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Früher war’s der „Wurzelsepp“: Das Kräuterhaus ist ein Traditionsbetrieb.

Traditionsbetrieb in der Innenstadt

Wundklee und Katzenpfötchen: Das gibt's nur im Spezialgeschäft

München - Seit knapp drei Jahrzehnten betreibt Sabine Bäumler ein Spezialgeschäft für Heilkräuter an der Blumenstaße.

Nur wenige Gehminuten von der Hektik der Innenstadt entfernt liegt das „Kräuterparadies Lindig“. In dem urigen Geschäft an der Blumenstraße 15 ticken die Uhren etwas langsamer – zumindest gefühlt. Die ältere Generation der Münchner kennt den Laden vielleicht noch aus Kindheitszeiten, als Spezialgeschäft für Heilkräuter. Der alte Name steht noch an der gelben Fassade: „D’original oberbayerische Kräuter u. Wurzelsepp“. Gegründet im Jahr 1878. Früher war der Laden in Apothekerhand. Heuer führt ihn Sabine Bäumler, Kräuterfee und Geschäftsfrau in Personalunion.

Lavendel wirkt oft beruhigend – das weiß Kräuterfee Sabine Bäumler aus jahrelanger Erfahrung.

„Schauen Sie mal“, sagt die 50-Jährige und verschwindet für einen Moment im Lager hinter dem Verkaufsraum. Als sie wieder auftaucht, trägt sie ein kleines Holzfässchen unterm Arm. Ein intensiver Wohlduft geht davon aus. Sie öffnet den Deckel. Der Bottich ist bis oben hin mit Lavendelblüten gefüllt. „Frisch aus Südfrankreich“, sagt sie und lacht. Dann erklärt sie, was man damit alles machen kann. Eben nicht nur Lavendelsäckchen, sondern auch Lavendelsirup. Oder Lavendelbutter. Dafür müsse man den klein geschnittenen Lavendelblüten Rosmarin, Salz und Zitrone hinzugeben und sie anschließend mit handelsüblicher Butter vermengen. Dem Lavendel werde in der Naturheilkunde zwar generell eine beruhigende Wirkung nachgesagt. Doch nicht jeder könne damit etwas anfangen. Es sei schon auch ein wenig Typsache, warum dem einen etwas zusage, dem anderen aber vielleicht nicht.

Meterhohe Holzregale zeugen noch von der einstigen Apotheke

Den alten Apotheken-Charme hat Sabine Bäumler in ihrem „Kräuterparadies“ bewahrt. Dunkle Holzregale ziehen sich meterhoch bis unter die Decke. Sie sind mit runden Holzgefäßen bestückt, die mit wohlklingenden Pflanzennamen wie „Wundklee“, „Frauenhaarkraut“ und „Katzenpfötchen“ beschriftet sind. Auf dem Tresen steht eine Waage. Ganz wie früher. Dabei achtet Bäumler darauf, dass ihr Geschäft nicht mit einer Apotheke verwechselt wird. Ein Schild im Verkaufsraum schafft Klarheit: Die Präparate, die hier verkauft würden, könnten der „Kräftigung der Gesundheit“ dienen, seien aber „keine Arzneimittel“.

Auch hinter den Kulissen duftet es. Allein das Lager mit den hüfthohen Behältern aus Buchenholz ist beeindruckend. 20 Kilo getrocknete Ringelblumen hier, 20 Kilo Rosenblütenknospen dort. Es geht um insgesamt etwa 500 Naturprodukte, aus deren Mischungen zum Beispiel Teesorten entstehen.

Die Ware komme von Kräuterbauern, sagt Sabine Bäumler. Sie hat den Laden an der Blumenstraße vor 27 Jahren übernommen und betreibt ihn mit ihrem Mann Dirk. Sie sei von Beruf Verkäuferin, sagt die gebürtige Oberpfälzerin; ihre Tätigkeit beschreibt sie als „ein Handwerk“. Das Wissen um die Wirkung der Pflanzen habe sie sich über viele Jahre hinweg angeeignet. Die Geschichte ihres Ladens kennt die Geschäftsfrau gut: Früher wurden die Kräuter hier direkt auf dem Dachboden getrocknet. Manche der älteren Kunden hätten hier schon als Kind mit der Mutter eingekauft. Gerade Senioren sei die Heilkraft der Gewächse sehr bewusst. „Sie haben gelernt, auf ihre Gesundheit zu achten.“

In kleinen Holzfässchen stecken die heilsamen Kräuter – wie einst zu Apothekenzeiten.

Sabine Bäumler grinst. „Soll ich Ihnen mal meine Nachtlektüre zeigen?“ Das Buch, das sie aufschlägt, ist antiquarisch: „Das große illustrierte Kräuterbuch“ von Ferdinand von Müller, einem berühmten Botaniker des 19. Jahrhunderts. Die Erstauflage des Buches wurde bereits 1860 veröffentlicht. Altes Wissen also. Vorne sind die „wichtigen Heilpflanzen“ aufgemalt: Holunder, Huflattich, Kamille und mehr. Hinten gibt es die Erklärungen dazu – perfekt für Sabine Bäumlers Kräuterpassion. Auch mit Pfarrer Kneipp hat sie sich intensiv beschäftigt. Und mit Hildegard von Bingen. In Salaten und Gemüsen gebe es heutzutage immer weniger Bitterstoffe, weiß sie deshalb. „Sie wurden quasi weggezüchtet.“ Auch hier könnten die Kräuter wohltun.

Vor allem Senioren ist die Heilkraft der Kräuter oft bewusst

Einen Bezug zur Natur habe sie schon immer gehabt, sagt Bäumler. In Altötting besitze sie einen Bauernhof. Als Kind sei sie mit der Oma in der Oberpfalz oft draußen gewesen, habe Blaubeeren gesammelt oder Eierschwammerl gesucht. „Himbeeren haben wir daheim zu Sirup verarbeitet.“

Heute hat sie selbst drei erwachsene Kinder. Mit ihnen habe sie früher die Kräuter aus dem Garten im Sommer getrocknet und Duftkissen daraus gemacht, erzählt sie. Und auch ätherische Öle für die Badewanne wurden daheim regelmäßig ausprobiert.

Viele der Kräutermischungen, die Sabine Bäumler in ihrem Laden verkauft, bereitet sie vorher in mühseliger Handarbeit vor. Einige Zutaten müssen in einem Mörser zerstampft und in Form gebracht werden. Ob Dillkraut, Estragon, Liebstöckelblätter, Bohnenkraut oder Beifuß – der Kunde soll schließlich nur das Beste bekommen.

Auch mit Kollegen steht Bäumler in regem Austausch: Apotheken hätten manchmal Anfragen, wenn sie etwas Spezielles bräuchten, auch Heilpraktiker schauen gern vorbei.

Auf Trab hält sie auch ihr Online-Shop, den sie neben dem normalen Betrieb führt. Man muss es sich nicht schönreden: Auch in einem urigen Geschäft wie hier ticken die Uhren eben ganz normal.

Anne Hund

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