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Hoch über den Zügen spannt Marc Blumenthal (links) ein Netz unter das Glasdach. Ein Kollege sichert ihn von draußen.

Arbeiten bis Ende Juli

Hauptbahnhof-Dach: Klettertouren im Dienst der Sicherheit

München - Fensterscheiben zu sichern – das klingt banal. In der Gleishalle des Münchner Hauptbahnhofs ist es eine logistische und technische Herausforderung, die ein Dutzend Kletterer bis Ende Juli beschäftigen wird: Sie spannen in luftiger Höhe Sicherheitsnetze.

Marc Blumenthal zwängt sich durch die Luke und lehnt sich zurück. Nur sein Gurtzeug und zwei Seile halten ihn jetzt noch – 18 Meter über Bahnsteig 20/21. Was anderen den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde, ist für den 36-Jährigen Routine: Er ist Industriekletterer und leitet das Team, das seit Wochen Nacht für Nacht vom Dach in die Oberlichter der Gleishalle einsteigt und schwere Netze befestigt. Netze, die Gefahr von den Fahrgästen abwenden sollen, denn die Bahn traut den rund 30 Kilogramm schweren Glasscheiben nicht mehr, durch die Licht in das denkmalgeschützte Gebäude fällt.

Volle Konzentration, jeder Handgriff muss sitzen: Blumenthal bei der Arbeit (oben).

Die Sorge wächst, seit Orkan Niklas Ende März 2015 eine Scheibe losrüttelte. Sie zerbrach und ein Teil stürzte in die Tiefe. Zum Glück wurde niemand verletzt, doch die Bahn erkannte bei ihren regelmäßigen Kontrollen, dass viele der 55 Jahre alten Fenster marode sind. 1680 beschädigte Scheiben sind schon gegen moderne Verbundglasscheiben ausgewechselt worden. Doch 4320 der je zwei Quadratmeter großen Drahtglasscheiben sind noch montiert, und sie sind nicht mehr so fest wie einst: Korrosion des im Glas eingegossenen Drahtgeflechts und mechanische Belastung haben die Scheiben spröde gemacht. Bis alle erneuert sind, wollte Bahnhofs-Manager Heiko Hamann nicht warten. „Wir wissen schließlich nicht, wann der nächste schwere Sturm kommt“, sagt er. Zusammen mit dem Eisenbahn-Bundesamt einigte er sich auf das Netz-Projekt.

Das Geflecht aus weißen Kunstfasern soll möglichst dicht unter den Scheiben hängen, damit herabfallende Teile gar nicht erst in Schwung kommen. Die Arbeiter müssen also hinauf in luftige Höhe. Das Problem: Von unten mit Hebebühnen zu arbeiten, kam nicht in Frage, erläutert Edin Heinzler, Chef des Spezialunternehmens Heinzler Netzmontagen aus Ravensburg. „Da wären die Oberleitungen im Weg, und wir wollten den Bahnbetrieb so wenig wie möglich beeinträchtigen. Also haben wir ein Konzept erarbeitet, mit dem wir alles nachts und vom Dach aus erledigen.“

Hier kommen Marc Blumenthal und sein Team von der Berliner Firma Seilpartner ins Spiel. Die Stelle, an die die ausgebildeten Industriekletterer nicht herankommen, muss erst noch gefunden werden.

Unten: Die Verhüllung des Berliner Reichstags, deren Vorbereitung in den 70er-Jahren begann, war die Geburtsstunde des Berufsbildes „Zertifizierten Höhenarbeiter“. Behörden, Versicherungen und Berufsgenossenschaft legten Normen und Kriterien für gewerbliche Arbeiten in luftiger Höhe fest.

Blumenthal ist seit 2007 dabei. „Ich bin schon immer gern alpin geklettert“, erzählt er. „Freunde haben mich darauf gebracht, dass man mit Klettern auch Geld verdienen kann.“ Blumenthals Einsatzorte sind international, die Höhen unterschiedlich. Das Bahnhofsdach rangiert dabei in den unteren Kategorien. In mehr als 50 Meter hohen Kraftwerks- und Werfthallen hing der 36-Jährige schon unter der Decke. Montage- und Reparaturaufgaben auf 130 Meter hohen Windrädern gehören zum Alltag. „Ich war auch schon über der Kugel des Berliner Fernsehturms in 260 Meter Höhe“, berichtet Blumenthal. Ob dort der Puls schneller geht? „Nein“, sagt der durchtrainierte Mann mit dem kurzen Bart. „Die Sicherungstechnik und die Arbeit sind genauso wie hier in der Gleishalle.“ „Nur“, fügt er nach einer kleinen Pause hinzu und strahlt mit seiner Stirnlampe um die Wette, „die Aussicht ist schöner.“

Viel Zeit, die Aussicht zu genießen, bleibt nicht. Konzentriert arbeitet Blumenthal ein Programm ab, das Handgriff für Handgriff geplant ist. Der Kletterer hat sich selbst an einem Stahlträger gesichert. Draußen, auf dem nachtschwarzen Dach, steht ein Kollege und sichert ihn mit einem zweiten Seil. So frei wie im Gebirge kann sich Blumenthal nicht bewegen: „Ein Industriekletterer arbeitet in ganz engen Grenzen, die durch die Berufsgenossenschaft vorgegeben sind“, erläutert er. Der Grundstein dafür, dass es heute genormte Verfahren und das anerkannte Berufsbild des zertifizierten Höhenarbeiters gibt, „der wurde bei der Verhüllung des Berliner Reichstags gelegt“, berichtet der 36-Jährige.

In der Münchner Gleishalle gilt es nur Scheiben zu verhüllen. Doch das ist gar nicht so einfach: Löcher zur Befestigung in die Tragkonstruktion zu bohren, kam nicht infrage. Deswegen werden Klemmvorrichtungen an den Trägern befestigt. Sie halten Stahlseile, an denen die Netze Halt finden.

Jedes Werkzeug, jedes Bauteil, das Blumenthal vom Dach hereinbringt, ist gesichert, nichts darf herunterfallen. Dennoch ist der Bahnsteig direkt unter der Baustelle abgesperrt. Doppelte und dreifache Sicherheit ist Blumenthal und seinen Kollegen in Fleisch und Blut übergegangen – als Lebensversicherung und Garant für unfallfreies Arbeiten.

Links im Bild eine der drei Glasfronten, an denen die Sicherungsnetze schon hängen.

Bis zu zwölf Kletterer sind seit März Nacht für Nacht im Einsatz. Ihre Schicht beginnt, wenn der Betrieb im Bahnhof seinem Ende zugeht. Von den 18 Glasbändern – insgesamt 2520 laufende Meter Fensterfront – haben sie bereits drei mit den weißen Netzen verhängt. „Fahrgäste haben uns schon gefragt, ob das die neuen Taubenschutznetze sind“, berichtet Bahnhofs-Manager Hamann. Er konnte die Menschen beruhigen: So stark, dass es derart dicke Netze bräuchte, sind die Tauben dann doch nicht. Anders als die fast unsichtbaren Tauben-Abwehrnetze könnten die Sicherheitsnetze dazu führen, dass es in der Gleishalle etwas dunkler wird. Doch Hamann verspricht den Fahrgästen: Sobald alle neuen Scheiben montiert sind, wird es heller. Das Verbundglas lässt wesentlich mehr Licht durch als die alten, blind gewordenen Scheiben.

1,4 Millionen Euro lässt sich die Bahn die Netz-Aktion zur Sicherheit ihrer Kunden kosten. Die fast fertige statische Verstärkung des Hallendachs schlägt mit weiteren 2,3 Millionen Euro zu Buche. Richtig teuer wird es dann von 2017 bis 2019. Bis zu 25 Millionen Euro, so Hamann, werde es kosten, die noch verbliebenen alten Scheiben auszuwechseln sowie Rostschutz und verschlissene Teile im gesamten Dach zu erneuern. Danach soll die denkmalgeschützte Gleishalle wieder fit sein für die nächsten Jahrzehnte.

Über den Gleisen ... Bauarbeiter am Hauptbahnhof

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