+
Buntes Feiervolk: Dass die Stadt immer toleranter wird, finden sie alle gut, trotzdem tut es ihnen leid, dass ihr typisches Ausgehviertel auseinanderbricht.

Früher war's mal umgekehrt

Hans-Sachs-Straßenfest: Schwulenfest im Familienviertel

München - München war am Wochenende das Zentrum der Toleranz: Homosexuelle aus ganz Deutschland feierten auf der Hans-Sachs-Straße für freie Liebe. Doch das Glockenbach ist nicht mehr, was es einmal war. Immer mehr Familien drängen ins einstige Schwulenviertel – für die meisten eine gute Sache.

Buntes Feiervolk: Dass die Stadt immer toleranter wird, finden sie alle gut, trotzdem tut es ihnen leid, dass ihr typisches Ausgehviertel auseinanderbricht.

Die einen backen zig verschiedene Kuchen, hängen bunte Ballons an den Balkon, andere verkleiden sich und verbringen ihren Vormittag mit Schminken und Haarstyling im Badezimmer. Keine Frage – das Hans-Sachs-Straßenfest, das am Samstag zum 26. Mal stattgefunden hat, ist für Homosexuelle, Transsexuelle und alle Verfechter der freien Liebe fester Bestandteil im Kalender. Ein Fest für Toleranz. Jeder tanzt mit jedem, jeder duzt jeden. Nachnamen sind unwichtig, es geht um Menschlichkeit und darum, eins mit der Gesellschaft zu sein.

„Heute ist wie Geburtstag haben“, sagt Josef, 61. „Mindestens genauso wichtig ist dieser Tag mit diesem schwulen Straßenfest für uns“, fügt sein Partner Stefan, 48, hinzu. Josef wohnt seit 20 Jahren in der Hans-Sachs- Straße, genau oberhalb des Festes. Dort, wo der schmiedeeiserne Altbau-Balkon immer so schön bunt mit Luftballons geschmückt ist. Seit 20 Jahren sind er und Stefan ein Paar und genau so lang bei der Party für Gleichberechtigung dabei. „Wir legen sogar unsere Urlaube drum rum“, sagt Stefan. Heute wie früher. Auch wenn sich in ihrer Straße einiges geändert hat. „Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Bedeutung des Viertels für Schwule abnimmt“, sagt Josef.

Das Viertel verändert sich, die Szene schrumpft

Liebt die Münchner Offenheit: Heiner genießt die Atmosphäre am Straßenfest, läuft aber auch sonst überall mit seinem Ehemann Hand in Hand herum.

Je mehr Geld in die Wohnungen gesteckt wird, desto kleiner wird die Szene. Etwa zehn Jahre ist es her, da hat es noch 60 Bars, Cafés, Restaurants und Kneipen für Homosexuelle gegeben. Heute könne man die im Glockenbach an zwei Händen abzählen, meint Stefan. Er erinnert sich an „schwule Buchläden und Videoverkäufer“, die es längst nicht mehr gibt. Von Wehmut allerdings keine Spur. Dass das Schwulenviertel nach und nach auseinanderbricht, sei eine gute Sache. „Wir demonstrieren alle ständig für mehr Toleranz“, erklärt Josef. Satz für Satz steigern sich die beiden ins Gespräch, einer ergänzt den anderen. „Dann können wir uns nicht gleichzeitig beschweren, wenn wir kein eigenes Getto mehr haben, sozusagen. Um ständig nur unter uns zu sein.“ Eine Meinung, die viele teilen. Auch Bastian, 35, und Micha, 43, die für das schwule Straßenfest extra aus Wuppertal nach München gekommen sind. Die Hans-Sachs-Straße war ihnen schon vorher ein Begriff, „obwohl sich hier offenbar nicht mehr eine Schwulenbar an die andere reiht“, sagt Bastian. Doch gerade das macht München für sie umso toleranter. „Junge Eltern, Mann und Frau, die ihren Kinderwagen über die Straße schieben, daneben zwei alte Männer, händchenhaltend – so sieht für mich die optimale Gesellschaft aus“, sagt Bastian und fügt hinzu: „Bestenfalls guckt das Kind noch nicht einmal vor Verwunderung den Männern nach.“ Das soll nicht nur in einem bestimmten Stadtviertel möglich sein, sondern überall, selbst auf dem Land.

Lesen Sie hier unser großes Interview zum 30. Geburtstag des schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum "Sub": "Toleranz ist noch keine Akzeptanz" 

Schick gemacht: Heather Tation (li.) und Irma la Munich wollen den alten Charme des Viertels zurückholen.

Jetzt läuft Heiner tanzend vorbei, der DJ spielt einen Abba-Hit nach dem anderen. Heiner prostet jedem zu, der ihn anlacht. Er ist der gleichen Meinung wie Josef und Stefan, Bastian und Micha. 44 ist er, wohnt in Haidhausen und freut sich, mit seinem Ehemann mittlerweile in Restaurants überall in München essen gehen zu können – nicht nur in denen im Glockenbachviertel. „Früher war das nicht so leicht, schon gar nicht, wenn man auch mal Hand in Hand reingelaufen ist. Oft wurde man behandelt wie ein Störenfried. Schließlich hatte man eigene Lokalitäten im Schwulenviertel.“

In eine Bar zu laufen und sofort von Gleichgesinnten umringt zu sein – dass ist allerdings nicht mehr so einfach. „Mit diesen Bars fallen unsere Schutzräume weg, in denen wir schon immer wir selbst sein konnten“, sagt Heiner. Vielleicht brauche es die aber auch gar nicht mehr. Je mehr sich das Viertel auflöse und sich die Szene auf die ganze Stadt verteile, desto mehr Freiheit bedeute das für die Homosexualität. Und das ist genau das, was sie alle wollen.

Franziska Bär

 

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Pornos im Apotheken-Schaufenster: Das sagt die Besitzerin

München - War das Absicht? Polizeibeamte entdeckten am Mittwochabend, dass im Schaufenster einer Apotheke am Sendlinger Tor auf mehreren Monitoren Pornos liefen. Wie …
Pornos im Apotheken-Schaufenster: Das sagt die Besitzerin

Ruffinihaus wird saniert - Tod der Traditionsläden?

München - Das Ruffinihaus muss schon bald saniert werden. Das könnte für die kleinen Traditionsläden schwerwiegende Folgen haben.
Ruffinihaus wird saniert - Tod der Traditionsläden?

Monopteros hüllenlos: Wir streamen live

München - Nachdem der Monopteros saniert worden ist, sind seit Donnerstag alle Gerüste entfertn worden. Wie sieht das Münchner Wahrzeichen aus? Das erfahren Sie hier.
Monopteros hüllenlos: Wir streamen live

Trambahn entgleist am Lenbachplatz - Feuerwehrler müssen schieben

München - Am Mittwochabend ist in der Innenstadt eine Trambahn entgleist. Bis spät in die Nacht war die Feuerwehr im Einsatz, um die Tram wieder in die richtige Spur zu …
Trambahn entgleist am Lenbachplatz - Feuerwehrler müssen schieben

Kommentare