bis zu 900 weitere Gräber vermutet. Diese bleiben freilich unberührt.

Das große Begräbnisfeld ist auch so ein riesiger historischer Schatz. „Ja, womöglich haben wir sogar das Grab von Paoso, dem Gründer des heutigen Pasings, entdeckt“, sagt Mathias Pfeil, der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege, begeistert. Die zahlreichen gefundenen Grabbeigaben zeugen von einem außergewöhnlichen Reichtum Pasings im Frühmittelalter. Besonders ungewöhnlich in Südbayern ist die Bestattung eines Pferdes samt Zaumzeug neben seinem verstorbenen Eigentümer.

Ist dies das Grab des Sippenführers Paoso? Gefunden wurden unter anderem mächtige Waffen. Nachbildungen von diesen zeigen Mathias Pfeil (li.) und Jochen Haberstroh vom Landesamt für Denkmalpflege.

Dem Krieger waren zudem ein wertvolles Schwert, ein Speer, ein Schild und sogar Reitersporen mit ins Grab gelegt worden. Jede dieser Beigaben für sich war im 6. Jahrhundert ein absolutes Luxusgut – der Gedanke, dass es sich tatsächlich um den Sippenführer Paoso handeln könnte, ist aus Sicht der Denkmalpfleger darum nicht abwegig. „Einen absolut sicheren Nachweis wird man aber kaum führen können“, schränkt Pfeil ein.

Doch auch sonst gehörten viele der dort beigesetzten Menschen wohl zur höheren Gesellschaft: Im Grab eines kleinen Mädchens zum Beispiel wurde eine beeindruckende bunte Kette gefunden. 344 verschiedene Perlen aus Bernstein und buntem Glas fanden die Archäologen allein bei einer Pasingerin aus der Zeit um 600 nach Christus. Außerdem war die Dame mit einem Armreif, einem Messer und sogar einem Kamm ausgestattet. Dieser ist fast komplett erhalten und wurde inzwischen von einem Restaurator so bearbeitet, dass er im alten Glanz erstrahlt.

Auffällig für die Wissenschaftler ist eine Mischung aus christlichen und heidnischen Bestattungssitten. Alle Pasinger waren in West-Ost-Richtung gebettet, mit Blick nach Osten. Dies weise darauf hin, dass das Christentum bekannt war. Die große Zahl an Grabbeigaben dokumentiere indes eine heidnische Glaubensvorstellung. Die Bajuwaren wollten mit den Schmuckstücken einst im Jenseits die gesellschaftliche Stellung im Diesseits widerspiegeln. Eineinhalb Jahrtausende später spiegeln sie nun Wissenschaftlern ein Bild der frühmittelalterlichen Gesellschaft wider.

Ist dies das Grab des Sippenführers Paoso? Gefunden wurden die Gebeine eines Mannes (li.) und die seines Pferdes.

Bedauerlicher Weise wurde der Friedhof durch Bebauungen in Teilen verwüstet, und auch Grabräuber suchten ihn heim. „Das war früher leider absolut üblich, dass Gräber geplündert wurden“, sagt Jochen Haberstroh, Gebietsreferent für München beim Landesamt für Denkmalpflege. Es sei davon auszugehen, dass neun von zehn der Pasinger Gräber in irgendeiner Form beraubt wurden. Auch jenes des mutmaßlichen Paoso. Dessen Oberkörperknochen wurden dabei weitgehend zerstört. Sein wertvolles Waffenarsenal haben die Räuber jedoch im Erdreich nicht gefunden.

Die Angst vor modernen Grabräubern war auch der Grund, warum die Archäologen während der Grabungen den sich abzeichnenden bedeutsamen Fund geheim hielten. Ganz gelungen ist das allerdings nicht: Im Mai hat ein Unbekannter nachts den Zaun um die Baustelle geöffnet. Er wollte wohl einen noch im Erdreich liegenden Schädel herausziehen. Dabei zerbrach dieser in mehrere Teile, worauf der Täter von seinem Vorhaben abließ. Die Archäologen meldeten den Vorfall der Polizei, die in der Folge regelmäßig an der Grabungsstelle Streife fuhr. Letztlich sei nichts illegal verschwunden, heißt es. Am heutigen Freitag sollen die letzten Knochen aus dem Erdboden geholt werden.

Ist dies das Grab des Sippenführers Paoso? Gefunden wurden die Gebeine eines Mannes.

In den vergangenen drei Monaten haben pro Tag durchschnittlich zehn Mitarbeiter die Funde gesichert und dokumentiert. „Einige Tage lang mussten wir unsere Grabungen wegen zu starken Regens unterbrechen“, berichtet Hölzl. Nachdem die Erdarbeiten offiziell abgeschlossen sind, beginnt die wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung der Funde. Außerdem können die unterbrochenen Bauarbeiten an der Josef-Retzer-Straße nun bald fortgesetzt werden. Der Bauherr ist die Heimstättenbaugenossenschaft Pasing eG. Diese hatte auf dem Grund ein marodes Mehrfamilienhaus aus den 50er-Jahren abgerissen und will dort 20 Wohnungen über einer Tiefgarage errichten. Die gut 200 000 Euro, die die archäologischen Grabungen gekostet haben, wird die Genossenschaft als Grundeigentümer tragen müssen.

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