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Jeder ist willkommen: Beim Hans-Sachs-Straßenfest wird alljährlich der Geburtstag des 2Sub" gefeiert. Längst ist das fest nicht mehr nur für Schwule, bis zu 10.000 Besucher tummeln sich jedes Jahr zwischen Müller und Westermühlstraße. 

Zum Hans-Sachs-Straßenfest

München und die schwule Szene: „Toleranz ist noch keine Akzeptanz“

München - Mit dem Hans-Sachs-Straßenfest feiert das schwule Kommunikations- und Kulturzentrum Sub alljährlich seinen Geburtstag. Dieses Jahr gibt es ein rundes Jubiläum: 30 Jahre wird die Einrichtung alt. Wir haben mit Kai Kundrath, stellvertretendem Geschäftsführer und Leiter des Projektes HIV-Prävention, über die Veränderungen in der Münchner Schwulenszene und die Arbeit des Sub gesprochen.

Herr Kundrath, seit über 30 Jahren kümmert sich das Sub um die Belange der Schwulen in der Stadt. Was hat sich in dieser Zeit für sie getan?

Insgesamt könnte man natürlich denken, wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es wurde viel über das Thema gesprochen und auch rechtlich hat sich einiges getan. Gleichgestellt sind wir in vielen Bereichen aber trotzdem nicht.

Können Sie Beispiele nennen?

Kai Kundrath ist Soziologe und stellvertretender Geschäftsführer und Leiter des Projekts HIV-Prävention beim Schwulen Kommunikations- und Zentrum Sub.

Die eingetragene Lebenspartnerschaft ist zum Beispiel nicht das Selbe wie eine Ehe. Das sieht man schon daran, dass man auf allen Unterlagen „verpartnert“ statt „verheiratet“ als Familienstand angeben muss. Das ist jedes Mal wie ein kleines Zwangsouting. Dazu kommen im Moment einige gesellschaftliche und politische Bewegungen, zum Beispiel die AfD, mit starken Diskriminierungstendenzen. So etwas zeigt, dass Homosexuelle sich wieder aktiver als im Moment für ihre Rechte einsetzen müssen.

Das Engagement für Toleranz hat also abgenommen?

Es gab eine Zeit, da haben wir Homosexuelle uns auf dem ausgeruht, was in den 80ern erreicht worden ist. Die Dringlichkeit war für einige eine Zeit lang einfach weg. Das sollte sich ändern. Denn man hört zwar immer, Toleranz sei da, aber Toleranz ist eben noch keine Akzeptanz.

Was würden Sie sich denn wünschen?

Dass es diesen ständigen Kampf nicht mehr braucht und wir echte Akzeptanz erreichen. Wenn man in die skandinavischen Länder schaut, sind Schwule und Lesben dort völlig integriert. Schön wäre es, auch hier zu erreichen, dass Homosexualität überhaupt nichts Außergewöhnliches mehr ist.

Welche Rolle spielt das Sub dabei?

Das Sub ist wichtig, um sich immer wieder zu positionieren und politische Statements abzugeben und auch Sichtbarkeit zu erreichen.

Seit Eröffnung des Sub hat sich das Glockenbachviertel stark verändert. Was bedeutet das für die Schwulen?

Ich weiß von den Kollegen aus der Beratungsstellen, dass es in letzter Zeit häufiger zu Pöbeleien und Übergriffen im Viertel kommt. Ich glaube, vor 20 Jahren war es für zwei Männer hier leichter, sich an der Hand zu halten. Damals war das Glockenbach noch ein eindeutig schwules Viertel. Aber in den letzten Jahren wurde es immer mehr zum hippen Wohn- und Ausgehviertel. Dadurch wird es für viele Schwule schwieriger.

Seit über 20 Jahren hat das Sub auch eine eigene Stelle für HIV-Prävention. Wie wichtig ist das Thema heute noch?

Sehr wichtig. Zwar sind die Ansteckungszahlen seit ungefähr zehn Jahren ziemlich konstant, aber aufgrund des medizinischen Fortschritts ist das Thema völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Das Stigma ist allerdings geblieben. Es ist wichtig, HIV immer wieder zu thematisieren, um Neuinfektionen zu verhindern.

Wie gehen Sie dieses Thema heute an?

Vor 20 Jahren haben Präventionsstellen hauptsächlich Kondome verteilt, heute geht es sehr viel darum, die Leute zu HIV-Tests zu animieren, damit sie eine Therapie anfangen können. Außerdem machen wir auf die verschiedenen Safer-Sex-Strategien aufmerksam, die es heute neben dem Kondom gibt. Denn auch hier ist die Medizin deutlich weiter als vor 20 Jahren.

Was sind Herausforderungen, mit denen das Sub heute zu tun hat, die es vor 30 Jahren so nicht gab?

Gerade haben wir durch die vielen Geflüchteten, die nach München kommen, immer mehr schwule Flüchtlinge, die unsere Beratung brauchen. Da geht es um Traumata, aber auch um Unterstützung, bei der Beantragung von Asyl wegen der Verfolgung Homosexueller in den Heimatländern. Wir helfen mit unserem Netzwerk und auch Anwälten. Das ist schon eine Herausforderung, aber gleichzeitig ist die Arbeit sehr wichtig.

Am Samstag feiert die Einrichtung Geburtstag. Wie entstand die Idee zum Hans-Sachs-Straßenfest?

Das Ganze begann mit dem fünften Geburtstag des Sub 1991. Das Straßenfest war ein guter Weg, nicht nur zu feiern, sondern auch der Öffentlichkeit unsere Arbeit vorzustellen. Heute kommen nicht nur Schwule und Lesben, auch Heteros feiern mit.

Wie hat sich das Fest seit 1991 verändert?

Wenn man sich Fotos von den ersten Festen anguckt, waren die schon offensiver schwul – körperbetonter und teilweise auf Auffallen ausgelegt. In München ist die Szene mittlerweile ziemlich kultiviert. Ob das gut ist, sei dahingestellt. Die Schwulen sind nicht mehr so schwul, wie sie es vor 30 Jahren waren.

Dieses Jahr steht das Fest unter dem Motto Frankreich. Was hat es damit auf sich?

Wir haben als Motto jedes Jahr ein anderes europäisches Land. Ich werden oft gefragt, ob das etwas mit Solidarität nach den Anschlägen zu tun hat. Das war nicht die Idee. Aber das Landesmotto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ soll trotzdem zum Nachdenken anregen. Denn wenn das jeder leben würde, dann hätte niemand Probleme.

Bilder: So schön war's im vergangenen Jahr

Schwules Straßenfest in der Hans-Sachs-Straße: Bilder

Interview: Annika Schall

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