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Tambosi-Chef Frank Waldecker sagt: „Der Pegida-Quatsch geht direkt vor unserer Haustüre los.“

"Das ist doch Volksverhetzung"

Pegida: Münchner sind von den Dauer-Demos genervt

München - Seit neun Wochen demonstriert Pegida fast täglich in der Münchner Innenstadt. Mitarbeiter und Inhaber von Geschäften und Cafés sind genervt. Doch der Stadtverwaltung sind die Hände gebunden.

Inge Renner ist eine Ur-Münchnerin, eine gelassene Frau, die nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Die Chefin des Café Renner im Rathaus hat schon viel erlebt. Aber was sich in den vergangenen Monaten vor ihrer Tür abspielt, kann sie nicht fassen. „Das ist doch Volksverhetzung!“, ruft sie. Sie verstehe nicht, warum die Stadt die Pegida-Kundgebungen nicht verbietet. Dabei geht es ihr nicht nur um Kunden, die verloren gehen. „Mich erinnert es an unsere dunkle Vorgeschichte mit den Juden. Da haben doch auch alle erst mal abgewartet und weggeschaut. Und am Ende wollte es keiner gewesen sein.“

Seit Monaten demonstriert Pegida montags am Odeonsplatz – und mittlerweile auch dienstags bis freitags am Marienplatz. Dort spielen die selbsternannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ über Lautsprecher Muezzin-Rufe ab, um vor der vermeintlichen Islamisierung zu warnen. Oft sind nur eine handvoll Aktive da. Aber sie prägen das Bild von Münchens guter Stube bei den Touristen, die hier aus dem Sperrengeschoss strömen.

Denen, die jeden Tag am Platz arbeiten, gehen sie auf die Nerven. Für Café-Betreiberin Renner kommt dazu, dass Kunden jetzt nicht mehr so gerne verweilen. „Seit die hier stehen, mache ich bis zu 30 Prozent weniger Umsatz“, sagt sie. „Die Muezzin-Rufe irritieren die Kundschaft.“ Manchmal sei die Geräuschkulisse dramatisch. „Dann kommt alles zusammen: Notarzt, Kirchenglocken, der Muezzin-Ruf von Pegida, die Baustelle.“ Irgendwie, sagt Renner, sei doch klar, dass da keiner mehr ins Café kommt.

Ein anderer Geschäftsinhaber am Marienplatz möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Er sagt, die Situation erinnere ihn beinahe schon an Folter. „Nur Lärm und Schmutz hier. Warum muss das am Marienplatz sein?“ Die Frage stellen sich auch Touristen – denn die haben erst einmal keinen blassen Schimmer davon, was hier vor sich geht. Ein Mitarbeiter der Stadtinformation im Rathaus berichtet: „Bis zu zehn Touristen fragen bei uns täglich nach, was das soll.“

Der Marienplatz werde zum "Schandplatz"

Auch in der Rathaus-Apotheke sind die Mitarbeiter genervt von den Dauer-Demos. Apothekerin Brit Berger sorgt sich um die internationale Kundschaft. „Schrecklich, dass die Stadt das zulässt. Das ist doch auch Geldverschwendung. Vier Tage die Woche bauen die Polizisten Zäune auf und ab, bewachen die Kundgebung. Die könnte man sinnvoller einsetzen.“ Der Marienplatz, eigentlich der Vorzeigeplatz der Landeshauptstadt, werde durch Pegida zum "Schandplatz“. Die junge Verkäuferin eines anderen Ladens berichtet von beunruhigenden, regelmäßigen Handgreiflichkeiten zwischen Passanten und Demonstranten.

All das führt dazu, dass Kunden nicht mehr kommen. „Das kaufende Volk bleibt weg“, sagt auch Bianca Wescher (42) von der Metzgerei „Fränkische und Westfälische Wurstwaren“ an der Dienerstraße. „Wir haben bis zu 30 Prozent Umsatzeinbußen: Kein Wunder, wenn da draußen jeden Montag alles versperrt ist.“

Jeden Montag findet am Odeonsplatz die „große“ Pegida-Demo statt – auch wenn mittlerweile nur noch bis zu 200 Anhänger kommen. Trotzdem werden der Tram- und der Autoverkehr rund um den Odeonsplatz massiv eingeschränkt. Was auf Straße und Schiene nur nervt, sorgt vor Ort mitunter für Verzweiflung. Im Café Tambosi etwa. „Den Montagabend kannst du in der Pfeife rauchen!“ schimpft Chef Frank Waldecker. „Der Pegida-Quatsch geht direkt vor unserer Haustür los: Unser Café ist dann wie ausgestorben. Ab 16 Uhr sperrt die Polizei alles bis zur Reiterstatue ab. Wir müssen unsere gesamte Bestuhlung reinholen – und zwar nicht nur am Odeonsplatz, sondern auch im Hofgarten.“ Waldecker fürchtet Umsatzeinbußen im Sommer, wenn Gäste im Freien sitzen wollen.

Zwei Mitarbeiter in umliegenden Cafés erzählen Ähnliches. Montagabends sei der Umsatz gleich null. In einem Porzellanladen fordern Mitarbeiter ihre Kunden – häufig ältere Leute – sogar auf, jetzt am besten nach Hause zu gehen, damit sie in aller Ruhe und Sicherheit den Platz verlassen können.

Denn hinter den Absperrgittern, bei den Demonstranten, geht es mittlerweile radikaler zu. Anfang 2015 gab sich Pegida in München noch betont bürgerlich. Die Zeiten sind vorbei. Beobachter sehen seit Monaten viele organisierte Neonazis mitmarschieren.

Auch der Bayerische Verfassungsschutz (LfV) hat mittlerweile offiziell ein Auge auf Pegida München geworfen. Der Verein verfolge extremistische Ziele, heißt es beim LfV: „Wesentliche Teile des Vorstands von Pegida München sind der rechtsextremistischen, beziehungsweise verfassungsschutzrelevanten islamfeindlichen Szene zurechenbar“, sagt Sprecher Markus Schäfert. Als Kennzeichen von Pegida bezeichnet Schäfert die „Hetze gegen Muslime und muslimische Asylbewerber sowie Aufrufe zur Selbstjustiz“.

Man könne Pegida nicht zu Ortswechseln zwingen

Verboten werden die Kundgebungen nicht. Nicht nur Geschäftsleute um Marien- und Odeonsplatz, auch viele Münchner haben dafür inzwischen keinerlei Verständnis mehr. Die Stadt verteidigt das mit Verweis auf das Grundgesetz. „Pegida macht vom Grundrecht auf Versammlung Gebrauch“, sagt Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle (parteilos) unserer Zeitung. Ob man Pegida nicht wenigstens zu Ortswechseln zwingen könnte um den Geschäftsleuten eine Verschnaufpause zu gönnen? „Nein“, sagt Blume-Beyerle. „Das Grundrecht beinhaltet Ort, Zeit und Thema völlig frei zu bestimmen.“ Die Stadt habe in Gesprächen mit Pegida durchaus kleine Erfolge erzielt, sagt der oberste Ordnungshüter. So ertönen die Muezzin-Rufe am Rathaus nun nicht nonstop, sondern „nur“ alle 15 Minuten, die dortige Kundgebung findet an vier Tagen die Woche für drei Stunden statt – nicht noch häufiger und noch länger. Blume-Beyerle verweist außerdem darauf, dass es gelegentlich gelingt, die montäglichen Pegida-Versammlungen einige Meter von der Feldherrnhalle weg vor das Innenministerium zu verlegen. Und darauf, dass die Stadt mit Verboten von Demonstrationen oft vor den Gerichten gescheitert ist.

Auch OB Dieter Reiter (SPD) kennt das Problem. An ihn werde herangetragen, Pegida zu verbieten, erzählt er. Auch er verweist auf das Versammlungsrecht. Der OB sagt aber auch: „Die Verärgerung der Passanten und auch vieler Geschäftsleute kann ich nachvollziehen.“ Das Grundrecht gelte aber eben nunmal – „auch wenn es unerträglich ist, dass derart rassistische und hetzerische Parolen im Tagesrhythmus verbreitet werden.“

Wie es aussieht, müssen die Anlieger also vorerst mit dem Spuk leben. Kleidungsgeschäfte an der Brienner Straße werden weiter montags früher schließen als sonst, damit ihre Mitarbeiter ohne Angst nach Hause kommen. Das Tambosi wird weiter seine Stühle nach drinnen räumen. Bis, so hoffen alle, Pegida irgendwann aufgibt. Denn mehr als kleine Verschnaufpausen kann die Stadt nicht in Aussicht stellen. Immerhin: Die traditionelle Meisterfeier des FC Bayern auf dem Marienplatz, sagt Kreisverwaltungsreferent Blume-Beyerle, werde definitiv stattfinden – auch wenn die Demo deshalb entfallen müsse.

inc/fm

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