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Das macht Lärm: Die Kanone, die Balthasar Schlickenrieder (l.) in seiner Obhut hat, stammt aus dem Jahr 1919. Bis 2003 hat sie Albert Mayer bedient.

Diese Kanone wird an Fronleichnam abgefeuert

Ein Knaller von 1919

Otterfing - Wenn es in Otterfing knallt und scheppert, ist oft Balthasar Schlickenrieder Schuld. Er ist der Kanonier der Gemeinde und immer zur Stelle, wenn Salutschüsse zum Protokoll gehören – wie beim Fronleichnamszug.

„Gerissen hat’s einen als Kind, als geschossen wurde.“ Der Knall der Schmauch, fasziniert hat es Balthasar Schlickenrieder schon. Doch dass er es einmal sein sollte, der die Salutschüsse auslöst, damit hatte der Otterfinger nicht gerechnet. Fast erstarrt sei er, als er vor 13 Jahren von der Gemeinde gefragt wurde, ob er Kanonier Albert Mayer ablösen wolle. „Wahrscheinlich haben sie mich gefragt, weil ich in fast allen Vereinen Mitglied bin“, sagte er und schmunzelt. Mitglied bei den Trachtlern, den Veteranen, den Schützen, bei der Blasmusik und der Freiwilligen Feuerwehr. Nur den Sportverein hat der 51-Jährige ausgespart. 

Einen Moment musste der Bauhof-Mitarbeiter dann aber schon überlegen, ob er dieses Ehrenamt annimmt. „Es ist eine Tradition. Und eigentlich etwas für einen Veteranen und nichts für einen Ausgemusterten wie mich.“ 

Dabei ist seine Kanone ein wahres Schätzchen. Die Jahreszahl 1919 ist in ihr Holzgestell geschnitzt. Mayer (79) ist sich aber sicher, dass sie bereits im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam und älter sein muss. Mittlerweile wartet das gute Stück die meiste Zeit des Jahres gut verwahrt am Recyclinghof auf die nächsten Einsätze. Die sind streng festgelegt: zu Fronleichnam, Heimat- und Trachtenfesten, zu Beerdigungen von Reservisten – ursprünglich waren es Kriegsteilnehmer – und am Volkstrauertag. Drei Schüsse ertönen in der Regel. 

Die Kartuschen mit 50 bis 80 Gramm Böllerpulver bereitet Schlickenrieder im Bauhof vor. Dann verschließt er sie bis zu ihrem Einsatz sicher in einem Wagen. Genauso wie den Verschluss, an dem Zündbolzen und Zündschnurr angebracht sind. Ohne ihn bleibt die Kanone still. 

Wie dieses eine Mal, erinnert sich Schlickenrieder, als er für eine Beerdigung alles vorbereitet und sicher verstaut hatte. „Und als ich aus der Kirche herauskam, war alles verschwunden, nur die Kanone stand noch da.“ Die Welt habe er in diesem Moment nicht mehr verstanden, weil er doch alles weggeschlossen hatte – in einem Fahrzeug der Gemeinde. Nicht gerechnet hatte er mit den Hinterbliebenen des Verstorbenen. „Die wollten nicht, dass geschossen wird.“ Und da sie Schlickenrieder nicht erreicht hatten, informierten sie kurzerhand den Leiter des Bauhofs über ihr Anliegen, der daraufhin das entscheidende Zubehör in seine Obhut nahm. 

Bei Schlickenrieder war der Schreck groß genauso wie die anschließende Erleichterung. Fällt der Verschluss einmal in die falschen Hände, ist die Kanone nicht mehr einsatzbereit. Und in Otterfing gibt es einige, die sich an den Böllerschüssen stören, weiß der 51-Jährige. Deshalb muss er auch darauf achten, dass das Kanonenrohr immer frei ist. Bis zu zwei Kilometer könnte ein ungeplantes Geschoss fliegen. 

Recht machen kann er es ohnehin den wenigsten. Den einen ist es zu laut, die anderen stören sich am nicht sekundengenauen Einsatz – vor allem beim Fronleichnamszug. „Es ist nicht so einfach den richtigen Zeitpunkt zu treffen“, sagt Schlickenrieder. Die Böllerschüsse ertönen, wenn der Pfarrer die Monstranz anhebt. Aber wann das genau ist, sieht der Kanonier meist nicht: Er muss für sich und seine Kanone einen Platz suchen, bei dem um die Mündung ein Bereich von 50 Metern frei ist und um die Kanone selbst von 15 Metern. Und das ist in der Regel etwas vom Zug entfernt. Deshalb ist er auf Hilfe angewiesen – auf jemanden, der ihm ein Zeichen gibt. In Konrad Eder hat Schlickenrieder einen gewissenhaften Helfer gefunden. 

Wie lange die beiden noch dafür sorgen, dass die Böllerschüsse zur rechten Zeit abgefeuert werden, weiß der Bauhofmitarbeiter nicht. Bislang hat sich kein möglicher Nachfolger bei ihm gemeldet. Und so lange die Frage offen ist, sorgt Schlickenrieder dafür, dass es in Otterfing knallt.

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