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Unter Kaisern und Narren: Oliver Huber inmitten der Figuren aus einem historischen Panoptikum, die er gerade restauriert. Das Atelier des Holzkirchners ist ein wahres Kuriositätenkabinett, in dem Filmausstatter oft fündig werden – sogar für Hollywood-Blockbuster.

Filmrequisiten-Atelier in Holzkirchen

Besuch im Kuriositätenkabinett

Holzkirchen – Hier steht der Alte Fritz neben Kaiser Wilhelm I., ein lebensgroßes Pferd neben einem Mongolenkrieger – und alle sind aus Wachs. Doch Oliver Huber ist mehr als ein Holzkirchner Monsieur Tussaud. In seinem Kuriositätenkabinett finden Filmproduktionen passende Requisiten. Sogar schon für die Kinofilme „Heidi“ und „James Bond“.

„Der deutsche Kaiser ist zu Besuch in Holzkirchen.“ Oliver Huber lacht und verschwindet in einer dunklen Ecke seines Ateliers. Wo genau ist er jetzt, der Regent? Huber, leger in Jeans und Pullover, huscht zwischen schmuck gekleideten Uniformierten hin und her: dunkles Tuch, goldene Knöpfe, Tressen und Borten, die von besonderem Rang zeugen. Hinter einer Vitrine steht Hindenburg, nur ein paar Schritte entfernt Napoleon III.. Den Alten Fritz mit seinem charakteristischen Haltungsschaden flankieren ein paar Lange Kerls, Soldaten des altpreußischen Infanterieregiments No. 6, das man landläufig Potsdamer Riesengarde nannte. Auch hier überragen die Männer mit den spitzen Hüten alle anderen. 

Wachsfiguren

Während der Blick schweift und das Auge an unendlich vielen winzigen Details haften bleibt, ist der Hausherr im Labyrinth aus Körpern fündig geworden. Da ist der Gesuchte: Kaiser Wilhelm I. Mit buschigen Koteletten und opulent-gezwirbeltem Schnauzbart steht er in einem Sammelsurium, das den Betrachter staunen lässt. 

Was hier aufmarschiert ist, war einst als Castan’s Panoptikum der absolute Publikumsmagnet in Berlin. Die Brüder Louis und Gustav Castan, einer Künstler, einer Kaufmann, hatten nach Vorbild von Madame Tussaud im jungen deutschen Kaiserreich ein Panoptikum gegründet, erzählt Huber. Ins Berliner Stammhaus seien ab 1860/65 bis zu 10 000 Besucher an einem Wochenende geströmt, um „berühmte Persönlichkeiten und berüchtigte Zeitgenossen“ in lebensgetreuer Nachbildung zu betrachten. Ein Vergnügen, das mit der Stummfilmzeit und der Pleite der Institution endete. Danach wurden die Figuren, die in ihrer künstlerischen Qualität alle anderen Kabinette weit übertrafen, eingelagert. Der Versuch eines Revivals 2012 scheiterte an der lieblosen Präsentation, ehe ihr Weg über Umwege in die Marktgemeinde führte. Hier hat Familie Huber ihr Atelier für Kunst und Gestaltung.

Antiquitätenverleih

Seit mehr als 15 Jahren ist der Verleih historischer Requisiten die große Stärke des Restaurators und Antiquitätenfachmanns mit dem Blick fürs Besondere. Irgendwann habe er begonnen, sich zu spezialisieren, seine Augen für kuriosere, einzigartigere Dinge offen zu halten. Heute hat er auf 2000 Quadratmetern „einen Fundus, der sitzt“. Wer ihn dort besucht, schlendert durch komplette Lebenswelten. 

In der Regel sind es Szenenbildner und Requisiteure aus der Filmbranche, die zu Huber kommen. Dort hat es sich längst herumgesprochen, dass er die richtige Adresse für all die Details ist, die für ein authentisches Set sorgen. Gläser, Geschirr, Besteck, Koffer, Taschen, Spazierstöcke oder Fahrräder, historische Medizinfläschchen, alte Emailleschilder oder kupferne Wärmflaschen. Vom Messerbänkchen bis zum Stempelhalter, von der alten Bar bis zur Apotheke reicht das Angebot. Und was er nicht im Haus hat, kann Oliver Huber dank jahrzehntelanger Erfahrung und Kontakte meist schnell organisieren. 

Clooney als Kunde 

Die letzten Stunden waren etwas hektisch. Für die 16-teilige Tykwer-Serie „Babylon Berlin“, einen gerade angelaufenen, außergewöhnlich opulenten Dreh, der auf der Basis von Volker Kutschers Krimis im Berlin der 1920er-Jahre spielt, mussten gerade Flaschen per Express in die Hauptstadt. Jetzt ist Zeit für einen schnellen Espresso an der pastellfarbenen Bar aus den 1950er-Jahren. Sabine Huber fegt die letzten Schnipsel Holzwolle vom Fußboden, während Oliver erzählt, wie er sein eigentlich auf die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg spezialisiertes Angebot für George Clooneys „The Monuments Men“ (2014) erweitern musste. Einen anderen zeithistorischen Ausreißer stattete er vor einigen Jahren aus: Für Marcus H. Rosenmüllers „Sommer in Orange“ zog er unter anderem ein cremefarbenes Wohnmobil aus der Hippiezeit an Land und machte es mit Sohn Moritz fahrtüchtig. 

Ein Plausch an der Bar: Im Atelier schlendern Szenenbildner und Requisiteure vom Film durch richtige Szenerien. Im Hintergrund: Köpfe aus dem Panoptikum, alte Flaschenmodelle und Geschirr vergangener Zeiten.

Dass sie beide „gleich gepolt sind“, schätzen Vater wie Sohn und entwickeln dabei extrem viel Kreativität. Manchmal müssen sie „kleine Dinge so nachbauen, dass sie wie echt aussehen“, häufig restaurieren. Auch am Castan’schen Panoptikum gibt es einiges zu tun. Allein die Figuren aufzubauen ist wie ein Puzzle, nachdem sie der Spediteur in wahllos zusammengeworfenen Portionen ausgeliefert hat. In einer Schale liegen Hände, auf einem Tresen Köpfe, bei deren Anblick man immer wieder erschrickt. Die aufwendig und lebensecht gefertigten Antlitze aus Kolophonium, verschiedenen Baumwachsen und echten Haaren machen die Castan-Figuren so besonders.

Die Feldherren und Herrscher werden aufpoliert das Atelier wieder verlassen. Hubers Lieblingsstücke bleiben. Und verleiten vielleicht irgendwann Sabine Huber beim Besuch im Fools-Kino wieder zu einem freudigen „Das ist ja von uns“, wie zuletzt bei „Heidi“ und „James Bond“.

Heidi Siefert

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